Blues

Blues, englisch, vermutlich zu blue für »bedrückt«, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Süden der USA entstandene Musik der afroamerikanischen Bevölkerung; die vornehmlich vokale Musik verbreitete sich aus den ländlichen Gebieten des Mississippi-Deltas seit Anfang des 20. Jahrhunderts über die gesamten USA. Spätestens in den großen Städten und nunmehr obligat von professionellen Musikern ausgeübt erhielt der Blues auch kommerzielle Bedeutung. Der Blues gilt als genuine kulturelle Leistung schwarzer Amerikaner (siehe Schwarze Musik) und ist eine der Grundlagen von Jazz, Rhythm’n’Blues und Rock, wurde aber bereits sehr früh von weißen Musikern – etwa von W.C. Handy 1912 (»Memphis Blues«) – adaptiert.

Die eigentliche Bedeutung der Bezeichnung »Blues« ist nicht zu klären. Zwar trat das Wort im Wortschatz der englischen Sprache schon im 18. Jahrhundert auf und beschrieb eine niedergeschlagene, bedrückte Gemütsverfassung. In diesem Sinne gilt auch die Aussage »to have the blues« der Benennung der – auch vorübergehenden – Stimmung. Es ist nicht klar, wie der Begriff auf die Musik überging, zumal Blues-Stücke keineswegs eine gedrückte Stimmung nachzuzeichnen versucht; vielmehr gibt es auch schnelle Bluesstücke voller Fröhlichkeit, Witz und Ironie. Somit dient der Blues als Musik nicht nur der Illustration der Stimmung, sondern auch deren Bewältigung.

Wie die Herkunft des Begriffs liegen auch die Anfänge des Blues im Dunkel. Zweifelsfrei ist, dass er das Ergebnis einer Akkulturation ist, in dem Elemente von europäisch bestimmter Volks- und Kirchenmusik sich mit Bruchstücken diverser, aus Afrika stammender Musikkulturen verband. Die Anteile lassen sich nicht unbedingt exakt benennen, denn den aus Afrika verschleppten Menschen war häufig das Ausüben von Musik untersagt und die Kenntnis von der Musik konnte nicht tradiert werden. Zudem stammten die Afrikaner nicht nur von der Westküste Afrikas, sondern aus dem gesamten subsaharischen Bereich, damit also auch aus verschiedenen Musikkulturen.

Nach dem amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) war zwar die Versklavung der Schwarzen beendet, von einer Gleichberechtigung konnte dennoch nicht die Rede sein. Zudem sahen sich die Schwarzen nunmehr in Konkurrenz zu der untersten sozialen Schicht der Weißen, konkurrierten also mit ihnen um Arbeit und sozialen Status. Aber auch untereinander konkurrierten die Afroamerikaner, so dass das Leben in der Gemeinschaft – essentiell für die sozial Struktur in Afrika –, das in der Versklavung, wenn auch unter fragwürdigen Vorzeichen, noch einigermaßen gegeben war, nunmehr unmöglich wurde. Der Einzelne sah sich plötzlich auf sich gestellt, Einsamkeit und soziale Heimatlosigkeit zeitigten die bekannten Folgen, also Arbeitslosigkeit, Geldmangel, Zerstörung familiärer Strukturen, dann Obdachlosigkeit und Alkholmissbrauch – durchweg Themen des Blues. Die Heimatlosigkeit äußerte sich direkt in der Existenz des fahrenden Sängers, des im Blues geradezu sprichwörtlichen »Rolling Stone«, der damit auch für eine schnelle Verbreitung der Musik sorgte. Der Blues wurde akzeptiert, bald erkannten weiße Musiker die Möglichkeiten der Musik und begannen, Blues-Stücke zu notieren oder selbst zu verfassen und kommerziell zu nutzen.

