Bluesrock

Bluesrock, zusammengesetzt aus englisch »Blues« und englisch »Rock«, vor allem von britischen Musikern entwickelte Form einer Verbindung von Blues und Rock, in der als Besetzung das Trio und das Quartett vorherrscht, elektrische Gitarre, elektrische Bassgitarre und Schlagzeug die zentralen Instrumente sind und der Gesang in einem intensiven Wechselspiel mit der solistisch agierenden Gitarre steht.

Der Bluesrock wurde Anfang der 1960er-Jahre von britischen Musikern begründet, die in der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre in britischen Jazz-Bands oder Skiffle-Gruppen gespielt hatten. Mit dem Blues waren sie zumeist durch Schallplatten und Konzerten von amerikanischen Bluesmusikern in Berührung gekommen. Eine Figur von zentraler Bedeutung war der Sänger und Gitarrist Alexis Korner, der sich auch als Impresario für Tourneen amerikanischer Bluesmusiker betätigte, gründete 1961 die Band Blues Incorporated, zu der im Laufe der Zeit Musiker wie Charlie Watts, Jack Bruce, Ginger Baker, Long John Baldry, Graham Bond und Dick Heckstall Smith gehörten. Von ähnlicher Bedeutung war der Gitarrist, Keyboard-Spieler und Sänger John Mayall, zu dessen 1963 auf Anregung Korners gegründeter Band The Bluesbreakers im Laufe der Jahre beinahe alle Musiker spielten, die in den 1960er-Jahre zu größter Bedeutung für die Rock- und Popmusik kamen und zum Teil bis in jüngste Zeit aktiv sind: Eric Clapton, John McVie, Mick Fleetwood, Aynsley Dunbar Jon Hiseman und Walter Trout gehören dazu, aber auch Jack Bruce, Harvey Mandel, Peter Green, Mick Taylor, Don »Sugarcane« Harris, Dick Heckstall Smith und Andy Fraser.

Aus diesen frühen Bands gingen zahllose weitere Formationen hervor, so The Rolling Stones, Cream, Fleetwood Mac, Keef Hartley Band und die Big Band C.C.S., doch gab es auch andere britische Blues-Bands, die in diesen Jahren ihre Karriere begannen: The Animals, The Yardbirds, dann die Jeff Beck Group, Led Zeppelin, Jethro Tull, Taste mit Rory Gallagher, Georgie Fame and the Blue Flames, Ten Years After und Bloodwyn Pig. Ursprung des Erfolges des Bluesrocks war die Band The Yardbirds, bei der die Gitarristen Eric Clapton, Jimmy Page und Jeff Beck die Möglichkeit nutzten, einem größeren Publikum bekannt zu werden, um dann eigene Bands zu gründen.

In der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre formulierten diese Gruppen – Cream, Led Zeppelin, The Jeff Beck Group, zudem Colosseum – aus, was als Bluesrock anzusehen ist: Sänger und Gitarrist, häufig in Personalunion, stehen im Vordergrund, doch können Bassist und Schlagzeuger sich jederzeit aus der begleitenden Funktion lösen und solistische Aufgaben übernehmen; Keyboard-Instrumente – ohnehin nur durch Klavier und Hammond-Orgel vertreten – sind von untergeordneter Bedeutung. In der Anlage war der Bluesrock dieser Bands aber durchaus konventionell, die 12-Takt-Form herrschte vor, in den Soli der Gitarristen die Blues-Pentatonik, und allemal der Vier-Viertel-Takt. Die Klangwelt selbst war dem amerikanischen City Blues und dem späteren Rhythm’n’Blues entnommen. Im Hintergrund aber stand auch die Rock- und Popmusik der anderen, von den Beatles angeführten Bands: So war der Bluesrock etwa für eine Band wie The Rolling Stones eine Episode der Anfangszeit, die in den späten 1960er-Jahren zugunsten von Pop-Songs zumindest vorübergehend teilweise aufgegeben wurde. Ähnlich bei der Band Jethro Tull: Der Bluesrock der frühen Jahre der Band wich bald einem ausgeklügelten ironischen Progressive Rock – wie andererseits aber auch in der Musik von Pink Floyd und da vor allem im Spiel des Gitarristen David Gilmour der Blues erkennbar blieb. Und bei Colosseum wurde mitunter ein metrisch und rhythmisch avancierter Bluesrock gespielt, der nichts mehr mit dem eher lieblosen Abspulen von 12-Takt-Turnarounds zu tun hatte.

