Cover-Gestaltung

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Cover-Gestaltung; Gestaltung der Schallplatten- und CD-Hüllen.

Besondere Aufmerksamkeit der Verkaufsstrategen bei Schallplattenfirmen gilt der gefälligen Verpackung der von ihnen angebotenen Ware. Sofern der Hörer nicht durch Rundfunksendungen oder Konzert mit einer Neuerscheinung konfrontiert wird, erreicht ihn eine neue Schallplatte zuerst optisch, etwa im Internet, auf Plakaten oder auch durch andere Medien . Der kalkulierte Anreiz zum Kauf wird am leichtesten durch erotische Motive erzielt, so auf Juicy Lucys erstem Album, auf den Platten der Ohio Players, auf dem Doppelalbum »Electric Ladyland« von Jimi Hendrix, auf »One True Passion« von Revenge und vielleicht auch auf »Lovesexy« von Prince, obwohl sonst vorzugsweise Frauen abgebildet werden; die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Die Grenze zur Pädophilie überschritt die Abbildung auf dem Cover von »Virgin Killer« der deutschen Hardrock-Band Scorpions, wenn auch bei Erscheinen des Albums weniger Anstoß an dem Cover genommen wurde als in späteren Jahrzehnten.
Vor allem seit Mitte der 1960er-Jahre bis Ende der 1970er-Jahre waren sogenannte Klapp-Cover üblich, deren Größe und Art weiten Raum zur Gestaltung ließen. So überraschten manche Cover durch einen Effekt, sobald man sie aufklappte oder die innere Hülle herausnahm. In diese Kategorie gehören beispielsweise Jethro Tulls »Stand Up«, Grins »All Out«, »Full Circle« von The Doors und die erste LP von Soft Machine. Die innere Hülle (Inner Sleeve) wurde zunächst für Werbezwecke der jeweiligen Plattenfirma genutzt – etwa bei CBS – , bald aber für den Abdruck von Texten und Band-Besetzungen entdeckt und dementsprechend in die gesamte Gestaltung einbezogen. Zumeist aber wird mit der Gestaltung des Covers ein künstlerischer Anspruch verfolgt, der soweit gehen kann, dass tatsächlich Bildende Künstler für die Gestaltung eines Covers herangezogen werden. Das gesamte Erscheinungsbild der LP »Speaking in Tongues« der Gruppe Talking Heads etwa entwarf Robert Rauschenberg, der in seinem Konzept auch die Platte selbst berücksichtigte: Sie wurde aus glasklarem Kunststoff gepresst.
Wollte man einmal eine Ausstellung von Gebrauchsgrafik aus dem Rockbereich nach ästhetischen Gesichtspunkten machen, könnte man folgende Cover in die engere Wahl ziehen: Das »Sgt.Pepper«-Album der Beatles (1967) als Annäherung und mittlerweile Teil der Pop-Art; »The Eyes of Beacon Street Union« von der Bostoner Gruppe Beacon Street Union (1968) als Beispiel für Collage-Technik; »Strange Days« von The Doors (1968) wegen der traumhaft unwirklichen Straßenszene; »Cheap Thrills« von Big Brother and the Holding Company als Beispiel für die Verwendung von Comics auf Plattenhüllen (Zeichnungen von Robert Crumb); das Erstlingsalbum von Faust (1971) wegen des eindrucksvollen Röntgenbildes auf weißem Hintergrund; Birth Controls »Operation« (1971) mit dem englischen, von Hipgnosis entworfenen und bald zurückgezogenen Originalcover wegen der ästhetischen Umformung eines als anstößig empfundenen Gegenstandes; John McLaughlins »Devotion« (1972) als Beispiel für psychedelische Fotokunst; »Nordland« von Streetmark (1975) wegen der unaufdringlichen surrealistischen Zeichnung, ferner ein beliebiges Cover von dem englischen Zeichner Roger Dean (Yes, Osibisa, Gentle Giant »Octopus« u. a.); »Diamonds and Pearls« von Prince zeigt in der CD-Version eine Holografie des Musikers, auf der er sich langsam zu bewegen scheint, wie auch des Künstlers Veröffentlichungen »Prince and The New Power Generation« (1992) und »Planet Earth« (2007) in besonders