Komitee für Unterhaltungskunst

Komitee für Unterhaltungskunst, 1973 in der damaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) gegründete Dachorganisation zur Steuerung des gesamten Show-Bereichs der DDR; Ende 1989 wurde das Komitee aufgelöst.

Dem Phänomen Rockmusik, dem sich die politische Führung der DDR schon wenige Jahre nach der Gründung gegenüber gestellt sah, begegneten Partei und Staat zunächst mit vehementer Ablehnung und Diffamierung. Die Rockmusik der 1960er-Jahre blieb allerdings nicht ohne Wirkung auf die Bürger der DDR, so dass sich die Führung des Staates genötigt sah, auf diese Entwicklung zu reagieren. Nach anfänglichen, von der jugendlichen Bevölkerung eher lustlos aufgenommenen Bemühungen, durch fröhliches Singen im Chor dem Ansturm der westlichen Beatmusik – wie Rockmusik noch bis Ende der 1960er-Jahre obligat genannt wurde – die Stirn zu bieten, sah man bei der Obrigkeit gegen Ende des Jahrzehnts keine Möglichkeit mehr, die Existenz eines starken Interesses an westlicher Rockmusik zu unterdrücken.
Die Reaktion war eine für totalitär regierte Staaten typisch: Der Staat reklamierte das gesamte Gebiet der Unterhaltungsmusik für sich und organisierte es bis ins Detail. In vieler Hinsicht ähnelte die Organisation des Musiklebens der Struktur der Talentfindung- und –förderung im Sport. Über allem stand der Gedanke des Wettbewerbs, der in Zusammenarbeit mit Institutionen wie FDJ (Freie Deutsche Jugend) und FDGB (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund) einem System von Sichtung, »Leistungsschauen« und Auslese organisiert war. Zwar war der Entschluss, sich als Musiker zu betätigen oder in einer Band zu spielen, jedem frei gestellt, dies bedeutete aber nichts, denn über die Auftrittsmöglichkeiten, über Veröffentlichung von Schallplatten, über die Möglichkeit, als Berufsmusiker zu arbeiten, über Präsenz im Rundfunk und selbst über Übungsräume wachte der Staat. Wollten ein Musiker, eine Band öffentlich auftreten, so musste er sich einer Einstufung unterziehen, die nicht nur über ein grundsätzliche Erlaubnis, sich als öffentlich als Musiker zu betätigen, sondern auch, was er vor durfte. So musste der größere Teil der vorgetragenen Text in deutscher Sprache gehalten sein, der geringere in einer anderen – im Bereich der Rockmusik naturgemäß englischer – Sprache; es wurde von einer 60:40-Regelung gesprochen. So wurde nach Amateur- und Profimusikern unterscheiden, es gab Reisekader – also Musiker und Bands die im befreundeten Ausland, also im Ostblock oder aber auch im westlichen Ausland auftreten durften – und in den höchsten Stufen konnten Musiker auch Schallplatten aufnehmen, die dann auch im Rundfunkprogramm zu hören waren. Selbstredend durften Texte der Leider nicht in irgendeiner Weise Kritik an Staat oder Gesellschaft üben. Musiker, die sich der Einstufung nicht stellen wollten blieb nur der Weg in die Illegalität, die so lange geduldet wurde, wie sie im eher konspirativen Rahmen blieb und nicht offensichtlich in Stellung gegen den Staat ging; war dies der Fall, so ging die Führung der DDR mit unnachsichtiger Härte gegen die Musiker vor, von Verwarnungen über Gefängnisstrafe bis hin zur Ausbürgerung reichten seine Möglichkeiten.
Der Ministerrat der DDR hatte mit dem beim Ministerium für Kultur etablierten Komitee für Unterhaltungskunst in Berlin das Gremium geschaffen, bei dem die Fäden dieses Systems zusammenliefen. In dem Komitee saßen unter Führung einer Generaldirektion Repräsentanten der Künstler-Agentur der DDR, der Konzertveranstalter, der Medien und der Hochschulen, um in langwierigen Diskussionen herauszufinden, wie Unterhaltungskunst im Sozialismus aussehen könnte.
Der Hintergrund der Regulierungswut war allerdings nicht nur die Angst vor der eigenen Bevölkerung, sondern hatte auch den Hintergrund, dass es der DDR an Devisen mangelte, etwa westliche Bands zu Tourneen ins Arbeiter- und Bauerparadies einzuladen – die wollten in Dollar entlohnt werden. So musste das eigene Potential notgedrungen gefördert werden, denn wirklich »geliebt« von der Obrigkeit wurde gerade die Rockmusik auch nach 1970 nicht. Vielmehr wollte man das unverstandene Phänomen kanalisieren. Wie stets im Totalitarismus gehörten dazu neben mehr oder weniger willkürlich gefällten Urteilen, wer denn nun offizielle Musik machen durfte oder nicht, einem Dickicht von Genehmigung und Einstufungen auch die Förderung: Wer unter Beweis gestellt hatte, dass er sich den staatlichen Ansprüchen fügte, gar noch das Interesse des Publikum auf sich ziehen konnte, war sich des Wohlwollens der Obrigkeit sicher.
Manch ein Musiker der DDR mag noch des Glaubens gewesen sein, dass das Komitee für Unterhaltungskunst auch dazu dienen, die Interessen der Musiker gegenüber dem Ministerium der Kultur zu artikulieren, wenn nicht zu vertreten. Das Gegenteil war der Fall: Das Komitee diente dem Staat dazu, den Musikern zu verdeutlichen, was er von ihnen erwartete. So war die Forderung nach einer Interessenvertretung der Musiker gegenüber dem Staat ständiges Thema, bis 1984 die Struktur des Komitees gründlich verändert wurde: Nunmehr weitgehend ehrenamtlich in den Sektionen Jazz, Rockmusik, Chanson, Liedermacher, Interpreten, Wortkunst, Diskotheken, Orchesterleiter und Artistik organisiert, saßen nun auch Musiker in dem Gremium, in der Sektion Jazz etwa der Posaunist Conny Bauer und in der Sektion Rock der Sänger der Rockband City Tony Krahl.
Es lag auf der Hand, dass eine Institution wie das Komitee für Unterhaltungskunst selbst in seiner neuen Form in einem anders als totalitär organisierten Staat keine Überlebenschance haben konnte. 1989 wurde es aufgelöst, das Direktorium versuchte noch unter dem Namen ComConcert eine Konzertdirektion aufzubauen, doch stellte auch diese Anfang 1990 ihre Arbeit ein.



Literatur

Leitner, Olaf: Rockszene DDR – Aspekte einer Massenkultur im Sozialismus; Reinbek 1983