Folk Music

Folk Music, auch Folkmusic, englisch für »Volksmusik«, kurz auch nur Folk, in erster Linie Volksmusik der britischen Inseln; Auswanderer von den britischen Inseln brachten ihre Musik in die USA, wo sie eine teilweise andere Entwicklung nahm und später zur Herausbildung von Country and Western Music führte.

So unterscheiden sich amerikanische und britische Volksmusik in ihrer unterschiedlichen Zielsetzung, die in den USA politisch, sogar dezidiert links ausgerichtet ist (Pete Seeger, Woody Guthrie) erheblich. Die Tradition des Volkslieds bedingt, dass dessen Vortrag auf akustischen Instrumenten wie naturnotwendig, die Heranziehung elektrischer Gitarren dagegen wie ein gegen die Überlieferung und den »guten« Geschmack begangener Frevel erscheint. Doch sträubten sich selbst die Anhänger Bob Dylans, als dieser 1965 seine Gitarre beim Newport Festival elektrisch verstärkte, gegen eine relativ nebensächliche Neuerung, nämlich gegen den Schritt von akustischer zu elektrisch verstärkter Klangverbreitung. Dylans Vorstoß erwies sich allerdings als Katalysator für den sogenannten Folkrock; als erste Folkrock-Band können die Byrds angesehen werden. Die feine Unterscheidung zwischen Folk und Folkrock wurde allerdings im Laufe der Jahrzehnte zunehmend überflüssig, zumal Folkmusic ohnehin eher eine Sache für einen begrenzten Hörerkreis ist; selbst die Grenze zwischen Country Music und Folk ist unscharf, und es ist kein Zufall, dass der Begriff Americana zu einer Art Oberbegriff werden konnte.

Wesentlicher als die elektrische Verstärkung der Instrumente ist der Unterschied zwischen musikalischem Volksgut oder dessen gelungener Nachempfindung und Rock hinsichtlich der Stileigentümlichkeiten. Diese lassen sich am Metrum, also an den Gewichtsverhältnissen von Schwer und Leicht im Taktgefüge veranschaulichen. Das Volkslied gehorcht der seit etwa 1600 erstarkten Hörgewohnheit der europäischen Kunstmusik, den Takt mit einer betonten Einheit zu beginnen und (handelt es sich um einen Vier-Viertel-Takt) dem dritten Viertel einen Nebenakzent zu verleihen; zweites und viertes Viertel bleiben unbetont. Der Rock hingegen erhält seinen Schwung gerade von einer Verschiebung dieser Akzentverhältnisse.

Eine bewusste Folksong-Bewegung in den USA und in England geht auf die Sammlungen von Gelehrten wie Francis Child (The English and Scottish Popular Ballads, 5 Bände, 1882-98) und Cecil Sharp zurück (English Folk Song – Some Conclusions, 1907, und Folk Songs of English Origin Collected in the Appalachian Mountains, 2 Bände, 1919-21). Viele Blues und bluesgesättigten Lieder, etwa von Leadbelly, haben John und Alan Lomax unter einem musikethnologischen Gesichtspunkt auf Schallplatten festgehalten. Zum Teil auf dieses Material stützt sich die nordamerikanische Folksong-Bewegung um 1958, welche auch an den Erfahrungsschatz herumziehender Sänger (Woody Guthrie, Pete Seeger u. a.) anknüpfen konnte. In dieser Bewegung wurden Peter, Paul and Mary, der frühe Dylan und die Sängerin Joan Baez zu führenden Gestalten. Das theoretische Selbstverständnis der jungen Gemeinde schlug sich in den Blättern von Sing Out nieder. Nach der Ermordung des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy im November 1963 erlahmte diese Volksliedbewegung, die von der Zuversicht in Amerikas Moral und Zukunft gezehrt hatte. Zudem besetzte jahrelang die so genannte British Invasion das Interesse der jungen Generation. Erst um 1966-67 entstand wieder, getragen von einigen Musikgruppen in und um San Francisco, eine Fortsetzung der einstigen Folksong-Richtung, welche diesmal auch manche Stilmittel sowie die breitere Ausstrahlungskraft durch elektrisch verstärkte Instrumente von der Rockmusik übernahm.

