Chaconne

Chaconne, die, französisch, italienisch: Ciaccona, spanisch: Chacona, spanischer Tanz im schnellen Dreiertakt; später als stilisierter Tanz Teil von Instrumentalsuiten.

In Spanien wurden zwar schon im 16. Jahrhundert Lieder und Instrumentalsätze als Chacona bezeichnet, doch stammte der später als Chaconne bekannte und in Spanien populäre Tanz aus Lateinamerika. Anfang des 17. Jahrhunderts übernahmen italienische Komponisten das Kompositionsmodell und stilisierten den Tanz zu einer Variationsform, die auch in Kompositionen für Tasteninstrumente und Ensembles Verwendung fand. Während in Italien sich die Chaconne zu einem Typus verfestigte – ausschließlich ungerader Takt, immer in Dur, Ostinatothema –, behielt sie in Frankreich den Charakter eines Tanzes und wurde zu einem beleibten Gesellschaftstanz. Der Komponist Jean-Baptiste Lully (* 1632, † 1687) führte den Tanz in Oper und Ballett ein, während etwa zur gleichen Zeit französische Komponisten wie Jacques Champion de Chambonnières und Louis Couperin die Form in ihre Kompositionen für Tasteninstrumente übernahmen, dabei aber schon ihren Charakter veränderten und mit Elementen der Passacaille vermischten. In England stieß die Chaconne auf dort übliche Ostinatoformen, die so genannten grounds, mit denen sie verknüpft wurde. Deutsche Komponisten wie Heinrich Ignaz Franz Biber, Johann Joseph Fux, Dietrich Buxtehude und Johann Pachelbel griffen bald auf den italienischen, bald auf den französischen Typus der Chaconne zurück, bis Johann Sebastian Bach in seinem Werk die Kompositionsform zu einem Höhe- und vorläufigen Schlusspunkt führte. Erst Ende des 19. Jahrhunderts und dann im 20. Jahrhundert wurde die Chaconne als Modell wieder aufgegriffen, etwa von Johannes Brahms, Max Reger, Béla Bartók und Hans Werner Henze.

Die Chaconne ist, vor allem in späterer Stilisierung und Ausformung, eher eine Kompositionstechnik als eine Form: Oft als letzter Satz einer Suite, liegt ihr ein markantes Thema als ostinater Bass zugrunde, über den sich Variationen eben dieses Themas lagern. Die Chaconne ist eng verwandt mit anderen ostinaten Kompositionsmodellen wie Passacaglia und Lamentobass und eigentlich nicht von diesen zu trennen. Bekannt und gerade zu populär ist einerseits Johann Sebastians Bachs Passacaglia für Orgel BWV 582 als eher einfache Anwendung der Technik, andererseits die Chaconne d-Moll für Violine solo BWV 1004, mit dem J.S. Bach die Möglichkeiten der Technik radikal ausweitete.

In Jazz und Rock wird häufig als harmonische Grundlage für Instrumentalimprovisationen ein ostinates Modell herangezogen, das etwa der Musikwissenschaftler Nors S. Josephson als »Passacaglia- oder Chaconne-Modell« bezeichnete. Es handelt sich dabei um einen Tetrachord, der in zwei oder vier Takten absteigt und mehr oder weniger häufig wiederholt wird. Beispiele für die Kompositionstechnik finden sich zumal in der Rockmusik in großer Zahl, etwa bei den Beatles, bei Dust, bei Chicago, bei Emerson, Lake & Palmer und in jüngerer Zeit bei der britischen Band Portishead.

Diskografie

The Beatles: I Am The Walrus (1967)
Chicago: Chicago II (1970)
Emerson, Lake & Palmer: Tarkus (1971)
Portishead: Portishead (1997)

Literatur

Josephson, Nors S.: Bach Meets Liszt: Traditional Formal Structures and Performance Practices in Progressive Rock, in: The Musical Quarterly 66; 1992
Halbscheffel, Bernward: Rock barock – Rockmusik und klassisch-romantische Bildungstradition; Berlin 2001