Bootleg

Bootleg, englisch für Stiefelschaft, Bezeichnung für illegal, also ohne Beachtung der Urheber- und Leistungsschutzrechte zustandegekommene und verkaufte Musikaufnahmen, meist Konzertaufnahmen bekannter Künstler.

Während die Schallplattenindustrie grundsätzlich nicht zwischen Konzertmitschnitten und industriell massenhaft hergestellten Kopien (Counterfeits) bereits vorliegender Studioaufnahmen unterscheidet und auch die private Kopie einer regulär hergestellten CD als Raubpressung bezeichnet, argumentiert der Schallplattensammler und erst recht der Fan moralisch indem, dass er dem Bootleg im engeren Sinn – also dem Konzertmitschnitt – eine musikhistorische Daseinberechtigung zubilligt und darin eine gewisse Legitimität sieht. In der Regel besitzt der Fan einer Band oder eines Musikers alle legalen, regulären Veröffentlichungen und auch einige Bootlegs. Bootlegs werden häufig auch teurer gehandelt als reguläre Veröffentlichungen, während Counterfeits oft billiger sind. Zahlreiche Bootlegs haben eine erhebliche Berühmtheit erlangt, manche geradezu einen Nimbus. Die Haltung von Rockmusikern gegenüber Bootlegs ist indifferent; während manche Bootlegs vehement als Diebstahl ablehnen, fordern andere geradezu dazu auf, ein Konzert mitzuschneiden, so etwa zeitweise The Grateful Dead. Der Begriff Bootleg wird dann und wann selbst von der Schallplattenindustrie als Teil von Schallplatten-Titeln genutzt. Paul McCartney gab einer seiner Schallplatten den Titel »The official Bootleg«, und die Gruppe The Who ließ ihren Konzertmitschnitt »Live at Leeds« in einer einem Bootleg immitierten Aufmachung verkaufen.

Einen Sonderfall von Bootlegs stellen auf der Grundlage gestohlener Studioaufnahmen zustandgekommene Schallplatten und CDs dar. Sie sind meistens von technisch guter Qualität und enthalten entweder abgeschlossene Aufnahmen oder aber vorläufige Fassungen, die Aufschluss über den kreativen Prozess geben können.

Bootlegs können Plattenfirmen erheblich unter Druck setzen, bestimmte Aufnahmen eines Künstlers, vor allem Mitschnitte von Live-Konzerte, zu veröffentlichen. Bob Dylans Album »The Basements Tapes« wurde 1975 veröffentlicht, nachdem Bootlegs dieser Aufnahmen unter dem Titel »Great White Wonder« seit 1969 in großer Zahl kursierten. Auch die Rolling Stones, Frank Zappa und Emerson, Lake and Palmer veröffentlichten Live-Aufnahmen, als zahllose Bootlegs einen offensichtlichen Bedarf anzeigten. Die letzte veröffentlichte LP der Beatles, »Let It Be« war in ihrer nicht veröffentlichten Originalfassung ein weit verbreitetes Sammlerstück (»Get Back, and 12 Other Songs«), bis sich die Plattenfirma der Beatles 2005 entschloss, die ursprüngliche Fassung auf den Markt zu bringen (»Let It Be  – Naked«). Insgesamt dürfte die Flut vor allem seit 1970 veröffentlichter Konzertmitschnitte eine Folge der Bootlegs gewesen sein, die seit Ende der 1960er-Jahre erhältlich waren.

Das Phänomen des Bootleggings gibt es fast so lange wie es Tonträger gibt. Waren es zunächst vor allem Mitschnitte von Opern-Aufführungen der großen Opernhäuser, später auch Blues- und Jazzkonzerte, die als Radiomitschnitte illegal unter Fans verkauft wurden, so erlebte das Bootlegging seine größte Blüte von etwa 1970 bis in die 1980er-Jahre hinein aufgrund der Anziehungskraft der Rockmusik. Zweierlei Gründe mögen den Ausschlag gegeben haben, dass sich hier eine regelrechte Industrie bildete: Zum einen hatten viele Rockgruppen eine eingeschworene Fangemeinde, zum anderen war nach den großen Open-Air-Festivals in Monterey und Woodstock das Interesse an Konzerten und damit an Konzertmitschnitten stark gestiegen. So besitzen Fans einer bestimmten Rockgruppe nicht nur deren originalen Veröffentlichungen, sondern eben auch mehr oder weniger viele Bootlegs. Die meisten Bootlegs wurden dann auch von Konzerten der Großen des Genre auf den Markt gebracht: The Rolling Stones, The Beatles, Led Zeppelin, Pink Floyd, Yes und Bob Dylan; von Konzerten der Rolling Stones gibt es angeblich mehr als 100 verschiedene Bootlegs.

