Antifolk

Antifolk, auch Anti-Folk, zusammengesetzt aus altgriechisch anti für »gegen, dagegen« und folk für »Volksmusik«, entgegen des Namens nicht eine gegen die traditionelle Folk Music gerichtete Strömung amerikanischer Musik, sondern vielmehr eine ausgeprägt städtische Spielart des Folk, in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre aus der Folk Music entstanden. Die Bezeichnung ist eng verwandt mit dem Begriff Urban Folk, der gelegentlich verwendet wird.

Antifolk entstand Mitte der 1980er-Jahre in New York, als junge Folk-Musiker sich in einer Art Gegenbewegung sich nicht auf etwa die Folk Music der ausgehenden 1960er-Jahre besannen, sondern auf deren Wurzelen zurückgriffen. Seinen Ausgangspunkt hatte die in gewisser Hinsicht restaurative Musik im East Village. Wie im Folk üblich, gab es hier mit dem Sidewalk Café einen Veranstaltungsort, in dem junge Musiker, meistens Amateure, ihre Musik zu so genannten Open-Mic-Konzerten vorstellen konnten. Die Musiker, die sich hier in einer weitgehend informellen Umgebung dem Publikum stellten, verbanden in ihrer Musik häufig Elemente des amerikanischen Punk mit dem Instrumentarium der Folk-Music, oft genug gesteigerten instrumentell-handwerkliche Ansprüchen außer Acht lassend. Doch gibt es auch Vertreter des Antifolk, die sich mit ihrer artifiziellen Musik weit von Vorbildern aus der authentischen Volksmusik entfernen. Von größerer Bedeutung sind die Texte: Es stehen weniger eher allgemein gehaltene philosophisch Themen oder mehr oder weniger globale Kritik an sozialen und politischen Verhältnissen im Vordergrund als vielmehr subjektive Beobachtungen aus dem Leben in der Großstadt – mit anderen Worten: Antifolk bezieht nicht allgemein gegen Krieg oder soziale Benachteiligung Stellung, sondern konkret gegen den Kindesmissbrauch zwei Stockwerke höher und gegen die Verhältnisse auf der Straße vor dem eigenen Haus, dabei kein Blatt vor den Mund nehmend und sich nicht in bukolische Bilder flüchtend.

Die musikalischen Mittel des Antifolk wurzeln zwar zum Teil in der Folk Music vergangener Tage, gehen aber im Einzelfall weit darüber hinaus: Ein Musiker wie Beck, der zumindest mit einigen seiner Songs dem Antifolk zugerechnet werden kann, kann mit seiner Musik über Musik ebenso als Vertreter des Artrock angesehen werden; die Sängerin und Pianistin Regina Spektor greift häufig unvermittelt auf Mittel der traditionellen Kunstmusik zurück und gibt damit ihren mitunter absurd-komischen, oft aus kalter Beobachtung entstandenen Texten eine tückisch-harmlose Oberfläche. Ähnlich verfahren andere Musiker und Bands: The Fleet Foxes bauen zwar wie die Folk-Gruppen der 1960er-Jahre ein harmonisches Klangbild auf, thematisieren mitunter aber ganz profane Dinge aus dem Leben in der Zivilisation des 21. Jahrhunderts.

Wenn auch ein Großteil der Musiker und Bands, die mit dem Begriff in Verbindung gebracht werden, ihre Heimat in New York haben, so ist die Haltung des Antifolk bei vielen zu finden. Oft wird sie mit einer Rückbesinnung auf einzelne im 19. Jahrhundert entstandene Songs verbunden, manchmal finden sich auch traditionelle Songs aus England, Schottland und Irland unter den Neuaufnahmen. So ist es eher der einzelne Song, als das gesamte Ouvre einer Band oder eines Musikers, der dazu führt, das Etikett Antifolk zu vergeben. Im Rückblick finden sich nämlich in der Geschichte der Volksmusik der USA immer wieder Musiker, deren Musik man als Antifolk bezeichnen könnte, von den Urhebern der Union Songs des 19. Jahrhunderts bis zu den Fugs, die mit ihrer Musik schon in den 1960er-Jahren Antifolk waren und auch später nicht müde wurden, ihre Auffassung von Folk Music weltweit vorzuführen. Antifolk war und ist in den gesamten USA gegenwärtig.

Die Legende will es, dass ein Singer/Songwriter namens Lach, der auch im Sidewalk Café auftrat, den Begriff Antifolk geprägt haben soll. Die Sache selbst aber gab es schon länger und hat aus der Positionierung gegen die etablierte Folk Music – als deren Repräsentanten und Projektionsflächen nolens volens immer wieder Bob Dylan und Joan Baez herhalten müssen – eben selbst eine »Scene« gebildet, die auch nach der Jahrtausendwende das Interesse der großen Plattenfirmen fand. Denn der typische Antifolk-Musiker hat kein Geld, kann sich weder Studio noch ausgeklügelte Produktion leisten und verlegt seine Platten selbst oder bei kleinen unabhängigen Labels. In diesem Sinne sind etwa Ani DiFranco oder Adam Green zumindest mit ihren frühesten Aufnahmen authentische Antifolk-Musiker.

Zu diesen gehören allerdings viele: Neben DiFranco, Beck und Green sind es etwa der Sänger und Gitarrist Ben Kweller, der Sänger Jeffrey Lewis, die Sängerin Michelle Shocked, Regina Spektor, The Moldy Peaches, Joan Wasser, mit einzelnen Songs auch Suzanne Vega oder Billy Bragg, letzterer nicht der einzige Vertreter des britischen Antifolk. Nimmt man den Begriff ernst, gerade mit Blick auf seine Ablehnung aller kommerziellen Anbiederung an ein Publikum, könne auch etwa Victoria Williams, The Unthanks und Roger Manning zum Antifolk gezählt werden.

 

Diskografie

The Fugs: – (1966)
Suzanne Vega: – (1985)
Suzanne Vega: Solitude Standing (1987)
Michelle Shocked : Short Sharp Shocked (1988)
Tracy Chapman: Matters of the Heart (1992)
Beck: Godlen Feelings (1993)
Roger Manning – (1995)
Ani DiFranco: Living in Clip (1997)
Ani DiFranco: Little Plastic Castle (1998)
Ben Kweller: Freak Out, It’s Ben Kweller (2000)
The Moldy Peaches: – (2001)
Adam Green: Gemstones (2005)
Regina Spector: Begin to Hope (2006)
Joan As Police Woman: Real Life (2006)
Fleet Foxes: – (2008)
The Unthanks: – (2011)

 

Literatur

Büsser, Martin: Antifolk – Von Beck bis Adam Green (Mainz 2005)