Hitparade

Hitparade, zusammengesetzt aus englisch hit für »Erfolg, Knüller« und Parade, englisch: chart, statistische Erfassung von Tonträgern, die innerhalb eines bestimmten Zeitraumes – meistens ein oder zwei Wochen – besonders häufig verkauft wurden. Von Rundfunksendern ausgestrahlte Hitparaden stellten dem gegenüber lediglich die Beliebtheit bestimmter Songs bei ihren Hörern fest.

In erster Linie sind Hitparaden Instrumente der Marktforschung und des Marketings. Aus diesem Grund sind bestimmte Hitparaden wichtiger als andere. Von großer Bedeutung sind beispielsweise die Top 100 – eine Single-Statistik – und die Top 200 – eine LP-Statistik – des amerikanischen Branchenblattes Billboard. In diesen Statistiken werden die Singles beziehungsweise LPs gelistet, die in der Woche vor Erscheinen der Hitparade am häufigsten verkauft wurden. Die Kriterien, welcher Tonträger als »verkauft« gilt, wurden mehrfach geändert: Genügte früher schon die Meldung von Plattenfirmen, welche Mengen ausgeliefert wurden, so werden heute unter Einsatz von Kassen-Scannern und EDV nur diejenigen Tonträger gezählt, die von Kunden tatsächlich zur Kasse gebracht und bezahlt wurden. Ähnlich ausgeklügelte Methoden werden bei der Erfassung von Rundfunkprogrammen und Online-Verkäufen angewendet. Da die Schallplattenfirmen im Laufe der Jahrzehnte – Billboard veröffentlichte seine erste Hitparade im Jahr 1936 -, Hitparaden als Instrumente der Marktforschung kennen und schätzen lernten, boten Billboard – und auch andere Zeitschriften – bald neben den allgemeine Top 100 und Top 200 Hitparaden der unterschiedlichsten Art an. So gibt es längst Hitparaden für Latin Music, Country Music, R & B und weitere mehr. Auszüge aus den Top 100 sind etwa die Top 10, die Top 20 und die Top 40.

Die Idee der Hitparaden wurde von Rundfunkanstalten – später auch von Fernsehsendern – übernommen. Dabei spielen die Verkäufe eines Tonträgers eine untergeordnete Rolle. Vielmehr steht vor der Aufstellung einer Rundfunk-Hitparade die Auswahl der Songs, die als »Vorschlag« den Hörern nahegebracht werden; dabei werden natürlich neue Veröffentlichungen vorrangig berücksichtigt. Aus diesen Vorschlägen wählten die Hörer aus und schickten die Liste der Songs ihrer Wahl an den jeweiligen Sender, der einfach die Vorschläge auswertete und in eine Reihenfolge brachte, die die häufige Nennung eines Titels berücksichtigte. Bei der nächsten Sendung wurde diese Auswahl – die ersten zehn oder 20 Titel – den Hörern präsentiert, wobei zunächst die Songs der unteren Ränge zuerst, der am häufigsten gewählte Song auf Platz 1 als letzter ausgestrahlt wurde. Dieses System provoziert natürlich Manipulationen: Fan-Clubs konnten ihren Favoriten durch eine Flut von an den Sender geschickten Postkarten auf Platz 1 wählen. Bemerkte die jeweilige Redaktion dies, so wurden diese Stimmen nicht berücksichtigt, ein Vorgehen, das ebenfalls eine Manipulation darstellt. Zudem hatte die Redaktion die Macht des Vorschlags: Singles, die gar nicht erst vorgeschlagen wurden, konnten auch nicht gewählt werden. Zwar wurde das alleinige Vorschlagsrecht der Sender in späteren Jahren abgemildert – Hörer konnten einfach auch Songs nennen, die nicht vorgeschlagen waren -, doch basierte das gesamte Verfahren auf dem blinden Vertrauen der Hörer. Als Marketinginstrument taugten Rundfunk-Hitparaden nur in eingeschränktem Maße, zumal es auch etwa in den USA erfolgreiche Versuche seines der Schallplattenindustrie gab, Rundfunkredakteure und DJs zu bestechen. Derartige Methoden der Einflussnahme gingen als Payola in die Geschichte der Rock- und Popmusik ein.

Dennoch waren die Hitparaden des Rundfunks in den 1960er-Jahren zumal in der Bundesrepublik Deutschland für Rock-Hörer von herausragender Bedeutung, stellten sie doch neben den Soldatensendern AFN und BFBS die einzig Möglichkeit dar, überhaupt Rock und Pop im Rundfunk hören zu können. Erst im Laufe der 1960er-Jahre im öffentlich-rechtlich organisierten Rundfunk überhaupt die Notwendigkeit von Programmen, die auf die Bedürfnisse von Jugendlichen zugeschnitten waren, erkannt. Mit dem Ausbau der Jugend-Programme – etwa durch tägliche Magazin-Sendungen wie »5 Uhr Club« (NDR) oder »Hallo, Twen« (SR) – verloren die klassischen Hitparaden nach und nach an Bedeutung. Die Etablierung des privaten Rundfunks, der sein Programm nahezu ausschließlich mit Rock- und Popmusik bestreitet, wie auch der Auffächerung des Marktes machte Hitparaden im Rundfunk einerseits überflüssig, andererseits unmöglich. Stellten die Hitparaden nämlich in den 1960er-Jahren eine Art Konsens dar, was überhaupt als Rock und Pop zu gelten hatte, so liegen die Vorlieben von Hörern zeitgenössischer Rock- und Popmusik häufig so weit auseinander, dass sich eine »gemeinsame« Hitparade kaum ergeben kann.