Agogik

Agogik, von altgriechisch agein für »handeln, führen«, daraus folgend agoge, die Bezeichnung für geringfügige Änderungen des Tempos in der Rhythmik; der Begriff wurde Ende des 19. Jahrhunderts von dem Musikwissenschaftler Hugo Riemann eingeführt.

Musik in einem vorgegebenen Zeitrahmen exakt auszuführen – etwa in einem Vier-Viertel-Takt alle Viertel gleich lang zu singen oder zu spielen – ist Maschinen, Spieluhren, Spieldosen und in jüngerer Zeit zum Beispiel Sequencern vorbehalten. Derartig exakt ablaufende Musik haftet aber stets auch etwa Künstliches, um nicht zu sagen »Totes« an. Dem Menschen ist eine derartige Vortragsweise im Prinzip auch nicht möglich. Ständige, geringfügige Schwankungen des Tempos stellen daher so etwas wie das »Salz in der Suppe der Gleichförmigkeit« dar. Temposchwankungen, als Agogik bezeichnet, ergeben sich beim musikalischen Vortrag von selbst, sei es in der Interaktion mit dem eigenen Instrument eines oder aber in der Reaktion auf Mitspieler. Auch der Vortrag selbst entwickelt aufgrund seiner Gestaltung – etwa Hinzunahme von Stimmen, vorgeschriebenen Veränderungen der Lautstärke und weitere Details mehr – eine auch auf das Tempo einwirkende Kraft. Damit ist nicht gesagt, dass Temposchwankungen ein Ausmaß erreichen sollen, das dem Hörer auffällt; Agogik bedeutet nicht bewusste Willkür in der rhythmischen Ausführung. Vielmehr ist Agogik ein Ausdruck des Mit-Erlebens von Musik.

Wenn auch viele Musiker sich zugute halten, exakt im Tempo spielen zu können, so ist dies tatsächlich nicht der Fall. Einige Rockbands – darunter The Rolling Stones – sind geradezu dafür bekannt, während des Vortrags eines Songs im Konzert nicht exakt im vorgegebenen Tempo zu bleiben; dies betrifft sowohl den einzelnen Musiker wie auch die Gruppe als Ganzes. Viele Musiker kennen auch das Phänomen, am Schluss eines Konzertvortrags schneller zu werden; von den Zuhörern wird dies subjektiv nicht bemerkt, sondern sogar als interessant im Sinne von »mitreißend« empfunden. Selbstredend darf auch diese Beschleunigung im Vortrag ein gewisses Maß nicht überschreiten.

Eng mit dieser Sicht auf den Begriff verbunden ist die Anwendung des Begriffs Agogik auf die Bewegungen eines Sängers oder eines Instrumentalisten. Für den Zuhörer – und Zuschauer – ist dabei oft nicht zu erkennen, welche Bewegungen quasi »notwendig« sind, welche persönliche Eigenart des Musikers und welche aus Gründen der Show – die es in diesem Bereich auch in der traditionellen Kunstmusik gibt – erfolgen. Das Augenrollen des chinesischen Pianisten Lang Lang etwa ist für das Klavierspiel an sich nicht notwendig, vermutlich eine Eigenart des Pianisten im Mit-Erleben der Musik und vielleicht auch ein wenig Show. Natürlich sind gerade diese Ausprägungen von Agogik oft Zielscheibe von Parodie und Spott – nicht immer berechtigt.

Wie sehr Agogik in diesem Sinne mit der Musik verbunden ist, kann in diversen Filmen abgelesen werden: Schauspieler, die im Film das Spiel eines Instrumentes darstellen sollen, selbst aber kein Instrument beherrschen, vollführen häufig Bewegungen, die in ihrer Eigenart überhaupt nicht mit der zu hörenden Musik übereinstimmen. Schon das bloße Berühren oder Halten eines Instruments zeigt dem sachkundigen Zuschauer, ob der jeweilige Schauspieler mit dem Instrument – sei es eine Violine, sei es eine elektrische Gitarre – vertraut ist oder nicht.

Literatur

Riemann, Hugo: Musikalische Dynamik und Agogik; St. Petersburg 1884