Wesentlicher Katalysastor für das Wachsen des Bluesrocks in eine weltweite Bedeutung war die Band des amerikanischen Gitarristen und Sängers Jimi Hendrix, The Experience. Hendrix war in den USA leidlich erfolgreich als Sideman verschiedener Rhythm’n’Blues Bands, konnte ein eigene Karriere aber erst aufnehmen, als ihn der Bassist der britischen Band The Animals, Chas Chandler, überzeugen konnte, nach Großbritannien zu kommen und dort ein eigenes Trio zu gründen. Hendrix revolutionierte das Spiel der elektrischen Gitarre und wurde in eine Idealkonkurrenz zu Eric Clapton gebracht – obwohl Clapton eine eher konservative Einstellung zum Blues hatte. Nach 1970 waren Bluesgitarristen geradezu gezwungen, sich entweder als Adept Clatponms doer Hendrix‘ zu positionieren.

Hendrix, obwohl Amerikaner, war kein Repräsentant des amerikanischen Blues, er repräsentierte seine ureigene Auffassung von Blues. Der amerikanische Blues – als Rhythm’n’Blues ein wenig populäres Überbleibsel der Race Music der 1950er-Jahre – wurde von den Schwarzen eher gemieden. Das Blues Revival in den USA ging von jungen, oft akademisch gebildeten weißen Musikern aus, die den Blues als »aufrichtige« Musik verstanden, der ihnen die ideale Grundlage auch für gesellschaftskritische Songs zu bieten schien; nicht zuletzt unter den Kompositionen Bob Dylans finden sich einige Blueskompositionen. Zu den auch in Europa bekannt gewordenen Gruppen dieses Revivals gehören etwa Canned Heat und The Blues Project. Bei Blues Project spielten etwa Al Kooper wie in der Band Dylans Orgel und Klavier, er gründete später die Horn Band Blood Sweat & Tears und wurde schließlich so etwas wie eine Graue Eminenz der amerikanischen Rockmusik. Ihm zur Seite stellten sich etwa die Gitarristen Mike Bloomfield und Stephen Stills, später der Gitarrist Shuggie Otis; Verbindungen Koopers gibt es aber auch zu B.B. King, Jimi Hendrix und Cream.

Und zu Lynyrd Skynyrd, einer amerikanischen Bluesrock-Band, deren Musik sich von der der britischen Bands unterschied. Lynyrd Skynyrd, deren ersten Platten Kooper produzierte, war aber nur eine der Bands der Südstaaten der USA. Weitere waren The Allman Brothers Band, die Formationen von Johnny und Edgar Winter, später dann Little Feat, die Bands von Stevie Ray Vaughan, die von von der Country Music beeinflussten Formationen von Ry Cooder und David Lindley bis hin zu Bands wie Gov’t Mule mit ihrem schweren Bluesrock.

War der Bluesrock von Cream oder Led Zeppelin Ende der 1960er-Jahre noch eine zeitgemäße Strömung innerhalb der Rockmusik, die sich leicht neben dem Gemisch von Rock und Pop der Beatles und anderen und den sich herausbildenden Jazzrock einerseits und Progressive Rock andererseits behaupten konnte, so geriet er im Laufe der 1970er- und dann erst recht in den 1980er-Jahren in den Hintergrund. Aber nur bei oberflächlicher Betrachtung, denn tatsächlich blieb der Bluesrock allgegenwärtig, wenn auch nicht unbedingt in der aus den 1960er-Jahren überkommenen Form. Ein Song wie »U Got The Look« ist ein Blues, war aber denkbar weit von dem inzwischen im Formelhaften erstarrten Bluesrock entfernt. Gleichwohl hat der Bluesrock klassischer Prägung, dem wenigstens Authentizität, wenn nicht gleich »Ehrlichkeit« unterstellt wird, und den stets der Nimbus des Handgemachten, Selbstgemachten umgibt, eine treue Anhängerschaft. So gab es in den 1980er- und 1990er-Jahren neben diversen etablierten Musikern immer wieder junge Musikerinnen und Musiker, die sich der alten Schwarzen Musik widmeten. Zumal Frauen eroberten sich spätestens ab Ende der 1990er-Jahre sichere Plätze auf den Konzertbühnen der Welt. Zu diesen Musikern, oft Gitarristen und Sänger beziehungsweise Sängerinnen gehören etwa Robert Cray, Johnny Lang, Derek Trucks, Joe Bonamassa, Henrik Freischlader, Dana Fuchs, Beth Hart, Ben Harper, Ainsley Lister, John Mayer, Meena, Sue Foley, Ana Popovic, Samantha Fish, Carolyn Wonderland, Tracy Conover, Susan Tedeschi, Erja Lyytinen.

