A & R

A & R,  Abkürzung für Artist & Repertoire, Begriff  aus der Musikindustrie. Bezeichnet wird damit die innerhalb einer Tonträgerfirma bestehende Abteilung, die für die Auswahl der Künstler (Sänger, Musiker, Produzent usw.) sowie die Ausrichtung des ganzen Programms zuständig ist.

In den Gründerjahren der Tonträgerindustrie wählte der jeweilige Eigentümer diejenigen Künstler aus, mit denen Platten veröffentlicht werden sollten. Daraus ergab sich häufig schon von selbst auch ein Programm. Mit dem Wachsen der Musikindustrie wurde die Aufgabe, Künstler – vor allem Sänger und Musiker – zu finden und unter Vertrag zu nehmen, zunehmen besonderen Abteilungen, kurz A & R genannt, übertragen. Die dort tätigen A & R-Manager verantworteten aber bald nicht nur die Auswahl der Künstler, sondern überwachten auch die Aufnahmen, legten fest, was veröffentlicht werden sollte, welche Reihenfolge die jeweiligen Kompositionen auf dem Tonträger einnehmen sollten und schließlich den Zeitpunkt der Veröffentlichung; später waren sie mitunter auch an der Auswahl des Covers beteiligt. Die Macht der A & R-Abteilung, mitunter auch des einzigen A & R- Managers war immens.
Mit der Einführung der Mehrspurtechnik etwa ab Mitte der 1960er-Jahre verschob sich der Aufgabenbereich des A & R- Managers weiter auf die Betreuung des Aufnahmeprozesses; auf diese Weise entstand der für die Rock- und Popmusik so wichtige Produzent. Gleichzeitig verlor der eigentliche Bereich des A & R-Managers an Bedeutung und wurde von einem neuen Typus des A & R-Managers eingenommen, der sich wieder mehr administrativen Aufgaben zuwandte und aus dem künstlerischen Prozess mehr und mehr verdrängt wurde.
Dieser Prozess der Wandlung eines Berufsbildes lässt sich recht gut an der Karriere des Produzenten der Musik der Beatles, George Martin, ablesen: Martin war 1955 die Aufgabe übertragen, die Abteilung A & R des britischen Labels Parlophone, einem Unterlabel des EMI-Konzerns, zu leiten – tatsächlich war er der einzige Mitarbeiter dieser Abteilung. Martin sollte das Repertoire des Labels neu aufbauen. 1962 wurden ihm die Beatles vorgestellt, die er nach einigen Probeaufnahmen unter Vertrag nahm. Vorher allerdings zeigte er seine Macht: Er hielt nichts von dem Können des Schlagzeugers Pete Best und drängte McCartney, Lennon und Harrison, Ringo Starr anstelle von Best in die Band zu nehmen; später setzte er für einige Aufnahmen der Beatles aber auch einen Studioschlagzeuger an das Drumset. Martin verwarf auch Vorschläge der Beatles und bestimmte, welche Songs auf den ersten LPs der Band vertreten sein sollten und welche als Single veröffentlicht wurden. Im Laufe der Jahre änderte sich seine Rolle: Nicht zuletzt aufgrund seiner eigenen erheblichen musikalischen Fähigkeiten wurde er zunehmend zum Berater der Fab Four, der ihre Vorstellungen in die Tat umsetzte. Auch schrieb er selbst Arrangements und betätigte sich im Einzelfall auch als Musiker – mehr als einmal übernahm er das Spiel der Tasteninstrumente. Martin kann als der Prototyp des modernen Produzenten gelten, denn er prägte dieses Berufsbild.
Tatsächlich sind wie Martin viele A & R-Manager Musiker, wenn sie aufgrund ihrer Tätigkeit in der Regel auch nicht mehr aktiv sind. Wichtig für A & R-Manager sind die Beobachtung des Marktes und das Erkennen von Trends geworden. Nach wie vor müssen sie das Potential eines Musikers oder einer Band einschätzen können und die Möglichkeiten ausloten, die dieser oder jener Künstler dem eigenen Label bietet – dabei spielen natürlich auch finanzielle Überlegungen eine Rolle.
Nur wenige A & R-Manager werden einem größeren Publikum bekannt, zumal ihre Namen auch nicht auf den Covers der Alben vermerkt sind. Clive Davis etwa, A & R-Manager bei Columbia Records, war bei den Rockfestivals in Monterey und Woodstock und erkannte das kommerzielle Potential der Rockmusik. Columbia nahm auf seinen Rat hin diverse Rockbands und Musiker – u.a. The Electric Flag, Santana, Chicago, Janis Joplin – unter Vertrag und wurde damit zu einem der wichtigsten Label der Rockmusik überhaupt.
Der Typus des Label-Besitzers, der in Personalunion auch A & R-Manager ist, ist indes nicht gänzlich ausgestorben. Ahmet und Nesuhi Ertegun, Betreiber von Atlantic Records, nahmen erheblich Einfluss auf die Auswahl der Künstler für ihre Firma und mischten sich auch in künstlerische Fragen ein. Richard Branson gründete Virgin Records und gab dem Label durch die Musik der Künstler, die er unter Vertrag nahm, ein unverwechselbares Gesicht. In Deutschland ist vor allem Manfred Eicher zu nennen – Besitzer, A &- R-Manager und Produzent seines Labels ECM Records.