Isorhythmik

Isorhythmik, von altgriechisch isos für »gleich« und rhythmos für »Zeitmaß«, auch Isorhythmie, in der Motettenkomposition des 14. und 15. Jahrhunderts aufgekommenes Kompositionsverfahren; der Begriff wurde 1904 von dem Musikforscher Friedrich Ludwig (* 1872, † 1930) eingeführt.

Das Verfahren war eine der in der Ars Nova aufgekommenen Kompositionstechniken, die besonders in Motetten angewendet wurden, etwa von dem französische Komponisten, Guillaume de Machaut. Vereinzelt treten sie aber auch in Lied- und Messkompositionen der Zeit auf.

Dem Verfahren liegt stets ein rhythmisches, für einen bestimmten Abschnitt geltendes Modell vor; diese Abschnitte werden stetig wiederholt, wobei das Modell den Rhythmus beherrscht, während die Tonhöhen der einzelnen Stimmen durchaus wechseln. Das Modell wird Talea (von altfranzösisch taille für »Abschnitt«) genannt, während der eigentliche melodische Abschnitt die Bezeichnung Color (lateinisch für »Farbe«) erhielt. Dabei müssen Talea und Color nicht notgedrungen die gleiche Länge haben. Es ist also durchaus möglich, dass eine Color – als vereinfacht: die Melodie – länger als ein Talea ist und in beispielsweise in den zweiten Talea hineinreicht, bevor sie im selben Talea von der zweiten Color abgelöst und wird, diese wiederum mit dem dritten Talea endet.

Die Werke Guillaume de Machauts stellen zwar den Zenit der Kompositionstechnik dar, doch trat Isorhythmik schon bei Philippe de Vitry auf und wurde später auch etwa von Guillaume Dufay im Übergang zur Ars subtilior angewendet. Die letzten Beispiele stammen aus dem frühen 16. Jahrhundert. Im 20. Jahrhundert bedienten sich etwa Anton Weber, Igor Strawinsky, John Cage, Olivier Messiaen und Witold Lutoslawski der Technik, stets als bewusster Rückgriff. Im Jazz wurde die Technik ebenfalls wieder aufgegriffen; so setzte sich der Schweizer Komponist und Pianist Christoph Stiefel (* 1961) 1995 in seinem Werk »Isorhythms for Solo-Piano« mit der Technik auseinander. In der Rock- und Popmusik könnte Isorhythmie – stets wohl in Kenntnis der Musik des 14. und 15. Jahrhunderts – vereinzelt etwa bei Gentle Giant und Frank Zappa auftreten; Aufschluss darüber könnten nur Transkriptionen einiger Aufnahmen geben.

Literatur

Ludwig, Friedrich: Die mehrstimmige Musik des 14. Jahrhunderts; in: Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft, Band 6, 1904/1905

 

Diskografie

Christoph Stiefel: Isorhythms for Solo Piano (2005)
Gentle Giant: Interview (1976)