Jon Lord

Stichworte Hammond-Orgel | Konzert | Suite | Eberhard Schoener | Keith Emerson | Leslie



Lord, Jon Douglas, eigentlich Jonathan Douglas, britischer Rockmusiker (Hammond-Orgel, Klavier, Komposition), * Leicester (England) 9.6. 1941, † London 16.7.2012

Biografie

Jon Lord erhielt ab seinem sechsten Lebensjahr traditionellen Klavierunterricht, in dessen Rahmen er unter anderem mit dem Werk von Johann Sebastian Bach bekannt gemacht wurde. Als Jugendlicher begann er, sich für die Musik von Jazz-Organisten wie Jimmy Smith und Brother Jack McDuff zu interessieren. Aus der Auseinandersetzung mit der Musik dieser Organisten rührt Lords Vorliebe für Blues und Bluesrock, kenntlich am entsprechenden Klang seiner Orgel.
Zunächst beabsichtigte Lord nicht, eine Karriere als Musiker aufzunehmen, sondern ging Ende der 1950er-Jahre nach London, um sich an der Central School of Speech and Drama als Student einzuschreiben. Neben seinem Studium arbeitete er als Session-Musiker. So spielte er in Bill Ashtons Jazz-Gruppe, später in der Formation Red Bludd’s Bluesicians. Als diese Band 1963 auseinanderbrach, gründete er mit deren Schlagzeuger, Red Dunnage, und dem Sänger Art Wood The Art Wood Combo. Zu der Gruppe gehörten außerdem der Gitarrist und der Bassist Malcolm Pool. Als Dunnage die Combo verließ, wurde er durch Keef Hartley ersetzt.
The Art Wood Combo konnte sich neben Bands wie The Animals und The Spencer Davis Group – beide ebenfalls dem Blues verhaftet – behaupten und sogar einige Fernsehauftritte vorweisen. Dennoch blieb der Gruppe größerer kommerzielle Erfolg versagt, lediglich eine Single, »I take what I want«, wurde 1966 veröffentlicht. Auch ein neuer Name – die Musiker nannten sich nun St Valentine’s Day Massacre – konnte das Ende der Band nur kurz aufhalten: Zuerst ging Hartley, dann wechselte Lord, bis dahin durch aus im Zentrum der Formation, zu der Gruppe Santa Barbara Machine Head, in der Ron Wood Gitarre spielte. Lord blieb indes nur kurze Zeit, dann schloss er sich der Gruppe The Flower Pot Men an, kurz nachdem diese Band ihren einzigen Hit, »Let’s go to San Francisco« veröffentlicht hatte.
Bei den Flower Pot Men lernte Lord den Bassisten Nick Simper kennen. Doch blieb Lord auch bei den Flower Pot Men nicht für längere Zeit, sondern versuchte Anfang 1968 mit dem Sänger Buz Burrell, dem Gitarristen Ritchie Blackmore, dem Bassisten Chas Hodges und dem Schlagzeuger Ian Paice eine Band zu gründen. Wenn auch die Bandgründung misslang, so blieb ein Teil der Musiker – Lord, Blackmore und Paice – beisammen und gründeten im Frühjahr 1968 mit Simper und dem Sänger Rod Evans Deep Purple.
Die Band befand sich von Anfang an in einem schwebenden Ungleichgewicht: Lord und Blackmore verfolgten unterschiedliche musikalische Ziele. Während Lord eine farbige, auch an Vorbilder aus der traditionellen Kunstmusik angelehnte Musik anstrebte, in der neben Orgel das Klavier und selbst das Cembalo eine Rolle spielen sollte, gab Blackmore einem kompromisslosen Hardrock, in dem er mit seiner Gitarre im Vordergrund stand, den Vorzug. Lord hielt diesem gruppeninternen Zwist bis 1971 stand, als der Erfolg von »In Rock« die Richtung der Band endgültig festlegte. Bis dahin hatte die Band vier Alben vorgelegt, die unzweifelhaft die Handschrift Lords trugen. Insbesondere das 1969 in der Royal Albert Hall aufgenommene Live-Album »Concerto for Group and Orchestra« (1969) schien Lords eigentliches Anliegen, nämlich Kunstmusik und Rock zu fusionieren, deutlich zu illustrieren. Fortan verfolgte Jon Lord seine Ambitionen parallel zu seinem Engagement bei Deep Purple und veröffentlichte von Zeit zu Zeit Solo-Alben, so etwa 1972 mit der »Gemini Suite«, 1974 mit »Windows« – an dieser Produktion war auch der deutsche Dirigent Eberhard Schoener beteiligt – und 1976 mit »Sarabande«, wiederum mit Schoener. Lord war aber auch an anderen Projekten beteiligt, spielte mit Tony Ashton und einer Anzahl illustrer Musiker wie Ian Paice, Carmine Appice und Peter Frampton 1974 eine LP ein, verband sich dann mit Paice und Ashton zu Paice, Ashton & Lord, saß für die Platten von Maggie Bell und Nazareth an den Tasten und schloss sich nach dem vorläufigen Ende Deep Purples 1976 zwei Jahre später David Coverdales Band Whitesnake an.