Mit Beginn der 1920er-Jahre wurden Blues-Musiker in die Studios geholt und die ersten Blues-Schallplatten produziert. Eine genuine Heimat fand der Blues im frühen Jazz, und wenn er in der Ära des Swing an Bedeutung verlor, so waren die Elemente des Blues im Jazz seit den 1920er-Jahren allgegenwärtig. Der Bebop gab der afroamerikanischen Musik eine neue Richtung und der Blues erhielt nach dem Zweiten Weltkrieg durch Jazz und den frühen Rock’n’Roll eine zentrale Bedeutung. Instrumental nie sonderlich festgelegt, war aus dem Country Blues der Frühzeit längst der von elektrischen Instrumenten geprägte City Blues geworden, in dem etwa die elektrische Gitarre und die Hammond-Orgel das Klangbild prägten. Wenn auch der Blues als literarisches, harmonisches und melodisches Gerüst für Bebop, Hardbop, Rock’n’Roll und den Rhythm’n’Blues – wie nunmehr die frühere Race Music genannt wurde – von nicht zu überschätzender Bedeutung war, so wandten sich gerade viel Afroamerikaner von dieser Ausprägung ihrer Musik ab, verbanden sie mit dem Blues doch auch die Versklavung ihrer Vorfahren. In den beginnenden 1960er-Jahren hingegen entdeckten junge weiße Musiker in den USA und in Großbritannien die Musik der Afroamerikaner und gründeten Blues-Bands. Das Blues-Revival der 1960er-Jahre zog diverse Entwicklungen in der Rockmusik nach sich, denn tatsächlich begannen viele der in diesen Jahren gegründeten Rockbands als Blues-Gruppen: Manche blieben beim Blues, andere wandten sich dem Psychedelic Rock zu, andere dem frühen Progressive Rock, wieder andere dem Jazzrock oder dem Heavy Metal. Es entstanden außerdem diverse Mischungen von Blues und Rock, teils regional bestimmt wie der Southern Rock und der Texas Blues, teils eher an bestimmten Formationen orientiert, wie es in den 1960er-Jahren etwa das Trio – Cream – oder das Quartett – Ten Years After – waren. Natürlich beruhte auch der Soul der 1960er-Jahre wesentlich auf dem Blues als Form, bedeutender aber ist, dass aus dem Blues-Schema Formeln destilliert wurden, die als Riffs formbestimmend für den Funk der folgenden Jahrzehnte wurden. Seit den 1980er-Jahren verschwand der Blues zwar mehr oder weniger komplett aus dem Mainstream der Rock- und Popmusik, doch ist im Gegensatz dazu die Zahl der Blues- und Bluesrockbands in den USA wie in Europa stark gewachsen, eine »Szene«, die abseits der Pop-Hochglanzzeitschriften, Hitparaden und Musik-TV-Sendern floriert. Und im Mainstream der Popmusik taucht er ebenfalls immer wieder mal auf, sei es bei Prince, sei es bei Living Colour.

Der Blues ist zwar eng mit Musik verbunden, doch bildet die musikalische Form eine Einheit mit dem Text, ist sogar ein Ergebnis der literarischen Form. Beides allerdings ist nicht so festgelegt, wie es der bekannte 12-Takt-Blues nahe legt. Aus den Field Hollers, Verständigungsrufe bei der Feldarbeit, entwickelte sich ein Schema von Frage, Wiederholung der Frage und Antwort. Dieses Schema wird nicht starr gehandhabt, findet sich aber immer wieder, selbst wenn es sich nur um Bruchstücke handelt. Meist handelt es sich um Zeilenpaare mit Endreimen. Blues-Texte erzählen in der Regel keine Geschichte, sondern dienen dazu, den seelischen Zustand des Sängers wiederzugeben. In der großen Mehrzahl stehen Partnerschaftsprobleme im Zentrum der Dichtungen, selbst dann, wenn der Text von der eigenen Einsamkeit handelt, stehen diese Probleme oft im Hintergrund. Bluesmusiker weichen keinem Thema aus und verwenden eine farbige, nicht immer leicht zu verstehende, oft ironischen oder selbstironischen Sprache. Mitunter hat diese Sprache alle Merkmale einer Geheimsprache, in der Worte verwendet werden, deren Bedeutung sich nur dem Eingeweihten offenbart. Ablenkung und Verschleierung sind, ausgehend vom Blues, Bestandteil der Texte von Rock und Pop geblieben und etwa im Hiphop von essentieller Bedeutung. Im Talking Blues, einer melodramatische Form des Blues, haben Toasting, Rap und Hiphop einen Vorläufer.

Wenn es auch eine Vielzahl von Blues-Formen gibt, so hat sich zumal in der Rockmusik mit dem Twelve-Bar-Blues ein Blues-Schema herausgebildet, das als lingua franca jedem Rockmusiker bekannt sein sollte. Die literarische Form gibt dabei den harmonischen Ablauf vor: Die 12 Takte werden in drei Abschnitte von jeweils vier Takten unterteilt: Abschnitt Eins präsentiert die Frage, die in Abschnitt Zwei wiederholt und in Abschnitt Drei beantwortet wird. Der Form liegen die drei Hauptharmonien zugrunde: Tonika im kompletten Abschnitt Eins, zwei Takte Subdominante gefolgt von zwei Takten Tonika in Abschnitt Zwei und zwei Takte Dominanten gefolgt von zwei Takten Tonika in Abschnitt Drei. Eine Abweichung kann in Takt zehn auftreten, wenn statt eines zweiten Taktes Dominante ein Takt Subdominante eingeschoben wird. Von dieser Form wird nicht abgewichen, es gibt also keine Strophe, keinen Refrain und erst recht keine wie auch immer geformten Bridges – jedenfalls nicht im 12-Takt-Blues. In der Rockmusik der 1960er-Jahre wurde diese Form aber häufig mit Formteilen aus der Liedform kombiniert, so dass sich eine unübersehbare Zahl von Mischformen herausbilden konnte. Essentiell als Ausweise für die Nähe zum Blues scheint der Sprung von der Tonika auf die Subdominante zu sein. Konstruktionen dieser Art finden sich seit den 1960er-Jahren in jeder Form von Rock- und Popmusik.