Mit der Verfügbarkeit tragbarer Tonbandgeräte und dem Aufkommen des Kassettenrecorders war das Anfertigen eines Konzertmitschnittes eine relativ problemlose Angelegenheit geworden; mittlerweile hat auch hier die Digitaltechnik Einzug gehalten. Die zur Verfügung stehenden Geräte sind kaum größer als eine Zigarettenschachtel und ermöglichen Aufnahmen in CD-Qualität. Auch das seit den 1960er-Jahren stark ausgeweitete Konzertangebot durch Rundfunk und Fernsehen war für Bootlegger geradezu eine Einladung, Bootlegs von sehr hoher Qualität anzufertigen. So sind in Deutschland Mitschnitte früherer Rockpalast-Sendungen, die meistens zeitgleich im Rundfunk in Stereo übertragen wurden, weit verbreitet.

Die Vervielfältigung der Aufnahmen selbst stellte angesichts der freien Kapazitäten der Presswerke ebenfalls keine übergroße Hürde dar, zumal die Auflagen von Bootlegs meistens recht klein sind und vierstelligen Zahlen nicht erreichen. Für die Verbreitung der Schallplatten gab und gibt es mehrere Wege: Schallplattenbörsen, kleinere Rock-Plattenläden und in einzelnen Fällen auch der Mailorder-Handel. Äußerlich sind Schallplatten-Bootlegs – wenn sie nicht ohnehin lediglich in einem weißen Cover stecken und mit einem weißen Label versehen sind – meistens an obskuren Namen und einer ambitionierten, aber amateurhaften Grafik zu erkennen. Manche weißen Cover wurden lediglich mit der Fotokopie eines grafisch gestalteten Blattes Papier beklebt. Das Label in der Schallplattenmitte enthält meistens nur die Hinweise auf erste und zweite Seite.

Mit dem Aufkommen der CD und der schnellen Markteroberung durch diesen Tonträger erlosch das Interesse an Bootlegs seit Beginn der 1980er-Jahre zwar nicht gänzlich, verlagerte sich aber auf den harten Kern von Sammlern und Fans.

Bootleger geben ihren Labels fantasievolle Namen, so zum Beispiel Trademark of Quality, The Amazing Korniphone Record Leabel, Vicky Vinyl, BBC Transcription Services, Immaculate Conception Records, Kustom Records, Deep Records, Ruhrpott Records und King Kong Records. Die meisten Bootleg-Schallplatten werden in den USA, den Benelux-Ländern und in Deutschland hergestellt.

Gegen Ende der 1980er-Jahre kamen CDs auf den Markt, die die zu dieser Zeit noch kürzeren Leistungsschutzrechte einiger Länder nutzten. So erschienen auf dem in Luxemburg beheimateten Label The Swingin’ Pig eine Reihe von nicht veröffentlichten Aufnahmen verschiedener Rockbands, so unter dem Titel „Ultra Rare Trax“ sechs CDs mit Studio-Outtakes der Beatles. Die Tonträgerindustrie ging gegen diese CDs mit aller Härte vor, so dass sie nur kurz auf dem Markt waren.

Über den wirtschaftlichen Schaden, den Bootlegs verursachen, existieren keine verlässlichen Zahlen, da die Tonträgerindustrie keine Unterschiede zwischen Bootlegs und illegalen Kopien macht. Wenig angetan ist die Tonträgerindustrie auch von der Tatsache, dass einige Musiker und Bands es Bootleggern ermöglichen, Konzertmitschnitte auf ihren Seiten zum Verkauf anzubieten; auf diese Weise wahren die Musiker ihre Rechte direkt, lassen allerdings Plattenfirma und Verwertungsgesellschaft außer Acht. Noch einen Schritt weiter in der Autorisierung von Bootlegs gehen Bands, die direkt nach einem Konzert die Möglichkeit bieten, einen Mitschnitt eben dieses Konzertes auf CD zu kaufen. Sie sind damit ihre eigenen Bootlegger.