Girlgroup

Girlgroup, auch Girl Group, zusammengesetzt aus englisch girl für »Mädchen« und group für »Gruppe«, Formation von drei bis fünf, seltener auch mehr Sängerinnen; Girlgroups im engeren Sinn traten – dann auch unter dieser Bezeichnung – seit Ende der 1950er-Jahre auf.

Die Vorläufer heutiger Girlgroups sind in den Background-Chören zu sehen, die manche Jazz-Big-Bands seit den 1920er-Jahren oft zur Unterstützung namhafter Gesangssolisten beschäftigten. Diese Gesangsgruppen hatten mitunter eigene Abschnitte innerhalb der Shows, die sie mit meist fröhlichen, oft auch ironischen oder sogar leicht frivolen Songs füllten. Einige dieser Gruppen konnten unter ihrem Namen erfolgreich werden, so etwa die Brox Sisters, die schon Anfang der 1920er-Jahre in Irving Berlins Show »The Music Box Revue« am Broadway in New York auftraten; ihre erste Schallplatte stammt aus dem Jahr 1922. andere Girlgroups dieser Zeit waren etwa die Boswell Sisters und später die überaus erfolgreiche Gruppe The Andrews Sisters, die ab 1932 professionell auftraten. In den 1940er-Jahren hatten die Andrews Sisters einige äußerst erfolgreiche Aufnahmen mit Bing Crosby veröffentlichen könne, wurden dann nach dem Zweiten Weltkrieg auch in Europa, zumal in Deutschland bekannt. Nach dem Vorbild der Andrews Sisters – wie die Brox Sisters tatsächlich Schwestern – wurden auch die Gruppen The Marlin Sister, The Fontane Sisters, The McGuire Sisters und weitere mehr gegründet.

Gegen Ende der 1950er-Jahre bot der Swing-Jazz nicht mehr – wie noch bei den Andrews Sisters – die Grundlage, aber auch nicht der Rock’n’Roll. Vielmehr spaltete sich dieser Schallplattenmarkt in zwei unterschiedliche Strömungen auf in Gruppen mit schwarzen Sängerinnen und in solche mit weißen Sängerinnen. Zu letzteren zählen etwa The Cordettes – die quasi das Bindeglied zwischen der Musik der »alten« Swing-Gruppen und der jüngeren Pop Music darstellen –, The Shangri-Las und Phil Spectors Crystals und Ronettes. Während die weißen Vokalgruppen ein eher konservatives Frauenbild propagierten und Teenager-Themen bevorzugten, war der Phänotyp der schwarzen Girlgroup ambivalent: Einerseits war das Erscheinungsbild von Trios und Quartetten wie The Marvelettes, The Shirelles bis hin zu den Supremes um die charismatische Sängerin Diana Ross geradezu übermäßig an den »weißen« Geschmack angepasst, andererseits symbolisierten sie gerade durch Nutzung und Überhöhung der »weißen« Mode ein neues Selbstbewusstsein der Schwarzen Amerikas.

Die 1960er-Jahre stellten zwar den Höhepunkt des Erfolgs von Girlgroups dar, doch gab es auch nach 1970 durchaus weiterhin ausschließlich weiblich besetzte Vokalgruppen, meist aber noch streng nach Hautfarbe getrennt: The Pointer Sisters waren ein schwarzes Gesangsquartett, das mit seiner ersten LP »The Pointer Sisters«, 1973 auf dem Jazz-Label Blue Thumb veröffentlicht, bewusst auf Vorbilder aus den 1940er-Jahren zurückgriffen – bis hin zu Auswahl der Songs und der Kleidung. Bald aber schwenkte auch diese Gruppe auf Disco Music um, der eigentliche Tummelplatz von Vokalgruppen, zu denen etwa auch Sister Sledge zählten. Die Idee der Girlgroups fand hier eine vom Rock-Publikum nicht weiter beachtete Heimstatt, und selbst ein deutsches Trio, Silver Convention, konnte in den USA erfolgreich sein. In diese Jahre fiel aber auch die bei den früheren Girlgroups noch stillschweigend hingenommene »Rassentrennung«: Bei Silver Convention standen schwarze und weiße Sängerinnen vor dem Mikrofon.

