Hiphop

Hiphop, auch in diversen weiteren Schreibweisen wie Hip-Hop und HipHop, Sammelbezeichnung für eine in den USA entstandene Jugendkultur, die alle Eigenschaften einer Subkultur besitzt und äußerlich sich aus Rap oder MCing, DJing, Breakdance und Graffiti zusammensetzt, damit die künstlerischen Ausdrucksformen Text, Musik, Tanz und Bild repräsentierend; Hiphop entstand in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre, doch sind diverse Elemente der Musik in weit älterer westafrikanischer und afroamerikanischer Musik zu finden. Der Begriff selbst lässt sich weder auf ein bestehendes englisches Wort zurückführen noch ist sein Urheber bekannt, wenn seine Prägung auch mit den Musikern Lovebug Starski und DJ Hollywood in Verbindung gebracht wird.

Die Verbindung von Text und Musik ist wesentlicher Bestandteil der Kultur der Griots, einer in Westafrika, etwa im Gebiet von Mali, Gambia und Senegal, beheimateten Kaste von Musikern, die zu ihrer Musik Texte vortragen, mal in Gesang, mal in Sprechgesang. Aufgabe der Griots ist es, die jeweilige Geschichte der Volksgruppen des Gebiets zu bewahren und zu überliefern; daneben übermitteln sie Nachrichten oder präsentieren Geschichten zu diversen Themen.
Die Tradition der Griot konnte in den USA, in die die Afrikaner verschleppt wurden, nicht in einer authentischen, quasi von weiteren Einflüssen unberührter Form bewahrt werden, doch blieben Elemente in der afroamerikanischen Musik lebendig, kenntlich etwa am Talking Blues, der seit Anfang des 20. Jahrhunderts nachweisbar ist, aber wohl auf ältere Formen afroamerikanischer Musizierpraxis – etwa im Gottesdienst – zurückgeht. Über den Gospel kam der Sprechgesang wie auch das rhythmisierte Sprechen zu Musik in den Rhythm’n’Blues, dann auch in den Soul; die bekanntesten Beispiele stammen sicherlich von James Brown, unter anderem »Get Up (I Feel Like Being a) Sex Machine« (1970). Ebenfalls 1970 wurde die erste LP der Formation Last Poets veröffentlicht und leisteten damit einen wesentlichen Beitrag zum Rap und somit zum Hiphop. Auch das Toasting jamaikanischer Musiker zu Ska und Reggae entspricht dieser Musizierpraxis.
Rap – und damit eine Voraussetzung für die Herausbildung der Hiphop-Kultur – entstand in New York. Bei Tanzveranstaltungen in der Bronx, so genannten Bloc Partys waren die Figuren des Masters of Ceremony (MC) wie auch des Disc Jockeys von zentraler Bedeutung: Der MC war für den Text, der etwa zur Begrüßung der Gäste gesprochen wurde, zuständig, der DJ für die Musik. Diese zunächst getrennte Aufgaben wuchsen zusammen: Der Anteil des gesprochenen Textes wuchs, die Musik wurde vom DJ aus Bruchstücken der Musik von Funk- und Soul-Platten extrahiert und manipuliert und bildete dann einen Widerpart zum Rap des MC. Dazu entwickelten die DJs Techniken wie Back Spin, Cutting und Scratching. Einige dieser Techniken sollen von bestimmten Musikern – die Montage von Bruchstücken verschiedener Songs etwa von Kool DJ Herc, das Cutting etwa von Grandmaster Flash, das Scratchen von Grandwizard Theodore – erfunden worden sein, doch lässt sich dies nicht mit ausreichender Sicherheit nachweisen.
