Krautrock

Krautrock, in Großbritannien aufgekommene Bezeichnung für in der Bundesrepublik Deutschland etwa zwischen 1967 und 1975 entstandene Rockmusik; der Begriff bezeichnet keine spezifische Musik, sondern nur die regionale Ausprägung einer in einem bestimmten Zeitraum aufgetretenen Musik.

Die Bildung des Begriffs wurde von deutschen Bands selbst angestoßen: 1968 hatte die deutsche Band Amon Düül einem Song auf ihrer LP »Psychedelic Underground« (1968) den Titel »Mama Düül und ihre Sauerkrautband spielt« gegeben; der Radio-DJ John Peel fertigte daraus angeblich den Begriff Krautrock an. Das Wort »Kraut« war den Briten wohlbekannt, denn seit dem Ersten Weltkrieg werden Deutsche, insbesondere deutsche Soldaten mitunter als Krauts bezeichnet, in der irrigen Annahme, in Deutschland würde mit Vorliebe Sauerkraut gegessen. Der deutschen Formation Faust wiederum gefiel der Begriff so gut, dass sie ein Stück auf der LP »Faust IV« (1974) »Krautrock« nannten. Zu dieser Zeit hatte der Begriff allerdings schon wieder an Bedeutung verloren. War das Wort zunächst durchaus despektierlich gemeint – allemal wurde damit auf eine hölzerne, schlecht gespielte und mit deutschen Texten garnierte Musik hingewiesen –, so wich die Verachtung zunächst milder Ironie und spätestens mit dem 1996 veröffentlichten Buch des britischen Rockmusikers Julian Cope »Krautrocksampler« einer Anerkennung, gelten einige Vertreter des Krautrocks doch als Vorreiter der jüngeren elektronischen Musik zwischen Electro Pop und Techno.

Tatsächlich spielen elektronische Klangerzeuger für die deutsche Rockmusik ab etwa 1967 eine wichtige Rolle. Ahmten deutsche Rockmusiker bis Mitte des Jahrzehnts vor allem die britische Rockmusik nach, so suchten sie in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts nach eigener Ausdrucksform. Da die kommerziell hergestellten Synthesizer (Moog, ARP) für die meisten Musiker schlichtweg zu teuer waren, fertigte man selbst elektronische Gerätschaften an, Oszillatoren, einfache Federhallgeräte, Verzerrer und Ringmodulatoren ließen sich schon zu dieser Zeit mit mehr oder weniger Aufwand selbst bauen. Durch die amerikanische Rockmusik – unter dem Begriff »Underground« zusammengefasst und vermarktet – fühlten sich die Musiker zu experimenteller Musik, auch zur Improvisation einerseits, zu mehr oder weniger diffus politischen Texten andererseits ermuntert. Die technische Beherrschung eines Instrumentes geriet in den Hintergrund und wurde wortreich als im Sinne der Emanzipation des schöpferisch tätigen Menschen als mehr oder weniger entbehrlich betrachtet. Instrumentale Improvisation erhielt einen hohen Stellenwert, zumal man sich auch am Psychedelic Rock und an Rockbands wie Pink Floyd, Grateful Dead und Cream orientierte. Ein Hemmnis stellte die Sprache dar: Selbst wenn die Texte in englischer Sprache verfasst waren, ließ der Vortrag schnell die Sängerin oder den Sänger als Deutschen erkennen. So ergab sich das Bild einer Musik, in der das herkömmliche, aus Gitarre, Bassgitarre und Schlagzeug bestehende Rock-Instrumentarium um Blasinstrumente wie Saxophon und Flöte, um diverse elektronische Gerätschaften und einige exotische Instrumente, allen voran der Sitar, erweitert wurde. Der Gesang trat in den Hintergrund, der frei gewordene Raum mit ausgedehnten Instrumentalimprovisationen gefüllt; Free Rock in Anlehnung an Free Jazz wurde zu einem Schlagwort, wenn nicht gleich von »Kosmischer Musik« geredet wurde. Hier fanden die Musiker Anhaltspunkte in der Musik Asiens, wie auch die Namen der Bands wie manch ein Song-Titel aus einer Sprache Asiens stammten oder wenigstens zu stammen schienen, oft genug aber auch ein Rückgriff auf die europäische Antike war. Krautrock war häufig politisch, oft diffus links, nie aber an eine Partei gebunden; fraglich allerdings, ob die Musik von Floh de Cologne, Ton Steine Scherben oder Lokomotive Kreuzberg im engeren Sinn zum Krautrock gehört. Eine wohl wichtige Rolle spielten auch Drogen, weniger Heroin oder Kokain, vielmehr Haschisch und häufig auch LSD.

