Falsett

Falsett, von italienisch falso für »falsch«, englisch: falsetto, Register der menschlichen Stimme, auch als Fistelstimme bekannt.

Die menschliche Stimme teilt sich in das tiefe und mittelhohe Brustregister einerseits, in das hohe Kopfregister andererseits ein. Der Unterschied zwischen den beiden liegt in der jeweils anderen Resonanz von Brustwand und Schädelknochen. Unterschieden werden dabei zwei Typen von Sängern: Zum einen können manche Tenöre von ihrer Stimmlage ohne Übergang in das hohe Register wechseln, zum anderen gibt es Sänger mit der Stimmlage Bass oder Bariton, die ohne Übergang in das hohe Register wechseln können. Die physiologischen Gegebenheiten sind dabei nicht ganz geklärt: Der Sänger verschmälert die Stimmritze, wodurch die Stimmlippen verkürzt werden, deshalb nicht in ihrer ganzen Länge schwingen können und den höheren Stimmton produzieren. Mitunter wird auch unterschieden zwischen Kopfstimme und Falsett, so dass ein Sänger über drei Stimmlage verfügt: Seine »normale« Singstimme, die Kopfstimme und das Falsett. Dem gegenüber steht die Ansicht, dass der unterschiedliche Stimmklang lediglich durch die unterschiedlichen Resonanzverhältnisse erzeugt wird, ein Sänger also in jedem Fall nur über eine Stimme verfügen kann. Schließlich ist der Begriff Fistelstimme nicht im selben Sinne wie Falsett zu gebrauchen, vielmehr steht hier der parodistische Gebrauch des hohen Registers im Vordergrund. In keinem Fall hat Falsettgesang etwas mit dem Gesang von Kastraten zu tun.

Falsett wird auch in der Rockmusik manchmal als ein possenhafter Zug (so bei Tiny Tim), manchmal als ein besonderer Klangreiz (z.B. bei den Beach Boys) verwendet, aber auch als Camouflage (z.B. bei Prince). Wesentlich von der Klangwirkung des hohen Männergesangs lebt etwa die Musik Jimmy Somervilles (Bronski Beat, The Communards) sowie der Formationen Erasure und Antony and the Johnsons. Obligates Stilmittel war bzw. ist Falsettgesang aber auch bei so gegensätzlichen Gruppen wie z.B. Electric Light Orchestra, The Darkness und Gazpacho. Im Doo Wop gehörte eine Falsettstimme obligat zum Satzgesang. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass der hohe Männergesang in beinahe jeder Ausprägung von Rock- und Popmusik allgegenwärtig ist, sei es im Sologesang, sei es im Background-Gesang. Die in der so genannten E-Musik mitunter vorgetragene Ansicht, mit der hohen Männerstimme soll der Gesang von Frauen vertreten werden, spielt in der Rock- und Popmusik keine Rolle, wenn es auch Hörer geben mag, die mit dem hohen Gesang von Männern vor allem Homosexualität verbinden.

Der Ursprung des Falsettgebrauchs in der Rock- und vor allem Soulmusik liegt vermutlich im Blues-Gesang der schwarzen US-Bürger; der Blues der weißen Band Canned Heat bezog seinen Reiz zum großen Teil aus dem Falsett-Gesang ihres Sängers Alan Wilson. Schwarze Sänger liefern auch heute noch sehr beeindruckende Beispiele des Falsettgesangs, so etwa Philip Bailey, einer der Sänger der Band Earth, Wind and Fire. Andererseits ist Falsett-Gesang als Teil des Jodelns fester Bestandteil der Country Music.

Diskografie

Tiny Tim: God Bless Tiny Tim (1968)
Electric Light Orchestra: A new World Record (1976)
Earth, Wind and Fire: All ’n All (1977)
Prince: Sign ‚O‘ The Times (1987)
Ersaure: pop! 20 Hits (1992)
The Darkness: One Way Ticket to Hell … and back (2005)
Antony and The Johnsons: Another World (2008)

Literatur

Jarrett, Michael: Sound Tracks – A Musical ABC Volume 1-3, S. 224; Philadelphia 1998
Bernays, Ueli: Die simulierte Euphorie, in: Neue Zürcher Zeitung, 8.1. 2010
Herr, Corinna: Gesang gegen die »Ordnung der Natur«? – Kastraten und Falsettisten in der Musikgeschichte; Kassel 2013