Diese »Kunst des Augenblicks« wurde naturgemäß erst spät für die Fixierung auf Schallplatten aufbereitet. So kamen die ersten Schallplatten mit Rap – seinerzeit noch die Bezeichnung für diese Musik – auf den Markt: »Personality Jock« der Fatback Band und vor allem »Rapper’ Delight« der Sugarhill Gang. Die Technik des Rap fand bald Nachahmer, dann auch in der Rockmusik. Die amerikanische Band Blondie etwa veröffentlichte Anfang 1981 die Single »Rapture«. Die Akzeptanz von Rap war zu dieser Zeit schon weltweit zu beobachten: Der österreichische Sänger Falco etwa veröffentlichte ebenfalls 1981 die Single »Der Kommissar«, der erste überregional erfolgreiche Rap-Song in deutscher Sprache.
Zu dieser Zeit, Anfang der 1980er-Jahre, hatte die Schallplattenindustrie die Attraktivität von Rap-Musik, wie diese Musik nach wie vor genannt wurde, erkannt. 1980er war die LP »The Adventures of the Wheel of Steel« von Grandmaster Flash and the Furious Five veröffentlicht worden, die als das erste Hiphop-Album gilt. Mit den Veröffentlichungen Afrika Bambaataas wurden die Produktionstechniken erweitert; Synthesizer, Rhythmus-Geräte, Drum Machines und schließlich der Sampler traten neben die bis dahin üblichen Produktionsmittel – Schallplatten und herkömmliche Instrumente der Rockmusik. Gleichzeitig erweiterte sich die Thematik der Texte um sozialkritische Themen, häufig genug realistische Beschreibungen der Situation in der Großstadt.
Dabei war Hiphop Mitte der 1980er-Jahre nicht mehr allein eine Sache der Afroamerikaner. Mittlerweile gab es auch Gruppen, die wie die Beastie Boys komplett aus Angehörigen der weißen Mittelschicht angehörten. Mehr noch: Die Beastie Boys hatten – wie auch die Formation Run-D.M.C. – Hardrock und bzw. Heavy Metal in ihre Songs einbezogen, damit eine von Weißen dominierte Musik. Der Erfolg dieser nichtssagend »Crossover« genannten Mischung von Rock und Rap war immens.
Dem Klamauk der Beastie Boys setzte Public Enemy ein radikales Statement entgegen: Ihr Album »It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back« (1988) gilt als eines der bedeutendsten, markiert aber auch den Bruch zwischen dem traditionellen Rap – als Old School bezeichnet – und dem neuen Hiphop, der radikal etwa gegen die Gesellschaft Stellung bezog. Dem folgte im selben Jahr die Formation Niggas With Attitude, kurz N.W.A., die unter anderem die Kriminalität in amerikanischen Großstädten thematisierten und mit einer gewissen Faszination beschreiben. Die notwendige Street Credibility – Authentizität und Glaubwürdigkeit sind hohe Güter in dem Codex des Hiphop – rief allerdings auch Kritik hervor, in dem den Vertretern des Gangsta-Rap, wie die die neue Strömung genannt wurde, Gewaltverherrlichung vorgeworfen wurde.
Bis Anfang der 1990er-Jahre war New Cork das Zentrum des Hiphop; als sich auch an der Westküste Musiker zu Formationen formierten, die bald auf dem Schallplattenmarkt erfolgreich waren, spaltete sich der Hiphop in eine Westcoast und eine Eastcoast-Strömung. Wurde letztere etwa von De La Soul, A Tribe Called Quest, Wu-Tang Clan und den Jungle Brothers vertreten, so war der Westcoast-Hiphop eben vom Gangsta-Rap geprägt. Eastcoast-Hiphop zog aufgrund seiner anspruchsvollen Machart teilweise auch ein anderes Publikum an; De La Soul oder Digital Underground etwa verfolgten Konzepte, die über die Einzelveröffentlichung hinausgingen, selbst wenn man eine CD wie »De La Soul is dead« (1991) nicht mit dem in Verruf geratenen Begriff Concept Album belegt wurde, obwohl es das faktisch ist.
