Big Band

Big Band, von englisch big für »groß« und band für »Gruppe, Band«, Großformation des Jazz, im engeren Sinne ein Ensemble von 12 bis 20 Musikern, wie es vor allem in der Swing-Ära der 1930er-Jahre bis Mitte der 1940er-Jahre gängig war.

Eine typische Swing-Big-Band bestand aus einer Rhythm Section und einer Melody Section. Zur Rhythm Section gehörten wenigstens ein Schlagzeuger, ein Kontrabassist und ein Pianist; weitere Instrumentaltisten wie ein Vibraphonist und ein Gitarrist – früher mit einer akustischen Gitarre, später auch mit einer elektrischen – konnte die Rhythm Section verstärken. Die Melody Section wiederum bestand aus Blech- und Holzbläsern, Horn und Reed Section. Die Blechbläsergruppe setzt sich aus drei bis vier Trompetern und drei Posaunisten zusammen; statt einer weiteren Tenorposaune konnte einer der Posaunisten auch eine Bassposaune spielen, die Trompeter neben der Trompete auch zum Flügelhorn greifen. Zur Holzbläsergruppe gehörten wenigstens ein Alt-, ein Tenor und ein Baritonsaxofonist, oft aber stattdessen zwei Altsaxofonisten und zwei Tenorsaxofonisten (siehe Saxophone). Das Sopransaxofon wurde in aller Regel nicht verwendet, wohl aber Klarinette und ganz selten die Querflöte. Nach 1945 konnte die Rhythmus Section durch Latin Percussion wie Conga, Bongos und Timbales erweitert werden, die in New York beheimateten Bands der Puertoricaner und Kubaner hatten obligat Perkussionisten in der Besetzung. Nach 1950 wurde aus der Big Band das Jazz-Orchester, das besonders den Anforderungen des Third Streams gerecht werden konnte. Bei den Schlaginstrumenten wurden weitere Mallet-Instrumente – Xylophon, Marimbaphon – üblich, bei den Blech- und Holzbläsern traten diverse, auch exotische Instrumente zu den obligaten, so etwa das Euphonium oder die Bassklarinette. Auf diese mitunter 25 und mehr Musiker umfassenden Ensembles wird der Begriff Big Band nicht mehr angewandt. Dieser blieb allerdings zumal in Deutschland oft Bestandteil des Namens von Tanzorchestern. Eine Reihe von Rundfunkanstalten in der Bundesrepublik Deutschland tragen also Namen wie WDR Big Band, HR Big Band, SWR Big Band; auch die deutsche Bundeswehr unterhielt lange Zeit die Big Band der Bundeswehr. In den 1990er-Jahren kam es zu einem Revival des Swing, zum Teil wohl auch von der Big Band des Gitarristen Brian Setzer ausgelöst.

Der archaische Jazz Anfang des 19. Jahrhunderts war die Musik der kleine Gruppen, die maximal aus etwa zehn Musikern bestand; typisch waren aber Bands mit fünf bis sieben Musikern, die spätere Combo. Daneben gab es aber große Orchester – etwa die von Paul Whiteman – die eine Art Salonorchester darstellten, das um weitere Blech- und Holzbläser, aber auch um Streichinstrumente verstärkt worden war. Diese Orchester engagierten mitunter einen Jazz-Musiker – meist einen Trompeter –, der die so genannten »Hot Soli« beisteuerte. Noch bis in die 1930er-Jahre hinein gab es Big Bands, zu deren Besetzung auch Streicher gehörten. Ende der 1920er-Jahre entstanden in Chicago, Kansas City und New York die ersten Ensembles, die als Big Band im engeren Sinn gelten können, etwa die von Fletcher Henderson, Duke Ellington, Cab Callowas und Charlie Spivak. Diesen großen Formationen war es nicht mehr möglich, kollektiv zu improvisieren, wie es die kleine Gruppen im frühen Jazz gemacht hatten, sondern benötigten als formale Gerüste Arrangements der Kompositionen. So erhielt der Arrangeur – etwa Don Redman, Duke Ellington, Walter Thomas und Mel Torme – zentrale Bedeutung, da er nicht nur die Kompositionen für die verschiedenen Instrumentalgruppen einrichtete, sondern auch einzelnen Solisten Abschnitte zuwies, bei denen sie mit Improvisationen hervortreten konnten. Das Medium der Big Bands war in erste Linie der Rundfunk, erst in zweiter die Schallplatte und später auch der Film. Geprägt wurde die Swing-Ära von den Bands Benny Goodmans, Count Basie, Duke Ellington, Artie Shaw, Woody Herman, Tommy Dorsey, Jimmy Dorsey, Chick Web, Jimmie Lunceford, Glenn Miller und weiteren mehr. Jeder dieser Bands hatte ihre Besonderheit, etwa dem obligaten Einsatz von Klarinetten bei Goodman und Shaw, den besonders homogenen Klang bei Glenn Miller oder die kontrastreichen Instrumentierungen bei Ellington.

