Jethro Tull

Jethro Tull, britische Rockgruppe, 1967 in Luton (Bedfordshire, England) gegründet

Bandbiografie

Ian Anderson, der seit seinem 12. Lebensjahr ein wenig Gitarre spielte, und sein Schulfreund Jeffrey Hammond hatten nach dem Besuch eines Konzertes der lokalen Rockband Johnny Breeze and The Atlantics in ihrem Heimatort Blackpool beschlossen, selbst eine Band zu gründen. Mit dem Schlagzeuger John Evan bildeten die beiden Schüler das Trio The Blades – Hammond, ohne jede musikalische Erfahrung, kaufte sich eine Bassgitarre. Bald schloss sich ihnen der Bassist der Atlantics, Michael Stephens an, spielte bei den Blades aber Gitarre, während Anderson sich auf seine Rolle als Sänger beschränkte. Zu dieser Zeit spielte die Band Blues, Rhythm and Blues und einige Songs der etablierten Band The Pretty Things. Wenige Jahre später, 1964, war aus dem Trio eine R & B- und Soulband mit sieben Mitgliedern geworden, die sich nun The John Evan Band, dann The John Evan Smash nannte. Zu den Musikern der Band, die aus diversen Bands Blackpools stammten, gehörte auch der Schlagzeuger Barriemore Barlow; er hatte Evans, der nunmehr Keyboards spielte, am Schlagzeug ersetzt.

Um öfter auftreten und Geld verdienen zu können, wechselte die Band nach Luton in die Nähen von London, doch erfüllte sich die Hoffnung der Musiker, in der Hauptstadt mehr Erfolg haben zu können, nicht. Ein Teil der Musiker ging zurück nach Blackpool, so dass schließlich nur noch Anderson und der Bassist Glenn Cornick in London blieben; Hammond hatte die Band 1966 verlassen und ein Grafikstudium aufgenommen. Anderson und Cornick taten sich mit dem Gitarristen Mick Abrahams zusammen, der den mit ihm befreundeten Schlagzeuger Clive Bunker überredete, in der neuen Band die Drums zu spielen.

Die Band hatte sich in den Monaten zuvor abseits aller Schwierigkeiten und Umbesetzungen einen Namen als ernst zu nehmende Blues-Band erarbeitet und wurde dann und wann als Studioband engagiert, so etwa von Ritchie Blackmore, später Gitarrist bei Deep Purple. In diese Zeit fiel auch die Namensänderung: Das Quartett nannte sich nach einem englischen Landwirt Jethro Tull. Mit entsprechender Landmusik hatten die Musiker allerdings nichts im Sinn, sondern blieben bei Blues und Bluesrock.

Hauptgrund für die Namensänderung war der Umstand, dass das Quartett endlich die erste eigene Single aufnehmen konnte. Mit dem Namen gab es allerdings Schwierigkeiten: Ob versehentlich, oder aus Ablehnung seitens des Label-Managements, wurde aus Tull Toe, so dass die erste Single der Band unter dem Bandnamen Jethro Toe veröffentlicht wurde – von der Single, die einen Song von Abrahams enthielt, wurden indes nur wenige Exemplare verkauft. In etwa dieser Zeit entdeckte Anderson, der die meisten Songs für die Band schrieb und auch auf der Bühne die Aufmerksamkeit des Publikums auf seine mehr oder weniger akrobatischen Einlagen lenkte, die Querflöte für sich. Er brachte sich in kurzer Zeit das Spiel selbst bei und entwickelte einen Stil, der teils traditionell geprägt war, zum Teil aber auf Vorbildern aus dem Jazz, etwa der Musik Roland Kirks, basierte.

Allmählich wurde Jethro Tull bekannt, spielte in der Sendung des Radio-DJs John Peel und auf dem Sunbury Jazz and Blues Festival, wo das Quartett die anwesenden Journalisten beeindrucken konnte. Aufgrund ihrer zahllosen Konzerte in den Clubs des ganzen Landes war die Band populär wie nur wenige andere. Island Records nahm Jethro Tull unter Vertrag und in der Besetzung Anderson, Abrahams, Cornick und Bunker spielte die Gruppe ihr erstes Album ein.

