Avantgarde

Avantgarde, französisch für »Vorreiter, Vortrupp«, eigentlich in militärischem Sinne, dann über Politik seit Ende des 19. Jahrhunderts auch auf künstlerische Bewegungen, darunter auch die der Musik, übertragen.

Der Begriff Avantgarde hängt eng mit der Annahme eines in der Kunst möglichen Fortschritts zusammen. Die Erweiterung des musikalischen Materials in der Geschichte der Musik gilt als Fortschritt: Arnold Schönberg konnte über andere kompositorische Mittel verfügen als Gustav Mahler, Mahler über andere als Franz Liszt, Liszt über andere als Ludwig van Beethoven. Dabei stellte der Spätere jeweils den Avantgardisten für den Früheren dar. Mit der Einführung von etwas Neuem steht dieses jedem zur Verfügung. Damit ist der Avantgarde-Begriff unteilbar: Es gibt keine Avantgarde des Jazz, keine Avantgarde des Rock und natürlich auch keine Avantgarde der Popmusik. Sobald ein Jazzmusiker, ein Rock- oder Popmusiker das musikalische Material »seiner Musik« erweitert, ist es nicht mehr Jazz, Rock oder Pop, sondern muss sich am Stand des musikalischen Materials überhaupt orientieren. Vereinfacht gesagt: Würde ein Rockmusiker zu Beginn des 21. Jahrhunderts Dodekaphonie in die Rockmusik einführen, wäre es einerseits keine Rockmusik mehr, andererseits auch keine Avantgarde, da diese Erweiterung des Materials über 100 Jahre zurückliegt. So gesehen handelt es sich etwa bei »Revolution No. 9« von John Lennon nicht um Avantgarde, sondern um die Nachahmung von bereits Vorhandenem: Musique concrète und Collagetechnik waren in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre längst bekannte Kompositionstechniken.

Der Begriff Avantgarde wurde in der Musik erst Anfang des 20. Jahrhunderts eingeführt, vor allem in der Musikpublizistik diente er dazu, etwa die Musik von Arnold Schönbergs, Alban Bergs und Anton Weberns von der gemäßigten Moderne etwa Igor Strawinskys abzugrenzen. Von Komponisten und Musikwissenschaftlern hingegen wurde der Begriff nicht verwendet. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde der Begriff zunehmend zu einem journalistischen Terminus, fand und findet immer dann Anwendung, wenn Musik beschrieben werden sollte, die von der Rockmusik stark abwich, sich andererseits aber auch nicht als Teil der traditionellen Kunstmusik empfand.

Tatsächlich findet in Rock und Pop eine Entwicklung des musikalischen Materials nicht statt. In der elektroakustischen Aufbereitung von Musik stellen Rock und selbst noch der banalste Pop-Song in der Tat einen Fortschritt dar, doch ist dieser Fortschritt der Fortschritt der dazu nötigen Technik: Erreicht ein Gerät der Studiotechnik den Grad der Marktreife, so sind Rock- und Popmusiker stets die ersten, die es verwenden wollen. Technischer Fortschritt ist also der Motor der Rock- und Popmusik, und von dessen Antriebskraft profitieren auch über den Gebrauch in Rock- und Pop-Produktionen der Jazz wie die traditionelle Kunstmusik.

Schließlich: Ein Avantgardist ist nur für kurze Zeit ein solcher. Sobald seine schöpferischen Mittel bekannt sind, werden sie entweder Allgemeingut oder aber sie geraten in Vergessenheit und machen einer neuen Avantgarde Platz.