Akzent

Akzent, von lateinisch accensere für »beigesellen, hinzurechnen«, Betonung der Zählzeiten innerhalb eines Taktes. Akzente können durch dynamische, melodische oder harmonische Veränderungen erzeugt werden; die metrischen Verhältnisse in einem Takt bleiben davon unberührt.

Musik wird nur dann als interessant und hörenswert empfunden, wenn in ihr innerhalb eines gegebenen, festen und vom Hörer stillschweigend anerkannten Gerüstes Veränderungen erkennbar sind. Etwa seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert beruht unser Taktverständnis auf einer einfachen Abfolge von betonten und unbetonten Taktteilen, die einander in dem Hörer bekannter, geradezu »erlernter« Weise abwechseln. In einem Vier-Viertel-Takt, der eine Ausdehnung von vier Zählzeiten hat, erhält die Zählzeit 1 eine starke Betonung, die Zählzeit 2 keine Betonung, die Zählzeit 3 eine schwächere Betonung als die Zählzeit 1 und die Zählzeit 4 wiederum keine Betonung; es wechseln also so genannte »schwere« und »leichte« Taktteile ab, wobei ein Vier-Viertel-Takt wiederum aus einem »schweren« ersten und einem »leichten« zweiten Taktteil besteht. Es wäre einiges gewonnen, wenn für dieses Phänomen statt des Wortes Betonungen das Wort Schwerpunkt verwendet werden würde. Innerhalb eines Taktes können Betonungen, also Akzente, frei gesetzt werden; dies betrifft nicht nur das Spiel der Rhythmusinstrumente, sondern alle »Klangerzeuger« – dazu zählt beispielsweise auch der Gesang.
Innerhalb eines Taktes – die Rede ist weiterhin vom Vier-Viertel-Takt – sitzt die Zählzeit 1 direkt hinter dem Taktstrich. Ihr kommt wie der Zählzeit 3 besondere Bedeutung zu, denn in aller Regel finden Harmoniewechsel auf diesen Zählzeiten, also auf den »schweren« Zählzeiten statt. In dieser Hinsicht unterscheidet sich auch die traditionelle europäische Kunstmusik nicht von Rock und Jazz. Die Zählzeit 1 ist durch bloßes Hören leicht zu finden; Tänze setzen auf der Zählzeit 1 ein. Es muss natürlich in diesem Fall gewährleistet sein, dass überhaupt ein Ton auf der Zählzeit sitzt, doch kann dies nicht mit Sicherheit erwartet werden.
Es gibt nun mehrere Möglichkeiten, diese an sich recht starren metrischen Verhältnisse zu verschleiern, im Einzelfall bis zur Unkenntlichkeit. In der Rockmusik geschieht das durch das Setzen von Akzenten: Die Zählzeiten 1 und 3 werden mit dem Einsatz der Bass Drum markiert, für die Zählzeiten 2 und 4 wird die Snare Drum verwendet. Da der Klang der Snare Drum stark hervorsticht, ist die Betonung der Zählzeiten 2 und 4 für die meisten Zuhörer so eindeutig, dass ein zum Mitklatschen animiertes Publikum stets auf diesen Zählzeiten klatscht. Die Betonung kann noch dadurch verstärkt werden, dass auf den Zählzeit 1 und 3 die Bass Drum überhaupt nicht oder aber sehr leise angeschlagen wird. Ein Beispiel bietet etwa das Soul-Stück »In The Midnight Hour« (1966; Pickett/Cropper) in der Fassung von Wilson Pickett: Die akzentuierende Snare Drum wird so stark angeschlagen, dass die dazwischen angespielte Bass Drum kaum zu hören ist. Die zugrunde liegende metrischen Verhältnisse werden dabei nicht angetastet, denn sowohl Pickett also auch der Bassgitarrist setzen ihre Betonung auf die Zählzeiten 1 und 3; Gitarrist Cropper dagegen auf die Zählzeiten 2 und 4. Während in diesem Beispiel die Instrumentalisten sich strikt an die Zählzeiten halten, weicht Pickett durch Off-Beat-Phrasierung immer wieder davon ab.