»This Was« erschien 1968 und zeigte einerseits das Potential der Band zwischen traditioneller Folk Music – mit »Cat’s Squirrel« -, Jazz – mit Roland Kirks »Serenade to a Cuckoo« – und Eigenem – mit »A Song for Jeffrey«, andererseits aber auch den unter den Musikern schwelenden Zwist, welche Musik es denn nun sein sollte, galt das Quartett doch nach wie vor als Blues-Band. Abrahams zog für sich die Konsequenz, verließ die Band und gründete Blodwyn Pig. Kurze Zeit half der Gitarrist Tony Iommi, der spätere Black Sabbath gründete, aus, dann kam mit dem Gitarristen Martin Lancelot Barre ein Musiker in die Band, dessen Namen fortan ebenso fest mit Jethro Tull verbunden war wie der Andersons.

Mit Barre spielte Jethro Tull das zweite Album, »Stand Up«, ein. Die Platte – verpackt in ein Klapp-Cover, aus dem beim Öffnen die Musiker in Pop-Up-Manier als Pappfiguren geradezu heraussprangen – machte die Band europaweit bekannt, stieg bis auf den ersten Platz der britische LP-Charts und blieb bis dato die erfolgreichste Veröffentlichung der Band. Dabei nahmen Anderson, Barre, Cornick und Bunker nicht die geringste Rücksicht auf die eventuellen Hörer, konfrontierten ihr Publikum mit einer wilden Mischung aus Folk, Jazz und Kunstmusik, machten mit »Bourée« aus einer Komposition J.S. Bachs einen Markstein des Classical Rock – und gehörten damit zu den Protagonisten des gerade sich herausbildenden Progressive Rock. Mit den folgenden LPs – »Benefit« (1970), »Aqualung« (1971), »Thick as a Brick« (1972), »A Passion Play« (1973), »War Child« (1974) und schließlich »Minstrel in the Gallery« (1975 – gehörte Jethro Tull zu den bedeutenden Gruppen des Progressive Rock.

Zwar war auch »Too Old to Rock ’n’ Roll, too Young to Die« von 1976 ebenfalls ein Concept Album, doch deutete der sarkastische Titel schon an, dass Anderson die Zeichen der Zeit erkannt hatte und dieser Art von Musik den Abschied gab.

Wie auch manch einem seiner Musiker. Über all die Jahre hatte Anderson immer wieder die Band umbesetzen müssen, einzig Martin Barre blieb sein treuester Paladin. An »Too Old to Rock ’n’ Roll, too Young to Die« waren neben diesen beiden Evan (Keyboards), der Schlagzeuger Barriemore Barlow und der Bassist John Glascock beteiligt; David Palmer, ebenfalls ein langjähriger musikalischer Weggefährte Andersons, hatte die Orchesterarrangements geschrieben und hier und da Keyboards gespielt. Diese Besetzung blieb für »Songs from the Wood« (1977) und »Heavy Horses« (1978) stabil, dann, während der Aufnahmen zu »Storm Watch« (1979) starb der Bassist John Glascock nach einer Herzoperation. Diese Ära, die als »Folk-Ära« der Band gilt, endete im Desaster: Barlow litt unter dem Tod Glascocks und verließ die Band. Chrysalis Records, seit Jahren die Plattenfirma Jethro Tulls, mochte mit Evan und Palmer nichts mehr zu tun haben, so dass Jethro Tull schließlich nur noch aus Anderson und Barre bestand.

Jethro Tull als Band schien am Ende. Die geplante nächste LP wollte Anderson daher als Solo-Album deklarieren, doch machte Chrysalis dem Musiker erneut einen Strich durch die Rechnung und bestand darauf, das »A« (1980) ebenfalls unter dem Namen Jethro Tull veröffentlicht werden musste. Neben Barre hatten an den Aufnahmen der Keyboard-Spieler Eddie Jobson, zuvor schon bei Roxy Music, UK und Frank Zappa, der Bassist Dave Pegg von Fairport Convention und der Schlagzeuger Mark Craney mitgewirkt. Bei dieser Besetzung blieb es nicht, die Schlagzeuger gaben sich die Klinke in die Hand – sogar Phil Collins half kurz bei Jethro Tull aus – dennoch erschien 1981 kein Album der Band. 1982 nahm Peter-John Vettese den Platz an den Keyboards ein und mit »The Broadsword and the Beast« kam auch wieder ein Tull-Album in die Läden. Die Popularität der Band hatte allerdings stark nachgelassen.