Trotz seiner Vormachstellung in den 1990er-Jahren sank die Bedeutung des Hiphop in der ersten Hälfte des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrhunderts, verschob sich vor allem in den Bereich anderer afroamerikanischer Musik. Rap und Elemente von Hiphop wurden etwa in den RnB übernommen. Dabei ist wesentlicher Bestandteil dieser Song einerseits der melismenreiche Gesang einer Sängerin, der dann von einem männlichen Rapper kommentiert wird. Im Heavy Metal bildete sich aus der Kombination von Rap und traditionellen Mustern des Heavy Metals die Stilrichtung Nu Metal. Bereits gegen Ende der 1980er-Jahre hatten sich in diversen Ländern Afrikas, Lateinamerikas und Europas regionale Ausprägungen des Hiphop gebildet, die sich in den 1990er-Jahren von den amerikanischen Vorbildern emanzipierten, teils auch, weil deren Themen in Europa von anderer, mitunter auch geringerer Bedeutung waren. In Deutschland waren es etwa die Formationen Die Fantastischen Vier, Söhne Mannheims, Blumentopf, Xavier Naidoo, Dendemann, Bushido, Sido und Seed, die verschiedene Formen des amerikanischen Hiphop in mehr oder weniger spezifisch deutsche Formen überführten.
Mit dem Hiphop sind zahllose Namen verbunden; zu den auch international bedeutenden Namen zählen neben den schon genannten Left-Eye, Dr. Der, Snoop Doggy Dog, 2Pac, Mobb Deep, Notorous B.I.G., Tupac Shakur, Wyclef Jean, Lauryn Hill, 50 Cent, Kanye West, Eric B. & Rakim, Mary J.Blige, Salt’n’Pepa, Scarface, 2 Live Crew, Arrested Development, Sir Mix-a-Lot, MC Hammer, The Fugees, Gang Starr, Gnarls Barkley, Black Eyed Peas und weitere mehr.
Es wäre allerdings zu kurz gegriffen, Hiphop auf Musik und Text, also auf MCing und DJing zu reduzieren. Vielmehr hat sich mit dem Hiphop eine städtisch geprägte Subkultur gebildet, in der mit der Musik und dem Text der Tanz enge verbunden ist. MC und DJs ließen Abschnitte frei, die als Break bezeichnet wurden und in der Tat aus Schlagzeug-Breaks vorhandener Aufnahmen bestanden. Durch die speziellen DJ-Techniken wurden diese Breaks auch verlängert, so dass B-Boys, Break-Boys, diesen Raum für das Vorführen ihrer Moves, wie Bewegungen im Hiphop-Tanz allgemein genannt werden, vorzuführen. Locking und Popping, Tanzstile mit spezifischen Bewegungsmustern, bilden den Kern der Hiphop-Tänze. Im Zusammenhang mit Hiphop muss auch Graffiti-Grafik gesehen werden: Standen am Anfang die so genannte Tags, Beschriftungen, die als Kennzeichen an Hauswände gesprüht oder gezeichnet wurden, wurden im Laufe der Zeit zu dreidimensionalen, stets farbigen Bildern, so genannte Pieces, erweitert. Da es wesentlicher Bestandteil des Selbstverständnisses von Graffiti-Malern, die sich selbst Writer nennen, ist, ihre Werke ohne Erlaubnis an Hauswänden, Brücken, Straßenunterführungen und U-Bahn-Zügen anzubringen, ist ihr Handeln natürlich kriminell. Andererseits aber nehmen die allemal jugendlichen Maler damit ihr Stadtteile zumindest optisch in Besitz und innerhalb ihres Kreises sind die Bilder auch eine Art Sprache, die der Verständigung untereinander dient. Natürlich dienen die Graffitis auch der Abgrenzung der Maler untereinander.