Die Melodik im Blues beruht auf einer Skala, deren Herkunft nicht geklärt und auch nicht theoretisch hergeleitet werden kann. Auffälliges Kennzeichen dieser Skala sind die niedrig intonierte Terz und die niedrig intonierte Sept. Leicht erkennbare Beispiele bietet etwa »I’m A Kingbee« (1964) von The Rolling Stones, in der Mick Jagger auf dem Wort »King« eine Blue Note intoniert, oder aber Regina Spektor, die in »Lady« (2006) auf dem Wort »blue« eine Blue Note singt. Blue Notes geben dem Blues den Moll-Charakter, doch handelt es sich eben nicht um Moll, zumal Blue Notes verwendet werden können, aber nicht verwendet werden müssen. Primär handelt es sich natürlich um ein Charakteristikum des Gesangs; mit Blas- und Saiteninstrumenten können Blue Notes leicht intoniert werden, bei Tasteninstrumenten werden Vorschläge oder auch Zusammenklänge von kleinem und großem Intervall eingesetzt.

Der Blues ist eine Musik der Sängerinnen und Sänger. Den klassischen Blues repräsentieren etwa Sänger wie Bessie Smith (* 1894, † 1937), Blind Lemon Jefferson (* 1893, † 1929), Big Bill Broonzy (* 1898, † 1958), Muddy Waters (* 1913, † 1983), Brownie McGhee (* 1915, † 1996), Sonny Terry (* 1911, † 1986) und Robert Johnson (* 1911, † 1938), letzterer der bedeutendste Vertreter des Country Blues. In den 1960er-Jahren knüpften junge weiße Bluesmusiker an, darunter etwa Al Kooper (* 1944), Paul Butterfield (* 1942), Mike Bloomfield (* 1944, † 1981), Janis Joplin (* 1943, † 1970), und die Band Canned Heat. Von herausragender Bedeutung für die Rockmusik waren Musik und Gitarrenspiel des Sängers und Gitarristen B.B. King (* 1925). Vertreter des Bluesrock sind etwa die Bands ZZ Top, The Allman Brothers Band, Stevie Ray Vaughan and Double Trouble, Little Feat und von Johnny Winter in den USA, in Großbritannien die Bands um John Mayall (* 1933) und Alexis Corner (* 1928, † 1984), aus denen Musiker wie Eric Clapton (* 1945), Peter Green (* 1946), Mick Taylor (* 1948) und Jack Bruce (* 1943) hervorgingen. Zu nennen wären Bands wie The Rolling Stones, The Blues Band, Cream und Led Zeppelin. Wie lebendig der Blues ist, zeigen jüngere Bands wie die von Derek Trucks, Susan Tedeschi, Carolyn Wonderland, Stephen Fister, Aynsley Lister, Buddy Guy, Sonny Landreth, Jonny Lang, Robert Cray, Joe Bonamassa und Henrik Freischlader.

Literatur

Charters, Samuel: The Country Blues; New York 1959, dt. 1999
Charters, Samuel: The Bluesmen; New York 1967
Charters, Samuel: The Roots of the Blues – An African Search; London 1981
Oakley, Giles: The Devil’s Music – A History Of The Blues; London 1976, 1983
Jones, LeRoi: Blues People – Schwarze und ihre Musik im weißen Amerika; Wiesbaden o.J.
Herzhaft, Gérard: Enzyklopädie des Blues; St. Andrä 1998
Oliver, Paul: Conversation with the Blues; London 1965
Paul Oliver: Blues fell this Morning: The Meaning of the Blues; London 1960
Dauer, Alfons M.: Blues aus 100 Jahren – 43 Beispiele zur Typologie der vokalen Bluesformen; Frankfurt/Main 1983
Palmer, Robert: Deep Blues: A Musical and Cultural History of the Mississippi Delta; London 1995

Weblink

www.bluesroots.net (Website mit Informationen zum Blues)
www.blues.org (Website zum Blues)