Anderson nahm mit Vettese ein Solo-Album auf, das 1983 unter dem Titel »Walk Into Light« veröffentlicht wurde und stark von der Nutzung elektronischer Klangerzeuger gekennzeichnet war. Auch »Under Wraps«, ein unter dem Bandnamen 1984 veröffentlichtes Album, konfrontierte die Fans der Band mit elektronischen Klängen, selbst einen Schlagzeuger hatte man sich – wie schon bei »Walk Into Light« – gespart und einen Drum Computer eingesetzt. Das Album hatte wenig Erfolg, und als Anderson an den Stimmbändern erkrankte, zog er sich auf seine Lachsfarm zurück und verordnete seiner Band eine dreijährige Pause.

Tot war die Band indes nicht: 1987 legte Jethro Tull mit »Crest of a Knave« ein Album vor, das statt mit weiteren elektronisch erzeugten Klängen mit dem verzerrten Klang von Barres Gitarre aufwartete. Die Auffrischung durch Hardrock war so erfolgreich, dass die Band 1989 einen Grammy für das Album in Empfang nehmen konnte.

Zu dieser Zeit hielt Jethro Tull bereits Rückschau: Fünf LPs beziehungsweise drei CDs wurden 1988 zusammengepackt und unter dem Titel »20 Years of Jethro Tull« verkauft. Bei all dem Jubiläumstrubel ging unter, dass nunmehr Martin Allcock von Fairport Convention bei Jethro Tull die Keyboards übernommen hatte. Mit ihm nahm Jethro Tull die CD »Rock Island« (1989) auf, 1991 »Catfish Rising« – dann ging Allcock wieder. Auch Pegg verließ die Band und die Abstände zwischen den Veröffentlichungen wurden größer – 1995 erschien »Roots to Branches«, 1999 »J-Tull Dot Com«, 2003 mit »The Jethro Tull Christmas Album« eine CD mit Weihnachtsliedern, verfasst von den Mitgliedern der Band Jethro Tull. Dazwischen hatte Anderson einige Solo-Alben veröffentlicht und begann nun, Mitte des Jahrzehnts, sein Lebenswerk auszuschlachten: Jethro Tull mit Orchester, Jethro Tull live, Jethro Tull auf DVD, Jethro Tull akustisch. Musiker kamen und gingen – insgesamt waren seit Gründung der Band fast zwei Dutzend Musiker in Andersons Band Mitglied gewesen. Noch immer ging Anderson auf Tournee, doch er, der in den 1970er-Jahren so viele Menschen anzog, dass für Jethro Tull die größten Arenen gerade ausreichten, trat oft nur noch in kleinem Rahmen auf.

Dabei war Jethro Tull im Konzert stets eine Attraktion gewesen: Anderson, mit wildem Schopf, bärtig, angetan mit einem alten Mantel, aus dessen tiefen Taschen er wie einst Harpo Marx seine Harfe eine Flöte hervorzog, dann wieder mittelalterlich gewandet oder aber in ein Kostüm aus der Renaissance gehüllt, Hammond in seinem gestreiften Anzug, Barre, der im Konzert schon mal während eines ausgedehnten Solos über eine drei Meter hohe Malerleiter stieg, dazu wildes Gestikulieren und Augenrollen von Anderson – all dies konnte ein Publikum in seinen Bann schlagen. Mit Blick auf die Musik war die Band aber nur wenige Jahre lang, mit einem halben Dutzend LPs, bedeutend: Die wichtigen Platten veröffentlichte Jethro Tull zwischen 1968 und 1975. In der Band haben immer gute Musiker gespielt, doch standen stets Ian Anderson mit seinem singulären Gesang und seinem Flötenspiel und Martin Barre mit seiner Gitarre und seinem phänomenalen musikalischen Gedächtnis im Vordergrund; Barre muss neben bedeutende britische Gitarristen wie Eric Clapton und Jeff Beck gestellt werden. Veröffentlichungen wie »Aqualung« und »Thick as a Brick« mit ihrer mitunter komplizierten Thematik – die von gänzlich anderer Art war als etwa die sonst im Progressive Rock üblichen Themen zwischen Esoterik und Vulgär-Science-Fiction – gehören zu der Handvoll wirklich bedeutender Schallplattenwerke der Rockmusik. Mögen sie auch voller Ironie und Sarkasmus sein.

