Artrock

Artrock, auch Art Rock, Strömung vor allem innerhalb der britischen Rockmusik zwischen 1968 und 1976; vereinzelt gibt es auch Bands und Musiker aus den USA und Kontinentaleuropa, die wenigstens mit einigen ihrer Kompositionen dem Artrock zugerechnet werden können. Die Stilmittel des Artrock blieben in der Rockmusik auch nach seiner Blütezeit präsent.

Wie Begriffe in der Rockmusik allgemein stets interpretierbar und somit umstritten sind, ist auch der Begriff Artrock keineswegs einheitlich beschrieben. In der Regel wird Artrock als ein Ausläufer des Progressive Rock angesehen, gelegentlich aber auch Artrock mit Progressive Rock oder gar Classical Rock verwechselt. Einheitlich wird die Auffassung vertreten, dass sich Artrock von anderer Rock- und Popmusik dadurch abhebt, dass ein Kunstanspruch verfolgt wird – dies allerdings weniger durch Postulate der betreffenden Bands und Musiker, als vielmehr durch ihre Tonträger-Veröffentlichungen, also auf Seiten der Rezeption. Wie beinahe durchgehend, lässt sich das Phänomen Artrock am ehesten durch die Bands und Musiker beschreiben, die ihm zugerechnet werden: Roxy Music, 10cc, City Boy, Supertramp, Be Bop Deluxe. Nicht wenige Veröffentlichungen später dem Progressive Rock zugeordneter Bands allerdings sind ebenfalls dem Artrock zuzuordnen, so etwa die frühen Alben von Pink Floyd und einige Kompositionen von The Nice.

Historisch hat der Artrock seine Wurzeln in der Musik der Beatles, »Revolver« (1966) kann als das erste Album gelten, in dem es Kompositionen gab, die Artrock sind: »Eleanor Rigby«, »Yellow Submarine« oder »Tomorrow never knows« beispielsweise. Gemeinsam ist diesen Songs, dass sie die überkommenen Muster des Rock – den die Beatles auf ihren ersten LPs durchaus noch stilgerecht vorführten, sieht man einmal von Ausnahmen wie »Yesterday« ab –, verließen und begannen, sich jedweder Musik zu bedienen, derer sie habhaft werden konnten. Es ist müßig, den Anteil des Produzenten der Beatles, George Martin, an dieser Musik eruieren zu wollen, doch dürfte sein Einfluss erheblich gewesen sein.

Es entstand dabei Musik über Musik. Das Disparate, dessen sich alle Musiker des Artrock, eingestanden oder nicht, gewiss sind, wird mit Ironie verdeutlicht. Artrock ist die einzige Musik, die regelmäßig der eigenen Musik – also dem Rock – ironisch begegnet, dabei aber gleich jede Musik einschließt.
So nahmen diverse Bands die Ideen der Beatles begierig auf, erkannten sie doch die Möglichkeit, sich aus dem Einerlei der Hitparaden vor 1965 herauszuheben, ohne auf eine Art »Schlager im Beat-Gestus« ausweichen zu müssen. Es finden sich also zahlreiche Aufnahmen nach 1966, besonders aber nach 1967, dem Veröffentlichungsjahr des Beatles-Albums »Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band«, die zweifelsfrei Artrock sind, ohne dass man die jeweiligen Bands – aufs Geratewohl: Mothers of Invention, Procol Harum, The Nice, Pink Floyd und selbst The Rolling Stones (»Let it Bleed«; 1969) und Blood, Sweat & Tears (»Child is Father to the Man«; 1968) – explizit als Artrock-Band bezeichnen könnte. Es war gegen Ende der 1960er-Jahre aber eine Möglichkeit, diese Haltung der eigenen Musik gegenüber durchgängig einnehmen zu können. Einigen Bands gelang dies für einige Veröffentlichungen, eben etwa Roxy Music und 10cc. Doch auch für diese Bands war Artrock ein schmaler Grat – mal geriet ihre Musik zum Pop, mal zum prätentiösen Kitsch – nicht mehr ironisch, sondern nur noch unangemessen. Und manch eine Band nahm die Möglichkeit der Ironie gleich zum Anlass, Rockmusik, vor allem aber Rockbands, zu parodieren (Bonzo Dog Band, Grimms, Alberto Y Lsot Trios Paranoias).