Dennoch: In der stark männlich dominierten Rock- und Pop-Musik der 1970er-Jahre hätten Girlgroups kaum Fuß fassen können, Sängerinnen entschlossen sich eher zu Solo-Karrieren als dazu, gemeinsam mit zwei oder drei anderen jungen Frauen Musik zu machen. Das änderte sich mit dem Auftreten von Punk und New Wave, gegen Ende der 1970er-Jahre. Girlgroups waren zwar auch in dieser Ära die Ausnahme, doch gründeten Frauen ausschließlich mit Frauen besetzte Bands und mit der Musik dieser Bands kam auch der Klang von Girlgroups zurück – wenn auch in entweder nostalgisch oder aber ironisch gebrochener Form. Zu diesen Bands können etwa Bananarama, The Go-Gos und auch The Bangles gezählt werden. Von einem bestimmten, puristisch geleiteten Blickwinkel aus könnte man diese Bands allerdings nicht zu den Girlgroups zählen, denn die Mitglieder von Girlgroups im engeren Sinne spielen keine Instrumente und schreiben in der Regel auch ihre Songs nicht selbst.

So erlebten die Girlgroups erst in den 1990er-Jahren wieder eine Art Renaissance, wenn auch unter gänzlich anderen Voraussetzungen als die früheren »Sisters«-Gruppen. Als Prototyp muss die Gruppe Spice Girls gelten, 1994 in London zusammengestellt. Die zunächst fünf Mitglieder umfassende Gruppe kam durch ein Zeitungsinserat des Musik-Managers Bob Herbert zustande. Die jungen Frauen wurden weniger nach sängerischem Potential oder tänzerischer Virtuosität als nach »Typ« ausgewählt: weißhäutig, schwarzhäutig, schwarze, blonde, rote Haare, der Kumpel, die Sportliche, die Liebe usw. Nach dem Casting wurden die Frauen einem intensiven Training unterzogen und veröffentlichten unter dem Namen Spice Girls ihrer erste Single (»Wannabe«).

Herbert hatte die Spice Girls indes nicht in einem Rückgriff auf frühere Girlgroups hin gegründet, sondern als eine »Antwort« auf Boygroups wie New Kids On The Block und Take That. So sollte auch ein überkommenes Frauenbild, wenn schon nicht negiert, dann wenigstens ein wenig in Frage gestellt werden, immerhin waren Mitte der 1990er-Jahre eher Riot Grrrls medial gefragt als fröhlich singende Mädchen.
Herberts Konzept erweise sich als überaus tragfähig, bot seine Band – später von Simon Fuller betreut – ideale Projektionsflächen für jeden weiblichen und männlichen Geschmack. Nicht nur, dass die Spice Girls extrem erfolgreich waren, selbst als sie sich zum Quartett reduzierten, sie waren auch Vorbild für diverse Neugründungen von Girlgroups, die sich allerdings nun oft »Band« nannten, obwohl sie das im traditionellen Sinn nicht waren und sind. Girlgroups wie Atomic Kitten, No Angels, Destiny’s Child, Envogue und Tic Tac Toe ähnelten wenigstens darin den früheren Girlgroups, dass ihre Mitglieder keine Instrumente in die Hände nahmen und schon gar nicht ihre Songs selbst verfassten. Dabei zeigte sich schnell, dass einige amerikanische Gruppen wie eben Envogue, Destiny’s Child und Pussycat Dolls den europäischen überlegen waren, lediglich die britische Formation All Saints konnten den perfekt agierenden Amerikanerinnen Paroli bieten.

Der Einfluss der Girlgroups auf die Rockmusik war Anfang der 1960er-Jahre deutlich, zumal bei den Beatles, die in ihrer Anfangszeit etwa »Please Mister Postman« (1961) von The Marvelettes oder »Chains« (1962) von The Cookies aufnahmen. Der Grund dürfte weniger in einer Vorliebe von Lennon/McCartney oder ihres A&R-Managers George Martin für die Musik amerikanischer Girlgroups gelegen haben, als darin, dass die Beatles mit Lennon, McCartney und Harrison drei hervorragende Sänger hatten, die den Gesangsstil der Girlgroups sicher adaptieren konnte; es bot sich an, dieses Vermögen zu nutzen. Ein Nebenaspekt könnte sein, dass die Musik der Beatles weit mehr als augenfällig vom Soul beeinflusst war.

Literatur

Betrock, Alan: Girl Gropups – The Story of a Sound; New Yoke 1982
Greig, Charlotte: Will You Still Love Me Tomorrow; London 1989; deutsch: Reinbek 1991