Adaption

Adaption, auch Adaptation, vor allem im englisch-sprachigen Raum verbreitete Bezeichnung für die Übernahme kompletter Kompositionen der Kunstmusik oder Teilen davon in Rock- und Pop-Musik; auch die Instrumentation kann verändert werden. Dabei wird zwischen Arrangement, Zitat und mehr oder weniger tiefgreifenden Bearbeitungen der jeweiligen Vorlage kein besonderer Unterschied gemacht.

Als Vorlagen werden durchweg Kompositionen aus der Zeit etwa zwischen 1600 und 1950 gewählt. Werke aus diesem Zeitraum werfen keine urheberrechtlichen Fragen mehr auf, so dass Bearbeiter nach Gutdünken mit den Vorlagen verfahren können. Es muss nicht gegeben sein, dass der potentielle Hörer die jeweilige Vorlage kennt, wenn es sich bei den gewählten Vorlagen in aller Regel auch um durchaus bekannte Kompositionen der traditionellen Kunstmusik handelt, die allemal zum Werk-Kanon des bürgerlichen Musikbetriebs gehören. So werden Zitate häufig nicht als solche erkannt, sondern als genuine Rockmusik gehört. Im einfachsten Fall wird aus einem Werk der Kunstmusik zitiert – oft auch, ohne das jeweilige Werk explizit zu nennen – und dabei das vorgesehene Instrument verwendet. Dies war etwa der Fall bei »Past Present and Future« (1967) der Girl Group The Shangri-las, das mit den ersten Takten des ersten Satzes der Sonate für Klavier cis-Moll op. 27 Nr. 2 eröffnet wird. Auch Keith Emerson, Organist und Pianist der Rockband Emerson, Lake & Palmer verwendete für ein Zitat der ersten Takte der Zweistimmigen Invention C-Dur von J.S. Bach in dem Song »Take a Pebble« (1970) das Klavier.

Bei anderen Adaptionen ging Emerson weiter: Für seine damalige Band The Nice arrangierte er Teile des Brandenburgischen Konzertes Nr. 3 für Orgeltrio, später auch einen Teil des Brandenburgischen Konzertes Nr. 6. Die Adaption des Klavier-Zyklus’ »Bilder einer Ausstellung« (1974) von Modest Mussorgski ist ebenfalls eine Bearbeitung, bei der nur einige Teile der Vorlage verwendet, diese aber stark überarbeitet wurden.

Gelegentlich wird der originale Satz zwar anders instrumentiert, nicht aber das übliche Rockinstrumentarium verwendet. So wählte Michael Kamen für seine Adaption einer Triosonate von J.S. Bach Oboe, Cello und akustische Gitarre. Dick Hyman, Organist bei Blood, Sweat & Tears arrangierte einen Teil der »Trois Gymnopedies« (1888) von Erik Satie, ursprünglich für Klavier gedacht, für Querflöten und akustische Gitarre.

Adaptionen können durchaus einen radikalen Eingriff in die Originalsubstanz darstellen: Michael Kamen destillierte aus dem ersten Satz des Brandenburgischen Konzertes Nr. 5 von J.S. Bach ein Riff, das seiner Band The New York Rock & Roll Ensemble als Grundlage des Songs »Brandenburg« (1969) diente. In ähnlicher Weise agieren Arrangeure bis in jüngste Zeit: Für »Everything’s Gonna Be Alright« (1998) von Sweetbox wurde die Air aus der Suite für Orchester D-Dur von J.S. Bach in Einzelteile von wenigen Takten Länge zerlegt und für den Hip-Hop-Song wieder zusammengesetzt; dabei wurde auch die Instrumentierung verändert, indem etwa eine Oboe als Führungsinstrument eingesetzt wurde. Adaptionen als Kompositionsmittel sind nicht neu und keinesfalls auf Rock- und Popmusik beschränkt, sondern waren in der so genannten Unterhaltungsmusik immer schon gängige Praxis. Im Jazz etwa gibt es zahllose Beispiele, wie Bearbeitungen von Django Reinhardt, Jean Wiener, Jacques Loussier und anderen eindrucksvoll zeigen.

Auf die Bearbeitungsmethoden der Jazzmusiker griffen Rockmusiker seit den ausgehenden 1950er-Jahren zurück. Frühe Beispiel lieferten etwa die deutsche Band The German Bonds – mit einer der seltenen Adaptionen eines Werkes von W.A. Mozart –, The Nice, Procol Harum, Ekseption, Vanilla Fudge, Triumvirat und electra, später natürlich ELP und die britische Band Sky.

Mitunter wurde auch als Adaption, als Zitat angesehen, was tatsächlich keine war, wie etwa der Song »A Whiter Shade of Pale« (1967) der britischen Band Procol Harum: Es handelt sich dabei nicht um die Bearbeitung eines Werkes von J.S. Bachs, sondern um eine gekonnte Paraphrase von Teilen Bach’scher Kompositionen.

Adaptionen sind nach wie vor in der Rockmusik hier und da zu hören, etwa Prokofjew bei Sting oder Erik Satie bei Janet Jackson. Über ihre Motive, vorhandene Kunstmusik zu verwenden, schweigen Musiker sich in aller Regel aus.

Literatur

Macan, Edward: Rocking the Classics – English Progressive Rock and the Counterculture; New York 1997
Duxbury, Janell R.: Rockin‘ the Classics and Classizin‘ the Rock – A selctively Annotaed Discography; Westport, Connecticut 1985
Halbscheffel, Bernward: Rock barock – Rockmusik und klassisch-romantische Bildungstradition; Berlin 2001