Wenn auch Artrock als eine Spielart des Progressive Rock angesehen werden muss, so ist er dies nur, weil er eine Antithese zu ihm formuliert: Kunst wird nicht benutzt, um selbst Kunst zu werden, sondern um Kunst durch die eigene Musik zu karikieren; Progressive Rock der Spielart von Yes, Emerson, Lake & Palmer, King Crimson bis zu Marillion, Flower Kings und Dream Theater dagegen ist niemals ironisch. Und die Blütezeit des Artrock war mit dem Aufkommen des Punk, der alles andere als ironisch war, beendet.

Erst nach 1980 wurde die Idee des Artrock hier und da wieder genutzt, doch war für die feine Ironie etwa der Musik von Roxy Music oder 10cc bei den Protagonisten der New Wave nur wenig Raum – wenn, dann handelte es sich oft genug gleich um Comedy Rock. Dennoch – Artrock ist unberechenbar: So kann etwa die Musik von Split Enz, manches von Squeeze und einiges von Beck, Jellyfish oder Roger Joseph Manning dazu gerechnet werden. Artrock setzt beim Hörer Kenntnisse voraus, oft genug nicht nur musikalische, sondern auch literarische. Und Kenntnisse der jeweiligen Zeit: Wenn etwa 10cc singen: »I’m Mandy Fly Me« (»How Dare You!«; 1975), muss man dazu wissen, dass die Musiker damit den Werbespot einer amerikanischen Fluggesellschaft und dessen Anzüglichkeit persiflierten; dass im selben Text auch eine Anspielung auf den James-Bond-Film »Dr. No« (1962) eine Rolle spielt, sei nur am Rande erwähnt.

Es gibt eine Reihe von Musikern, die zwar dem Artrock zugerechnet werden können, in deren Musik Ironie dennoch eine Ausnahme ist. Zu diesen zählt etwa Kate Bush, in deren Musik sich Einflüsse jedweder Musik finden – neben diversen literarischen Anspielungen. So enthält Artrock immer eine Botschaft, die über die Boy-meets-Girl-Botschaft der durchschnittlichen Rockmusik weit hinausgeht. Unentschieden muss bleiben, ob diese Musik nicht den Rahmen von Rockmusik sprengt.

Diskografie

Hotlegs: School stinks (1970)
10cc: 10cc (1973)
10cc: Sheet music (1974)
10cc: Original Soundtrack (1975)
10cc: How dare You! (1975)
Roxy Music: Roxy Music (1972)
Roxy Music: For Your Pleasure (1973)
Roxy Music: Stranded (1973)
Roxy Music: Country Life: (1974)
City Boy: Young Men gone West (1977)
City Boy: Book early (1978)
The Beatles: Revolver (1966)
The Beatles: Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band (19679
The Beatles: The Beatles (1968)
Supertramp: Supertramp (1970)
Supertramp: Crime of the Century (1974)
Suptertamp: Crisis? What Crisis? (1975)
Supertramp: Even in the quietest Moments (1977)
Be Bop Deluxe: Axe Victim 819749
Be Bop Deluxe: Futurama (1975)
David Bowie: Pin up (1973)

Literatur

Holm-Hudson, Kevin: Progressive Rock Reconsidered; New York/London 2002
Lucky, Jerry: The Progressive Rock Files; Burlington 2000 (Updated Edition)
Stump, Paul: The Music’s all that matters; London 1997
Moore, Allan F.: Rock: The Primary Text – Developing a musicology of rock; Buckingham 2001 (Second Edition)
Covach, John/Booen, Graeme M (Hrsg): Understanding Rock – Essays in Musical Analysis; New York/Oxford 1997