British Invasion

British Invasion, zusammengesetzt aus englisch british für »britisch« und invasion für »Invasion«, Bezeichnung für die ab etwa 1963 wachsende Bedeutung britischer Rockmusik auf dem US-amerikanischen Musikmarkt, in deren Folge aber auch der britischen und europäischen Popkultur auf die jugendliche Subkultur wie die so genannte Hochkultur der USA; Protagonisten der British Invasion waren zunächst die britischen Rockbands The Beatles, The Rolling Stones, The Who, The Kinks und Herman’s Hermits.

Rockmusik wurde bis in die 1960er-Jahre hinein von US-Amerikanern als ureigener Ausdruck der amerikanischen Kultur betrachtet. In diesem Sinne wurde dieses Musik auch vorrangig in Form von Singles und LPs in alle Welt exportiert und zumal in Großbritannien vom Publikum angenommen. Als im Zuge der Skiffle-Bewegung der Blues das Interesse von britischen Jugendlichen im Laufe der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre auf sich zog, ahmten diese mal mehr, meist weniger musikalisch vorgebildeten Jugendlichen die amerikanischen Vorbilder nach, bald auch den frühen Rock. Dies galt durchweg für britische Bands noch Anfang der 1960er-Jahre, wie an den ersten Schallplatten beispielsweise der Beatles, der Rolling Stones und der Animals abgelesen werden kann. Schon zu dieser Zeit präsentierten die britischen Beat-Bands nicht nur Cover Versions der Songs ihrer amerikanischen Vorbilder, sondern verfassten bald eigene Songs nach denen der Amerikaner, die ersten LPs der Beatles beispielsweise sprechen hier ein beredte Sprache. Es finden sich hier aber nicht nur Cover Versions von Titeln etwa von Chuck Berry oder Little Richard, sondern auch etwa von Leiber/Stoller und Goffin/King, letztere Vertreter des Brill Building Pop. Und dazu von Beginn an Eigenes. Derartig unbekümmerte Mischungen waren in den USA eher ungewöhnlich, zumal der ältere Rock’n’Roll eines Chuck Berry beispielsweise nicht mehr unbedingt gefragt war.

Dennoch dauerte es bis 1963, dass das amerikanische Publikum Notiz von der neuen Rockmusik der Briten nahm. Dann aber, um den Jahreswechsel 1963/64 herum, nach einigen kurzen Notizen in Rundfunksendungen, waren die Beatles zu Gast in der Ed Sullivan Show, geradezu eine Garantie für weitere mediale Aufmerksamkeit. Tatsächlich wuchs die Popularität der Liverpooler Band immens, bis hinzu so genannte Beatlemania. Die Gewalt der Umwälzung auf dem amerikanischen Musikmarkt zeigen am besten die Hitparaden des Branchenblattes Billboard in diesen Jahren: 1963 waren es noch ausschließlich US-amerikanische Sänger und Bands, die die vorderen Plätze der Charts besetzten, etwa The Chiffons, The Ronettes, Martha & The Vandellas, The Crystals, The Kingsmen, The Beach Boys, The Drifters, Bob Dylan, Johnny Cash, Rick Nelson, Steve Wonder (Little Stevie Wonder) und Elvis Presley. 1964 wandelte sich das Bild: Jetzt waren britische Gruppen mit dabei, so The Kinks, Herman’s Hermits, The Rolling Stones, The Animals, Manfred Mann, The Searchers, The Dave Clark Five und natürlich The Beatles. Diese Bands präsentierten eine Musik, zu der es in den USA kein Gegenstück gab. Bis Mitte der 1960er-Jahre verstärkte sich die Entwicklung noch, die britische Rock- und Popmusik war die Rock- und Popmusik schlechthin und in deren Gefolge nahm auch die britische Pop-Kultur Einfluss auf die amerikanische Pop-Kultur, etwa im Bereich der Mode und des Graphic Designs von Plakaten, Schallplattenhüllen, Büchern und Zeitschriften. Die Herausbildung einer jugendlichen Subkultur in den westlichen Industrieländern beruht ganz wesentlich auf dem Einfluss der britischen Popkultur auf die Kultur der USA, denn dies bedeutete eine Vereinheitlichung: Die Jugendlichen in den USA hörten dieselbe Musik wie die Jugendlichen in Europa und es war in der Tat nur eine Frage der Zeit, bis sich diese Vereinheitlichung auf Film und Fernsehen, auf Bildende Kunst und auf die Literatur übertrug.

Die US-amerikanische Musikindustrie reagierte nach einer Art »Schrecksekunde« von nahezu zwei Jahren etwa ab 1965 mit einer Anpassung, die indes erst nach dem Rock-Festival in Woodstock richtig zum Tragen kam. Die amerikanischen Rockmusiker hingegen beobachteten die britische Rock- und Popmusik genau, ahmten sie teils nach – dabei entstanden Strömungen wie beispielsweise Power Pop, Sunshine Pop oder auch der Baroque Pop –, teils setzten sie bewusst auf bis dahin eher als unzeitgemäß empfundene Ausprägungen amerikanischer Volksmusik, kenntlich etwa am Erstarken der Folk-Bewegung und der Renaissance des Blues. Daneben aber gab es auch amerikanische Rockmusiker, die auf der Grundlage der Musik der Briten eine eigene Musik schufen. An erster Stelle ist hier ohne Zweifel Brian Wilson von den Beach Boys zu nennen, der sich ab etwa Mitte 1965 intensiv der sich seinerzeit im Umbruch befindlichen Aufnahmetechnik widmete und in ganz ähnlicher Weise wie kurz zuvor George Martin, Produzent der Musik der Beatles, die Produktionstechnik von Rock- und Popmusik grundsätzlich veränderte.

Bis Ende der 1960er-Jahre hatte sich die amerikanischen Musikindustrie von der British Invasion erholt, erlangte aber die Deutungshoheit, was als Rock- oder Popmusik zu gelten habe, nicht wieder vollständig zurück.

Literatur

Gillett: The Sound of The City; New York 1970; dt. Frankfurt/Main 1979
Napier-Bell, Simon: Black Vinyl White Powder; London 2002
Wald, Elijah: How the Beatles Destroyed Rock’n’Roll – An Alternative History of American Popular Music; Oxford/New York 2009
Metzger, Rainer/Brandstätter, Christian: Swinging London – Kunst & Kultur in der Weltstadt der 60er Jahre; Wien 2011
Anthony, Gene: The Summer of Love – Haight Ashbury At Its Highest; Millbrae1980
Miles, Barry: New York 2009