auffälliger Weise gestaltet wurden. Einen geradezu genialen Werbegag enthält das Cover »Go 2« von XTC (1978), das den optischen Effekt in Begriffe auflöst. Geistesverwandt ist die Gestaltung der Platte »Album« von PIL, die die Bezeichnung als Namen nahm und folgerichtig die CD-Version dieser Platte »CD« nannte und beinahe nur diese Bezeichnung als graphisches Element enthält. Diese CD ist allerdings auch eine der wenigen Beispiele für die Gestaltung einer CD-Hülle. Denn für die Gestaltung der CD-Hüllen wurde in der Regel lediglich das Cover der jeweiligen LP verkleinert, mit entsprechenden Verlusten der Wirkung des Bildes und der Lesbarkeit von Schrift.
Auch für die Schaufensterwerbung wurden nicht etwa CDs verwendet, sondern in erster Linie die Cover der LP. Bisher gibt es kein Konzept, das die Vorteile der CD – etwa ihre geringe Größe – und die optische Auffälligkeit der herkömmlichen LP in sich vereinigt – ein nach wie vor ungelöstes Problem. Allenfalls Gags, die nicht durchgehalten werden können, wie beispielsweise die Metallplatten, mit der man die CD »Recycler« von ZZ Top umschloss, deuten darauf hin, dass die Industrie nach Wegen sucht, CD-Hüllen adäquat zu gestalten.
Gags in der Cover-Gestaltung sind häufig zu finden, seien es die mehrseitigen Beiheftungen bei »Fragile« von Yes und bei »Quadrophenia« von The Who, die Metalldosen, in die PIL, Status Quo und andere ihre Platten stecken ließen, seien es die runden Cover von »The Big Express« (XTC) und »Odgen’s Nut Gone Flake« (Small Faces), das Aufbügel-Bild, das der achten LP der Gruppe Chicago beilag oder das Chamäleon-Cover der ersten LP von FRUMPY – die Beispiele ließen sich endlos fortsetzen. Inmitten dieser häufig grell um Aufmerksamkeit ringenden Umgebung fallen Cover durch ihre Einfachheit, gelegentlich sogar affektierte Schlichtheit auf. Beispiele sind das weiße Doppelalbum der Beatles (1968), Todd Rundgrens »Faithful« von 1976 und Fausts »So Far« (1972).
Nicht selten wird die Covergestaltung von der betreffenden Rockgruppe selbst besorgt. Zusammenstöße mit der Plattenfirma sind dann nicht immer vermeidbar, wie die Beatles anläßlich der ursprünglich geplanten »Sgt. Pepper«-Albumhülle, auf der nach dem Willen Lennons auch eine Figur Adolf Hitlers in der Menge hinter der Band stehen sollte, erfahren mussten. Die Plattenfirma EMI lehnte das provokative Ansinnen Lennons ab. Einige Hinweise zur Entstehung des Covers gibt das der exakt zwanzig Jahre später veröffentlichten CD beiliegende Heft. Eine ähnliche Erfahrung machten die Rolling Stones aufgrund der ursprünglich geplanten Cover-Gestaltung von »Beggars Banquet«, das zunächst nicht verwirklicht, es sollte eine heruntergkommen Toilette zeigen. Später wurde das Cover dann doch veröffentlicht; dafür wurde das Interims-Cover – ein beinahe schmucklos hell-beiges Klapp-Cover – zum Sammlerstück. Einige Musiker gestalteten manches ihrer Cover selbst her, etwa Bob Dylan (»Planet Waves«) oder Billy Cobham (»Crosswinds«, »A Funky Thide of Sings«); Bob Dylan malte auch das Cover für das Erstlingsalbum der Band (»Music from Big Pink«).
Die Covergestaltung gilt seit etwa 1980 auch zunehmend als Erkennungszeichen für komplette Musik-Stile. Eindeutig erkennbar allein schon am Cover-Bild sind etwa Heavy-Metal-Produktionen, auf denen den potentiellen Hörer zumeist gemalte Horrorgestalten, Musiker in aggressiven Posen oder mehr oder weniger wunderlich gemalte Pin-Up-Frauen ansehen.



Literatur

Thorgerson, Storm: Classic Album Covers of the 60s; Zürich 1990)
Hipgnosis/Dean/Hamilton: Album Cover Album; Zürich 1985
Dean, Roger/Thorgerson, Storm: Album Cover Album 5; Zürich 1989