Sowohl Tanz wie Malerei des Hiphop haben Eingang in die etablierte Kunst gefunden – Elemente des Breakdance gehören zum Modern Dance und werden etwa von der Truppe Alvin Ailey genutzt, Graffiti gehörten schon seit Anfang der 1980er-Jahre zu avantgardistischer Bildender Kunst und haben daher auch den Weg in den Kunstmarkt gefunden. Nicht wenige Großstädte haben auch Wege gesucht, Graffiti-Maler aus der Illegalität zu holen, nicht immer mit Erfolg.
Bei Lichte betrachtet, ist Hiphop eine Subkultur der Unterprivilegierten in den Großstädten der Welt. Allemal gehören damit Migranten zu den Gestaltern wie zum Publikum des Hiphop. In Europa wurde dies besonders deutlich, dass die in den USA beheimatete Kultur etwa in Frankreich vom arabischen Bevölkerungsanteil unmittelbar angenommen wurde, in Deutschland von Türken und Arabern. Dies hatte natürlich Einfluss auf die Themen, die um die Lebensumstände der Musiker kreisten. Daraus entwickelte sich ein männlich dominierter, in Teilen auch archaischer Codex, in dem der Kampf – Battle – eine wichtige Rolle spielt, vor allem aber Respekt von zentraler Bedeutung ist: Respekt vor Autoritäten und vor Leistung. Als Angehöriger der Hiphop-Szene ist es wichtig, etwa zu tun, dass mit Hiphop zu tun hat, entweder als MC oder DJ, als Maler oder Tänzer. Das Entwickeln eines eigenen Stils, dann Style genannt, und das Herausbilden von so genannten Skills, also anerkennenswerten Fähigkeiten in seinem Gebiet, sind dabei die Zielsetzungen.
Wie jede Subkultur, zu denen nach dem Zweiten Weltkrieg selbst der Rock’n’Roll gezählt werden muss, erst recht die Hippie-Kultur der 1960er-Jahre, wurde auch Hiphop nach einiger Zeit kommerzialisiert. Als sich abzeichnete, dass eine Musik, die selbst auf anderer, vorhandener Musik beruht, durchaus Käufer finden kann, sah die Schallplattenindustrie im Hiphop – zunächst Rap genannt – eine Chance, den wenigstens stagnierenden Schallplattenmarkt zu neuer Prosperität zu verhelfen. Dies gelang für kurze Zeit, so dass Elemente des Hiphop eben auch in anderer Popmusik übernommen wurden. Neben der Musik aber wurden diverse Insignien des Hiphop – etwa die Graffiti-Malerei – für Konsumartikel übernommen, immer mit dem Blick auf das Publikum, das allemal auf Kindern und Jugendlichen besteht – Graffiti-Grafiken finden sich selbst auf Schulbüchern. Erheblich Einfluss hatte Hiphop auch auf die Mode: Die Militärkleidung der Gangsta-Rapper kann in jedem Kaufhaus erworben werden, Turnschuhe kommen von den großen Marken. Manche modischen Klischees der Hiphop-Anhänger – dicke Goldketten, übergroße Hosen, Kapuzen-Shirts, Baseball-Mützen, getunte Autos – wurden sogar zu Ikonen, die längst parodiert werden.

 

Literatur

Toop, David: Rap Attack – African Jive to New York Hip Hop; New York 1984; dt. 1992
George, Nelson: XXX – Drei Jahrzehnte Hiphop; London 1998; dt. 2002
Klein, Gabriele/Friedrich, Malte: Is This Real? Die Kultur des Hiphop; Frankfurt/Main 2003
Robitzky, Niels: Von Swipe zu Storm – Breakdance in Deutschland; Hamburg 2000
Loh, Hannes/Güngör, Murat: Fear of a Kanak Planet: Hiphop zwischen Weltkultur und Nazi-Rap. Höfen 2002
Verlan, Sascha/Loh, Hannes: 20 Jahre HipHop in Deutschland. Höfen 2002