Einige Big Bands bestanden nur aus weißen, andere nur aus schwarzen Musikern. Doch waren es die Big Bands, die sich mitunter über die strikte Rassentrennung hinwegsetzte. Das oft weiße Publikum – die Bands tourten durch die gesamten USA, blieben in jeder Stadt oft nur für eine Nacht – akzeptierte zwar weiße und schwarze Musiker auf der Bühne, fand aber nichts dabei, dass vor und nach dem Konzert die Musiker getrennt wurden. Eine der ersten Big Bands, in der schwarze und weiße Musiker saßen, war die von Benny Goodman.

Der Zweite Weltkrieg brachte dem Typus der Swing-Big-Band zwar weltweite Popularität, zumal das amerikanische Militär für die Truppenbetreuung auf die Arbeit der großen Bands setzte –, war aber wohl auch verantwortlich für den Niedergang der Bands. Die bekannten Bands waren auf Front-Tourneen, Musiker wurden eingezogen und nicht wenige kamen um ihr Leben. Zudem war die Musik der Bands natürlich Tanzmusik, die in diesen Zeiten naturgemäß weniger gefragt war als noch in den 1930er-Jahren. Der Bebop beendete die Swing-Ära und damit auch die Hochblüte der Big Bands.

Die es natürlich weiterhin, wenn auch in weit geringerer Zahl gab. Die Formationen von Dizzy Gillespie, Buddy Rich, Gil Evans, Stan Kenton, Sun Ra, Carla Bley, Thad Jones und Mel Lewis und weiterer Musiker mehr trugen den Gedanken der großen Jazz-Formation weiter, bis hin zu den zwischen Jazz und Kunstmusik stehenden Ensembles Vienna Art Orchestra und Italian Instabile Orchestra; mit der klassischen Swing-Big-Band hatten diese Bands nicht mehr viel gemein und führten den Begriff daher auch nicht im Namen.

In der Rockmusik werden mitunter auch Bands wie Chicago, Blood, Sweat & Tears, Ten Wheel Drive, Chase, Power of Tower und andere als Big Bands bezeichnet. Im klassischen Sinne sind sie es natürlich nicht. Während die Rhythmusgruppe noch in etwa der Rhythm Section der Big Bands entspricht – mit einer gewissen Vormachstellung der elektrischen Gitarre – so stellen die drei oder vier Bläser – Trompete, Altsaxophon, Posaune – zwar so etwas wie die stilisierte Form der Bläser-Section der früheren Big Bands dar, doch entspricht diese Besetzung weit mehr dem Typus der Bläser-Gruppe von Soul-Bands – wie sie also bei vielen Aufnahmen von Stax zu hören sind. Andererseits haben Rockmusiker – vor allem Sängerinnen und Sänger – immer wieder mal auf die Klangmacht von Big Bands gesetzt, wenn auch oft in nostalgischer Form: Björk, Sinead O’Connor, Phil Collins und die Spice Girls haben einzelne Songs bzw. ganze Alben mit Big-Band-Musik vorgelegt; erst recht gehören natürlich die Alben etwa von Rod Stewart und Brian Ferry, mit denen sie dem Great American Song Book huldigten, in diese Kategorie.

Neu ist auch dies nicht: Schon früher verpflichteten manche Big-Band-Leader eine Sängerin oder eine Sängerin fest für ihre Band, und die Zahl der Aufnahmen, bei denen bekannt Big Bands als Begleitorchester für eine Sängerin oder einen Sänger dienten, ist unüberschaubar. Die Idee, einen bekannten Musiker zu engagieren, um mit ihm Big-Band-Musik vorführen zu können, wurde seit den 1990er-Jahren auch von einigen Big Bands deutscher Rundfunksender aufgegriffen. So gibt es diverse CDs, oft Konzertaufnahmen, die etwa von der WDR Big Band mit dem Altsaxofonisten Maceo Parker oder dem Gitarristen Hiram Bullock und dem Schlagzeuger Billy Cobham sowie von der SWR Big Band mit der Sängerin Helen Schneider vorgelegt wurden.

Diskografie

Maceo Parker with Dennis Chambers, Rodney Curtis, WDR Big Band Cologne: Roots & Grooves (2007)
Hiram Bullock with Billy Cobham, WDR Big Band Köln: Plays the Music of Jimi Hendrix (2004)
Wolfgang Niedecken mit der WDR Big Band: – (2009)
SWR Big Band with Helen Schneider: The World As We Knew – The Bert Kaempfert Album (2010)
Chicago: I (1969)
Blood, Sweat & Tears: – (1968)
Chase: – (1971)
Ten Wheel Drive: Peculiar Friends (1971)

Literatur

McCarthy, Albert: Big Band Jazz; New York 1974
Niels-Henrik Heinsohn: Das Big Band-Konzept von Mel Lewis: Time, Swing, Sound, didaktische Potentiale; Saarbrücken 2010