Eklektizismus

Eklektizismus, griechisch eklegein: auswählen, ein Grundsatz, der auf der Auswahl aus Verschiedenem beruht, ist der vorherrschende, alle Sondermerkmale überragende Zug der Rockmusik: Stilmischung ist ihr übergreifendes Hauptmerkmal.

Da die Rockmusik aufgrund ihrer Weltoffenheit und auch ihres wirtschaftlichen Potentials keine abgeschlossenen Stilbereiche, keine musikalischen Privilegien und geheiligten Traditionen anerkennt und auch nicht den geläuterten »Geschmack« des Bildungsbürgers zu befriedigen trachtet, bewegt sie sich unbefangen in geographisch und geschichtlich getrennten Ausdrucksbereichen und Techniken, die infolge des weltweiten Kommunikationsnetzes verfügbar geworden sind. Der Titel eines Doppelalbums des amerikanischen Gitarristen Stefan Grossman gibt die herrschende Stilmischung amüsant und treffend wieder: »The Ragtime Cowboy Jew«, 1970 (Elemente von R & B, Country und städtischer Sophistication). Während die frühere Rockmusik nur Stilbereiche miteinander verschmolz, die zumindest in soziologischer Hinsicht untereinander verträglich waren (Country und Blues, Beat und Musical, weißer Schlager und Rock ‘n’ Roll), bringt sie seit den späten 1960er-Jahren die entferntesten Gebiete wie Raga und Beat, Volkslied und elektronische Gags, Schlagerballade und symphonische Form in abenteuerliche Neugebilde zusammen.

Zweierlei sollte der Hörer dabei im Auge behalten: Zum einen ist der Eurozentrismus des Eklektizismus der Rockmusik unübersehbar. Schon die Bezeichnungen »Weltmusik« und »Ethno Pop« weisen darauf hin, von welcher Warte die Rockmusik, vor allem die von Musikern aus Ländern der dritten Welt, gesehen wird. Zum anderen dient der Eklektizismus keiner übergeordneten Aufgabe: Allein das interessant klingende oder wenigstens neue Resultat rechtfertigt die Einvernahme von fremden Musikstilen in die Rockmusik.

So reizvoll diese Oberflächlichkeit im Ergebnis sein kann, so ist es für Rockmusiker von geringem Interesse, Gegensätze miteinander zu versöhnen, etwa Kunstmusik und Rockmusik miteinander zu verschmelzen. Primär kann ein solcher Versuch durchaus auch als handfeste Provokation gesehen werden.