Bei Whitesnake spielte Lord nur eine untergeordnete Rolle; die Band wurde von Coverdale sowie den Gitarristen Bernie Marsden und Micky Moody dominiert. Bei Whitesnake auch erweiterte Lord sein Keyboard-Arsenal um einige Synthesizer, auf die er bis dahin verzichtet hatte. Dennoch war Lord mit seiner Wasserträger-Rolle in der Band nicht zufrieden und auch seine Solo-Aktivitäten schienen ihn nicht auszulasten. Zwar war Whitesnake recht erfolgreich und brachte auch einige Singles in die britische Hitparade. So ließ Lord sich etwa von George Harrison, David Gilmour und Cozy Powell für deren Solo-Publikationen verpflichten und schrieb auch Musik für Film und Fernsehen.
Zum wirklichen Leben erwachte Lord erst wieder, als Deep Purple 1984 in der »klassischen Besetzung« mit Lord Blackmore, Roger Glover, Ian Gillan und Paice erneut zusammenfand. Tatsächlich hatte die Band nicht von ihrem Nimbus verloren. Zwar veröffentlichte Deep Purple auch zwei Alben, doch war die Eintracht natürlich nicht von ewiger Dauer, gerieten doch Blackmore und Gillan aneinander. Danach hielt die Band das Personalkarussell in Gang, bis 1994 der Gitarrist Steve Morse half, sich auf das Wesentliche zu besinnen.
Lord blieb bis 2002 in der Band, dann zog er sich zurück. Zu keinem Zeitpunkt hatte der Organist seine eigenen Interessen gänzlich zurückgestellt, hatte 1998 »Pictured Within« veröffentlicht, dafür bei Virgin Classics eine Vertrag unterschrieben und 2008 sein »Durham Concerto« vorgelegt – allemal an der traditionellen Kunstmusik orientiert. Dem Blues blieb er ebenfalls treu, gründete eine Formation, der er den Namen Jon Lord and the Hoochie Coochie Men gab und nahm 2003 und 2007 je eine CD mit Blues- und Bluesrock-Standards auf.
Jon Lord ist neben Keith Emerson einer der bedeutenden britischen Organisten der 1960er- und 1970er-Jahre. Zwar verfügt er nicht über die wilde Virtuosität Emersons – und sieht sich wohl auch keineswegs in Konkurrenz zu ihm –, doch legte Lord in gleichem Maße fest, welche Rolle eine Hammond-Orgel in der Rockmusik zu spielen hat. Wie Emerson benutzt auch er eine Hammond C 3, deren Tonspannung er mittels Gitarrenverstärkern verstärkte und dann erst an die Leslies weiterleitete. Dadurch ergibt sich ein mitunter extrem übersteuerter, verzerrter Klang, der sich allemal gegen Blackmores Gitarre durchsetzen konnte. Später gebaute Synthesizer stellen diesen Klang als Preset unter dem Namen »Rock Organ« bereit. Von Lord stammen auch einige der differenziertesten Orgel-Soli der Rockmusik. Seiner Vorliebe für die Klangwelt der traditionellen Kunstmusik konnte er zwar nur auf den ersten Alben von Deep Purple Raum geben, doch fand er einerseits Ausgleich in der Komposition von unter eigenem Namen veröffentlichte Werken – stets an der Musik britischer Komponisten wie Edward Elgar (* 1857, † 1934) und Ralph Vaughan Williams (* 1872, † 1958) orientiert –, andererseits fand er auch nach »In Rock« Gelegenheiten, in die Musik von Deep Purple hier ein Zitat, dort eine diffizile harmonische Wendung einzustreuen. Legendär bleiben seine Zweikämpfe mit Ritchie Blackmore, die nicht nur, aber auch auf instrumentaler Ebene geführt wurden.



Diskografie

The Last Rebel (1971; Soundtrack; mit Tony Ashton)
Gemini Suite (1972)
First of the Big Bands (1974; mit Tony Ashton)
Windows (1974; Eberhard Schoener)
Sarabande (1976)
Before I Forget (1982)
Country Diary of an Edwardian Lady (1984; mit Alfred Ralston)
Vivre pour survivre (1984; Filmmusik)
Overdose (1987; Filmmusik)
Pictured Within (1998)
Calling The Wild (2000; Filmmusik)
Beyond The Notes (2004)
Boom of the Tingling Strings & Disguises (2008)
Durham Concerto (2008)

Jon Lord and the Hoochie Coochie Men

Live at the Basement (2003)
Danger. White Men Dancing (2007)



Weblink

http://www.jonlord.org/ (Offizielle Website des britischen Rockmusikers und Komponisten Jon Lord)