Auszeichnungen

Grammy 1989

Diskografie

This Was (1968)
Stand Up (1969)
Benefit (1970)
Aqualung (1971)
Thick as a Brick (1972)
Living in the Past (1972; Zusammenstellung)
A Passion Play (1973)
War Child (1974)
Minstrel in the Gallery (1975)
Too Old to Rock ’n‘ Roll: Too Young to Die! (1976)
Songs from the Wood (1977)
Heavy Horses (1978)
Live – Bursting out (1978)
Stormwatch (1979)
A (1980)
The Broadsword and the Beast (1982)
Under Wraps (1984)
Crest of a Knave (1987)
20 Years of Jethro Tull (1988; Zusammenstellung)
Rock Island (1989)
Live at Hammersmith ’84 (1990)
Catfish Rising (1991)
A Little Light Music (1992)
25th Anniversary Box Set (1993; Zusammenstellung)
Roots to Branches (1995)
In Concert (1995)
J-Tull Dot Com (1999)
Living with the Past (2002)
The Jethro Tull Christmas Album (2003)
Nothing is easy: Live at the Isle of Wight 1970 (2004)
Aqualung Live (2005)
Live at Montreux 2003 (2007)
The Best of Acoustic Jethro Tull (2007; Zusammenstellung)

Literatur

Rees, David: Minstrels in the Gallery – A History of Jethro Tull; Wembley 1998

Weblink

http://www.j-tull.com/ (Offizielle Website der britischen Rockband Jethro Tull)

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Rockmusikalischer Gänsemarsch

Jethro Tull in der Deutschlandhalle

Spätestens beim Betreten des Innenraums der Deutschlandhalle wird augenfällig, welche Art von Musik man zu erwarten hat. In Anbetracht des kulturellen Ereignisses – die Rockmusik Jethro Tulls lehnt sich tatsächlich an Formen der Kunstmusik an – ist auch der Innenraum der Halle »bestuhlt«.
Der Musik scheint es nicht gerade förderlich, denn Rockmusik lebt nicht zuletzt von der Aktion der Zuhörer. Es dauert fast bis zum Schluss des Konzertes, bis einige sich ein Herz fassen und zur Bühne stürmen. Aber ans Tanzen können die Fans dennoch nicht denken, denn für diesen Zweck ist die Musik der Gruppe Jethro Tull denkbar ungeeignet.
Jethro Tull heißt eigentlich Ian Anderson. Er gründete die Gruppe Ende der sechziger Jahre, gab ihr den seltsamen Namen – es der eines Autors von Büchern über Pferdezucht – und spielt die Querflöte, singt, komponiert und produziert. Seine Musik, die diese Gruppe interpretiert, bezieht Anregungen aus der englischen Volksmusik wie aus dem Hardrock und gelegentlich auch aus dem Jazz. Die Volksmusik spiegelt sich nicht nur aus dem häufigen Gebrauch akustischer Instrumente, Gitarren und verschiedener Formen der Mandoline wieder, sondern vor allem in dem stilsicheren, melismenreichen Gesang Ian Andersons, der das Geschehen auch optisch beherrscht. In ein »mittelalterliches« Phantasiekostüm gewandet, taucht er bald rechts, bald links hinter den Lautsprechertürmen auf und vollführt groteske, slapstickhafte Tänze. An Stummfilme amerikanischer Komiker erinnert auch die Szene aus dem Song »Watching Me, Watching You«. Während Anderson unter den Blitzen vieler Stroboskope singend von einem Ende der Bühen zum anderen marscheirt, schließen sich ihm zeitungslesende »Agenten« an, bis der Gänsemarsch von einem wandelnden riesigen Vogelkostüm vollendet wird.
Martin Barre, der Gitarrist der Gruppe und mit einem phänomenalen Gedächtnis begabt, sitzt unterdessen völlig unbeteiligt auf einer Leiter und zupft seine Gitarre. Die Leistung dieses Musikers verdient Bewunderung, denn er ist es, der diese Musik voller Überraschender Wechsel und kunstvoller Arrangements erst möglich und als Rockmusik erkennbar macht.

Dieses Konzertkritik erschien zuerst am 7.4. 1982 in der Berliner Tageszeitung DER TAGESSPIEGEL.