Zum Krautrock im engeren Sinn werden viele Musiker und Bands gezählt: Amon Düül I und II, Agitation Free, Xhol Caravan, Neu!, Kraftwerk, Klaus Schulze, Ash Ra Tempel, Birth Control, Brainticket, Faust, Epitaph, Guru Guru, Cluster, La Düsseldorf, Pool Vuh, Tangerine Dream, Annexus Quam, Can, Deuter, Achim Reichel (»Grüne Reise«), Eela Craig, Embryo, Karthago, Grobschnitt, Kin Ping Meh, Novalis und Conrad Schnitzler gehören dazu; andere werden häufig dazugezählt, obwohl sie seinerzeit wenig oder nichts mit dieser Musik zu tun hatten: Frumpy, Pell Mell, Tritonus, Triumvirat, Lucifer’s Friend, Nektar oder Kraan etwa orientierten sich nach wie vor besonders an britischen Vorbildern, während Bands wie Elster Silberflug, Sparifankal, Ougenweide und Ihre Kinder analog zu amerikanischer und britischer Folk Music eine spezifisch deutsche Volksmusik favorisierten, ohne trotz Verwendung der deutschen Sprache in eine wie auch immer geartete Volkstümelei zu verfallen. Und schließlich: Udo Lindenbergs Musik würde niemand zum Krautrock rechnen.

Immerhin war der Erfolg der deutschen Rockmusik dieser Jahre so groß, dass die etablierten internationalen Plattenfirmen einen Sinn darin sahen, spezielle Labels zu gründen, von denen Ohr und Brain neben dem Independent-Label April, später Schneeball, die bedeutendsten sind. Die Forderung nach Professionalität konnten oder wollten indes längst nicht alle Bands erfüllen, so dass bereits seit Beginn der 1970er-Jahre eine allmählich Ausdünnung zu beobachten war: Musikalisches Unvermögen, divergierende Interessen und letzten Endes wohl auch ausbleibender Erfolg machte vielen Bands ein Überleben unmöglich.

Immerhin hatte der Krautrock aber seine Wirkung, nicht zuletzt auf britische und amerikanische Musiker. Die Zahl der angloamerikanischen Rockmusiker, die sich unter anderem auf Bands wie Can und Kraftwerk berufen, ist Legion und es gibt nicht wenige Fans unter ihnen; einer davon ist der Brite Julian Cope, der nach der Jahrtausendwende ein Standardwerk zum Thema vorlegte.

Denn es sei nicht verhehlt: Krautrock – oder besser: die deutsche Rockmusik – war keineswegs bei allen deutschen Rockhörern beliebt, viele machten einen großen Bogen um die aufgrund endloser Improvisationen langwierigen Konzerte und kauften die Platten nicht. Dennoch hat der Krautrock seine Spuren in der deutschen Rock- und Pop-Musik hinterlassen. Dazu gehört besonders die elektronische Musik von Kraftwerk und Tangerine Dream bis zu Techno. Zum anderen fanden einige Musiker jener Zeit eine künstlerische Heimat in der Filmmusik.

Literatur

Schober, Ingeborg: Tanz der Lemminge; Reinbek 1979
Ehnert, Günter: Rock in Deutschland – Lexikon deutscher Rock-Interpreten; Hamburg 1975; 2., erweiterte Auflage 1979
Hoffmann, Raoul: Zwischen Galaxis und Underground – Die neue Popmusik; München 1971
Cope, Julian: Krautrocksampler: One Head’s Guide to the Great Kosmische Musik – 1968 Onwards; Yatesbury 1995
Asbjornson, Dag Erik: Cosmic Dreams At Play – A Guide to German Progressive & Electronic Rock; Glasgow 1996
Freeman, Steven/Freeman,Alan: The Crack in the Cosmic Egg – Encyclopedia of Krautrock, Kosmische Musik & Other Progressive, Experimental & Electronic Musics from Germany; Leicester 1996
Dedekind, Henning: Krautrock – Underground, LSD und kosmische Kuriere; Stuttgart 2008

Diskografie

Diverse: Krautrock – Music for your Brain Vol 1 – Vol. 4 (2005-2009)

Weblink

http://www.germanrock.de/ (Website mit Informationen zur deutschen Rockmusik)