In The Midnight Hour; Akzente auf Zählzeiten 2 und 4

In The Midnight Hour; Akzente auf Zählzeiten 2 und 4

Nach dieser Methode sind zahllose Kompositionen von Blues, Jazz, Rock, Soul und weiteren Stilarten mehr innerhalb der afroamerikanisch bestimmten Musik gebaut. Etwa auch in dem Song »Smoke On the Water« (1972) von Deep Purple: Während der Gitarrist Ritchie Blackmore im ersten Takte des zweitaktigen Riffs sich strikt an das Metrum hält – der erste laute Ton tritt auf Zählzeit 1 auf –, verwendet der Schlagzeuger Ian Paice zunächst nur die Snare Drum, um die Zählzeiten 2 und 4 hervorzuheben. Die Synkope zu Beginn des zweiten Taktes wirkt wie ein Akzent, den nunmehr tritt auf Zählzeit 1 eben kein Ton des Gitarristen auf.
Dabei ist das Vorgehen, eigentlich »leichte« Zählzeiten zu betonen, nicht auf Jazz und Rock beschränkt, sondern kann in jeder Musik vorkommen: In der 1811 von Ludwig van Beethoven komponierten Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92 findet sich eben diese Betonung (hier allerdings innerhalb eine Achtel/Sechzehntel-Kette innerhalb eines Zwei-Viertel-Taktes). Wie schon oben gesagt, verliert die Zählzeit 1 damit nicht ihre überragende Bedeutung, denn in der Rockmusik wird die Zählzeit 1 eines jeden Taktes nicht nur durch etwaige Harmoniewechsel oder den Einsatz des Gesangs akzeptiert, sondern im weiteren Verlauf auch durch das Setzen eines Akzentes; meist wird dazu ein Crash-Becken verwendet, oft wird dieser Akzent durch den Einsatz von weiteren Schlägen auf Crash-Becken – dann aber leiser gespielt – auf der Zählzeit 4 des vorangehenden Taktes angekündigt, wenn nicht durch ein Fill-In auf den Zählzeiten 3 und 4 des vorangehenden Taktes vorbereitet.
Die Musiker innerhalb einer Rockband haben viele Möglichkeiten, die Metrik einer Kompositionen zu verschleiern; es ist sogar geradezu geboten, dies zu tun, denn da die weitaus meisten Rock-Stücke im Vier-Viertel-Takt gehalten sind, käme bei den Zuhörern schnell Langweile auf, wenn die Akzente stets gleichförmig gesetzt werden würden. Dass aber gerade dies auch gewollt sein kann, beweist etwa Michael Jacksons Song »Billie Jean«: Während Drums, Bass, Shaker undKeyboards die metrischen Verhältnisse geradezu »stur« verdeutlichen, werden Gesang und instrumentale Einwürfe freier gehandhabt. Aus diesem Gegensatz bezieht der Song seine innere Spannung.
Wenn es Rockhörer auch gewohnt sind, sich zur metrisch-rhythmischen Orientierung an das Spiel des Schlagzeugs zu halten, ist dies nicht immer angemessen, denn gerade in jüngeren Stilen der Rockmusik, so etwa in verschiedenen Spielarten des Heavy Metals und des Progressive Rock, wird das Metrum durch neue Spielweisen – etwa unter Einsatz von Doublebass-Pedalen – vom Schlagzeuger nicht durch dynamische oder rhythmische Akzente, schon gar nicht durch die Wahl des jeweiligen Schlaginstrumentes (Snare Drum, Crash-Becken) verdeutlicht, sondern vielmehr geschieht das durch das jeweilige Riff, durch den spezifischen Einsatz der Bassgitarre und nicht zuletzt durch den Gesang.
Komplizierter sind die Verhältnisse, wenn zwei oder mehr Metren gleichzeitig ablaufen. Dies tritt vor allem im Progressive Rock auf, so etwa zu Beginn der Rock-Suite »Close to the Edge« (1971) der britischen Rockband Yes. In derartigen Fällen verzichten die Musiker zumeist auf allzu ausgeklügelte rhythmische Extravaganzen und markieren jeder für sich recht stur das Metrum ihres Parts, setzen Akzente also ganz konventionell.