Der von Eric Clapton mit Cream, Jimmy Page von Led Zeppelin und Jimi Hendrix eingeleitete Trend zur instrumentalen Virtuosität setzt sich bis in jüngste Zeit fort. War es in den beginnenden 1970er-Jahren für jeden interessierten Gitarristen beinah ein »Muss«, Alvin Lees in Woodstock gespieltes Gitarrensolo zu »Going Home« wenigstens in der Geschwindigkeit des Vorbilds spielen zu können, so nehmen Bluesrockgitarristen bis heute die Gitarren-Spieltechniken etwa von Clapton – und damit natürlich auch von B.B. King –, Hendrix und Stevie Ray Vaughan zum Vorbild bis hin zum Klangbild; viele lassen die Vorbilder längst weit zurück.

Um den Bluesrock hat sich eine »Szene« gebildet, zu der immer schon Schallplatten-Labels gehörten, aber auch Zeitschriften eine relativ große Rolle spielen. Blues-Labels wie die deutsche Firma Ruf Records schicken ihre Vertragspartner in Package-Tourneen durch die Lande und geben immer wieder auch thematisch eingegrenzte Sampler heraus. In den etablierten Rock-Magazinen indes hat der Bluesrock keinen sicheren Platz, wenn natürlich auch Alben von ZZ Top oder Gov’t Mule besprochen werden.

Blues- und Bluesrock-Musiker und -Bands (Auswahl)

Chicago Blues

Sonny Boy Williamson, Muddy Waters, Freddie King, Floyd Jones, Willie Dixon, Otis Rush, Buddy Guy, Junior Wells, Howlin‘ Wolf, Bo Diddley, Eddie Boyd, Little Walter and his Combo, Elmore James, Magic Sam

Texas Blues

Clarence »Gatemouth« Brown, Lightnin‘ Hopkins, Lead Belly, Big Mama Thornton, Albert Collins, Johnny Winter, Edgar Winter, T-Bone Walker, Bonnie Raitt, Stevie Ray Vaughan, Jimmie Vaughan, ZZ Top, The Fabulous Thunderbirds

Bluesrock

Cream, Led Zeppelin, The Jimi Hendrix Experience, Fleetwood Mac, Big Brother & The Holding Company, Keb Mo, Mike Bloomfield, The Electric Flag, Al Kooper, Bonnie Raitt, Rory Gallagher, Taste, Jeff Beck, Bloodwyn Pig, Derek Trucks, Susan Tedeschi, Seasick Steve, Elvin Bishop, Blind Faith, The Blues Band, Graham Bond Organization, Paul Butterfield Blues Band, Canned Heat, Stan Webb’s Chicken Shack, Climax Blues Band, Derek and the Dominos, Rick Derrigner, Face, Humble Pie, Free, Little Feat, Lowell George, Grateful Dead, Raging Slab, The Groundhogs, Peter Green, Hot Tuna, The J. Geils Band, Jethro Tull, Janis Joplin, John Mayall & The Bluesbreakers, Juicy Lucy, Keef Hartley Band, B.B. King, Freddie King, Al Kooper, Alexis Korner, Alvin Lee, Ten Years After, Led Zeppelin, Ainsley Lister, Love Sulpture, Lynyrd Skynyrd, Popa Chubby, Ana Popovic, Johnny Lang