Improvisation

Improvisation, Erfinden von melodischen Linien, Akkordfortschreitungen, formaler Gestaltung und selbst von Klangfarben und Geräuschen während des Vortrags selbst, also eine spontane Musizierweise, die den Spieler/Sänger nicht auf die strikte Ausführung einer einstudierten Aufgabe beschränkt, sondern ihm ein gewisses Maß an freier Phantasietätigkeit gestattet.

Diese freie Entfaltung ist dabei relativ, und eine absolut ungebundene Improvisation gibt es nicht. Gewöhnlich einigen sich die Musiker zuvor auf ein Thema, Jazzmusiker beispielsweise auf einen allseits bekannten »Standard«, Rockmusiker etwa auf einen Zwölf-Takt-Blues, auf die Reihenfolge und Dauer der Einzelbeiträge usw. und zwar in der seit dem Chicagoer Jazz bekannten Weise, dass nach dem gemeinsam aufgestellten Thema die einzelnen Variationen in Chorussen erfolgen, bevor das Thema erneut von allen Musikern simultan vorgetragen wird. Auch wenn eine solche Vereinbarung nicht ausdrücklich stattfindet, wie sie dem Free Jazz der 1960er-Jahre oder den meditationsähnlichen, gelegentlich wohl auch unter Drogeneinfluss erfolgten Klangphantasien um 1970 wohl fremd gewesen wäre (Amon Düül, The Godz, Hapshash and The Colored Coat usw.), bleiben die Musiker in dem ihnen als möglich erscheinenden Stil- und Spielbereich haften, so dass eine scheinbar gänzlich ungebundene Musik nach einigen Jahren sich als ein nach syntaktischen Verknüpfungsregeln funktionierendes Musikverständnis zu erkennen gibt.

Im allgemeinen gelten Rockmusiker, die auch improvisieren können, als den anderen Musikern überlegen. Dieses Vorurteil dürfte der romantischen Vorstellung von künstlerischer Ungebundenheit und schöpferischer Phantasie entstammen. Dabei wird im Jazz wie im Rock nach festen, in manchen Fällen nach geradezu unumstößlichen Regeln improvisiert. Selbst die Harmoniefolgen, die als Grundlage der Improvisation verwendet werden – etwa der Blues oder die II-V-I-Kadenz im Jazz – , sind zu Klischees geronnen, die von vielen Musikern nicht angetastet werden; gute Musiker erweisen sich aber gerade darin, dass sie zu eng gesteckte Grenzen übertreten. Hinzu kommt, dass jeder Improvisator von Inspiration abhängig ist. Routinierte Musiker wie zum Beispiel John McLaughlin oder Eric Clapton können sich mit der mehr oder weniger losen Aneinanderreihung spieltechnisch eingeübter Floskeln und Sequenzen, die ohnehin Bestandteil jeder Improvisation sind und wohl auch sein müssen, behelfen; aber auch bei ihnen sind inspirierte Momente nicht die Regel. Es gibt Musiker wie etwa die Trompeter Louis Armstrong und Dizzy Gillespie, die als begnadete Improvisatoren gelten, weil sie Inspirationspausen offenbar nicht kannten.

In der Rockmusik gibt es Stilbereiche, in denen es weniger darauf ankommt, welche Töne ein Gitarrist spielt, als vielmehr darauf, wie er sie spielt. Heavy-Metal-Gitarristen beispielsweise spielen in der Regel langwierig eingeübte Teile von Gitarrenläufen, die sie immer neu kombinieren. Die Gestaltung des Klanges, die Geschwindigkeit des Spiels, die Posen, die sie während des Spieles einnehmen, die Herbeiführung eines dramatischen Höhepunktes müssen aber ebenfalls als Improvisation gesehen werden, denn dies alles ist genauso eine Kunst des Augenblicks wie das Erfinden einer neuen Melodie – die auch bloß aus Versatzstücken bestehen kann.

In Konzerten ist ohnehin weniger die tatsächliche musikalische Leistung als die Atmosphäre entscheidend. Ein Musiker, der glaubhaft machen kann, dass er nur für dieses Publikum spielt – Frank Zappa etwa war ein Meister solcher Suggestion –, schafft eine dichte, kommunikationsreiche Atmosphäre, die dann ihrerseits unwiederbringlich sein kann. Es leuchtet ein, dass Improvisation in diesem realistischen Sinn eine makellose Beherrschung des Instrumentes voraussetzt. Doch wird mitunter selbst instrumentelle Hilflosigkeit als Improvisation verkauft.

Literatur

Ferand, Ernest T.: Die Improvisation in der Musik; Zürich 1939
Bresgen, Cesar: Die Improvisation; Wilhelmshaven 1973