Folksong- wie Blues- bzw. Rockbewegung stellen sich in England als Verzweigungen des Skiffle dar. In den Folk-Clubs von London spielten sachverständige, gelegentlich sogar philologisch geschulte Musiker vor einem streng urteilenden, puristischen Publikum. Fairport Convention war die führende Gruppe solcher Neuorientierung. Durch persönliche Fäden verbunden mit Fairport waren die Strawbs, Steeleye Span, Fotheringay, Eclectrion, Giles Giles & Fripp (Vor-King Crimson), Matthew’s Southern Comfort, Plainsong, Albion Country Band (später nur Albion Band) und viele andere Gruppen. Stealers Wheel und Decameron befinden sich unter den späteren Formationen. Eher zur Folklore neigen die irischen Gruppen Chieftains, Planxty, Horselips und zumindest in ihren Anfängen auch Clannad. Mit diesen vergleichbar in der Bundesrepublik Deutschland waren Ougenweide, Falckenstein, Tanzbär, Hölderlin (in ihren Anfängen) und Elster Silberflug, in Frankreich – mehr national gefärbt – der Wiederbeleber alter bretonischer Melodien Alan Stivell. In den USA waren es Bands wie Buffalo Springfield, Lovin’ Spoonful, The Mamas & The Papas und das Duo Simon & Garfunkel.

Folk und Folkrock war schon in den 1970er-Jahren eher eine Minderheitenmusik. Zwar ist die Musik von Gruppen wie Yes, Genesis und Jethro Tull ohne den Einfluss britischer Volksmusik nicht denkbar – was etwa Rick Wakeman, Organist der Gruppe Yes und vorher der an Folk orientierten Band Strawbs, zu der Ansicht gelangen ließ, dass es sich bei Rockmusik um den zeitgenössischen Folk handele – gab es keine neuen Entwicklungen. Punk und New Wave bewirkten, dass selbst die bestehenden Folkrock-Gruppen für einige Jahre kaum mehr wahrgenommen wurden. Noch vor Mitte der 1980er-Jahre allerdings änderte sich das, als sich einige Gruppen und Musiker wieder stärker von der traditionellen Volkmusik beeinflusst zeigten, so etwa Dexy’s Midnight Runner, The Waterboys, später The Pogues, Fairground Attraction, The Proclaimers, The Hothouse Flowers und selbst U2 in Großbritannien bzw. Irland, R.E.M., Camper Van Beethoven und Violent Femmes in den USA und in der Bundesrepublik Deutschland M. Walking On The Water. Auch die Musik Elvis Costellos bedient sich der Volksmusik, und sei es nur in mancher exotischer Instrumentierung. Vor allem aber Frauen eroberten seit den 1980er-Jahren die Folkmusik: Suzanne Vega, Tracy Chapman, Victoria Williams, Tanita Tikaram, Michelle Shocked, Edie Brickell, Sally Barker, und selbst die Musik von Kate Bush oder Sinead O’Connor zeigt viele Elemente britischer Volksmusik.

Seit Beginn der 1990er-Jahre betrat eine neue Genreration von Folk-Musikern die Bühnen, die bewusst auf den Gestus der Folkmusik vor den 1960er-Jahren zurückgriffen, also die perfekt produzierte Folk Music der späten 1960er-Jahre und der folgenden Jahrzehnte ablehnte und ein wenig auch auf die Musik eben von Dylan und Baez abzielte. Unter dem Schlagwort Anti Folk werden zu dieser Gruppe einerseits Musiker und Bands gezählt, die ein bewusst einfache, mitunter geradezu dilettantische Auffassung von Folk Music propagieren, andere aber auch höchst artifizielle Musik vorführen. Auffällig an dieser Strömung innerhalb der Folk Music ist, dass nicht die großen Fragen des Lebens, der Politik oder der Gesellschaft im Vordergrund stehen, sondern vielmehr die Beobachtung des modernen, oft genug per se surrealen Alltags. Andererseits wird zum Folk aber auch etwa noch eine vollkommen eigenständige Musikerin wie Joanna Newsom gezählt.

In Deutschland ist der Begriff Volkmusik ebenso belastet wie eine Vielzahl von Volksliedern. Die Nationalsozialisten hatten die Volksmusik vereinnahmt und für sich reklamiert. So geriet nach 1945 die Volksmusik in einen Generalverdacht mit der Folge, dass sie bis auf einzelne Lieder, die etwa in der Pädagogik eine Rolle spielen, gemieden wurde. Es bildeten sich zwei Gegenbewegungen heraus: Zunächst entstand mit der so genannten »volkstümlichen« Musik eine Musik, die traditionelle Mittel – etwa in der Instrumentation und der Ensemblebildung – aus der Volksmusik übernahm, darauf aufbauend aber neue Inhalte präsentierte. Im Laufe der Jahrzehnte mutierte diese Musik zu einem Sammelbecken von vorgetäuschter Volksmusik und Schlager.

Es hat seit 1945 immer wieder Versuche gegeben, die deutsche Volksmusik wiederzubeleben, von der Interpretation des Liedes »Hoch auf dem gelben Wagen« durch den damaligen Bundespräsidenten Walter Scheel bis zu den Volksliedsammlungen des Sängers Hannes Wader. Wader steht aber auch für eine gewissermaßen politische Auffassung des Volksliedes, in dem er darauf pochte, diese Lieder nicht noch im Nachhinein der Verfügungsgewalt der Nazis zu überlassen. So knüpfte diese Volksliedbewegung eher an die der Wandervögel zu Beginn des 20. Jahrhunderts an. Gerade im politisch links eingestellten Spektrum der Gesellschaft wurde in Verbindung mit dem politischen Lied das Volkslied wieder beachtet. Daneben gab und gibt es aber immer wieder Musiker, deren Musik – trotz ihrer höchst individuellen Auffassung von Musik – zur aktuellen, lebendigen Volksmusik gerechnet werden muss, so etwa die Musik von Stefan Stoppok und Hans-Jürgen Buchner, der mit seiner Gruppe Haindling Muster bayerischer Volksmusik mit Rock und Jazz vermischt und dazu auch diverse Instrumente aus Afrika einsetzt. Eine aktuelle Volksmusik, die von vielen gekannt und gesungen wird, ist in Deutschland außerhalb der Fußballstadien indes nicht zu finden, immer ist sie Sache einzelner. Die Fußballgesänge müssen allerdings in der Tat als eine authentische Volksmusik angesehen werden, selbst wenn für die Stadionhymnen altbekannte Rocksongs umgestaltet werden.

In der DDR verlief die Entwicklung der Volksmusik – wenn man überhaupt davon sprechen kann – gänzlich anders als in der Bundesrepublik Deutschland. Auch hier beanspruchte der Staat die Gewalt über die Volksmusik für sich und so war dieser Bereich des Musiklebens ebenso organisiert und reglementiert wie die Musik überhaupt. Gegenbewegungen gab es natürlich, zumal in der Rockmusik, ebenso, wenn auch stets misstrauisch vom Staat beäugt und mitunter kurzerhand verboten und verfolgt. Das seit 1955 als »Fest des Deutschen Volkstanzes« in Rudolstadt stattfindende Festival wandelte sich nach der politische Wende 1989 unter der neuen Bezeichnung TTF Rudolstadt (Tanz- und Folk-Fest) zu einer Veranstaltung, die sich nicht auf die nationale Volksmusik beschränkte, sondern gegen die so genannte »Roots Music« eintauschte, also die Volkmusik vieler Länder aller Kontinente präsentieren möchte. Zu Zeiten der DDR war aus dem Volkstanzfest im Laufe der Jahre eine Art Leistungsschau osteuropäischer, mehr oder weniger authentischer Folkloregruppen geworden.

An der Entwicklung der Volksmusik in beiden deutschen Staaten nach 1945 kann abgelesen werden, dass es keineswegs Klarheit darüber gibt, was Volksmusik eigentlich ist und sein sollte – weil ebenso unsicher ist, was »Volk« ist. Die Anfälligkeit für politische Nutzung von Volksmusik ist allgegenwärtig und dies betrifft nicht nur Deutschland. Die Idee, dass Musik »im Volk« entsteht, ist einigermaßen gewagt, denn tatsächlich hat ein Volkslied immer einen Urheber, auch wenn sein Namen nicht bekannt ist. Häufig genug werden aber auch Lieder, die gemacht wurden, deren Urheber also bekannt sind, als Volkslied betrachtet; dies betrifft nicht nur Weihnachtslieder.

Literatur

Laing, Dave/Dallas, Karl/Denselow, Robin/Shelton, Robert: The Electric Muse. The Story of Folk into Rock; London 1975
Atkinson, Bob (Hg.): Songs of the Open Road. The Poetry of Folk Rock and The Journey of the Hero; New York 1974
Olshausen, Ulrich: Die Dorflinde im Aufnahmestudio – Folklore und Folk-Song als Teil der Rockmusik-Szene, in: Wolfgang Sandner (Hg.): Rockmusik. Aspekte zur Geschichte, Ästhetik, Produktion; Mainz 1977
Deicke, Joachim: Folkrock heute – zurück zu den Anfängen, in: Musik und Bildung 2/1978,Mainz
Deicke, Joachim: Auf der Suche nach den verlorenen Akkorden. Folk, Folkrock und Rock auf den britischen Inseln; in: Tibor Kneif (Hg.): Rock in den 70ern; Reinbek 1980
Frey, Jürgen/Siniveer, Kaarel: Eine Geschichte der Folkmusik; Reinbek 1987