Mehrspurverfahren

Mehrspurverfahren, auch Multitrackverfahren, Verfahren der Musikaufnahme, das sich im Laufe der 1960er-Jahre, ausgehend von Rock- und Popmusik, für jede Art von Musik etablieren konnte; Voraussetzung für das Verfahren ist ein mehrkanaliges Mischpult sowie eine daran angeschlossene Mehrspurbandmaschine.

Bereits Anfang der 1950er-Jahre unternahmen ambitionierte Schallplattenproduzenten individuell Versuche, Tonbänder mit mehr als einer einzigen Aufnahmespur zu bespielen. Üblich waren diese Verfahren, die nicht normiert waren, indes in nur wenigen Studios. Erst als sich die Stereotechnik – für die obligat zwei Aufnahmekanäle notwendig sind – durchzusetzen begann, richtete sich das Augenmerk von Technikern, Produzenten und Musikern auf die Möglichkeiten einer mehrkanaligen Aufnahmetechnik. 1958 beschaffte das amerikanische Plattenlabel Atlantic Records für stereophonische Aufnahmen ein Aufnahmegerät mit acht Spuren, doch blieb diese von Ampex gebaute Maschine singulär und andere Studios taten es Atlantic zunächst nicht nach, ebenfalls solche Geräte einzusetzen. Spätestens Mitte der 1960er-Jahre aber waren vierkanalige Aufnahmen Stand der Technik, und Ende des Jahrzehnts waren Tonbandgeräte mit bis zu 16 Spuren verfügbar. Durch Koppelung mehrerer Bandgeräte – bei jedem der Geräte wurde eine Spur für die Synchronisation reserviert (SMPTE) – konnte die Anzahl der Spuren weiter erhöht werden. Direkt vor Einführung der Digitaltechnik wurden auch Bandmaschinen mit bis zu 48 Spuren, also Aufnahmekanälen, hergestellt.

Die Idee des Mehrspurverfahrens war auch Vorbild für die ersten Sequencer, die etwa seit den späten 1960er-Jahren in Form von separaten Geräten für die Produktion elektronischer Musik eingesetzt wurden. Die ersten Software-Sequencer waren etwa seit Anfang der 1980er-Jahre verfügbar und erhielten mit Einführung von MIDI herausragende Bedeutung. Mit diesen Programmen wurde eine mehrkanalige Bandmaschine nachgeahmt, wenn auch zunächst nur MIDI-Ereignisse getrennt aufgezeichnet werden konnten (MIDI-Studio). Mit dem Aufkommen von Samplern und der zunehmenden Leistungsfähigkeit von Computern war es dann im Laufe der 1980er- und 1990er-Jahre möglich geworden, Audio-Signale zu digitalisieren und mittels des direkt Sequencer aufzunehmen. In einer stürmischen Entwicklung geriet der eigentliche MIDI-Sequencer in den Hintergrund und machte dem Aufnahmeprogramm Platz, der so genannten Digital Audio Workstation (DAW), mit der es möglich ist, auf einer nahezu unbegrenzten Anzahl von Spuren aufzunehmen. Derartige DAWs enthalten ein komplettes Studio mit Tonerzeugern (VST), Mischpult und eben dem Aufnahmebereich, der sich in seinem Wesen nach wie vor an den Bandmaschinen vergangener Zeiten orientiert.

Sinn des Mehrspurverfahrens ist es, die eigentliche Aufnahme von der Produktion, also der Herstellung des endgültigen Produkts (Schallplatte, CD), zu trennen. Jedes Instrument wird getrennt aufgenommen, mitunter werden Gesangs- oder Instrumentalensembles zu Gruppen zusammengestellt. Die Aufnahme geschieht im Studio in einem akustisch »trockenen« Raum, einem Raum, in dem die Nachhallzeit sehr kurz ist; Effekte werden in der Regel nicht eingesetzt. sondern erst beim Abmischen, auch Mix Down genannt, hinzugefügt. Das Abmischen, also das Zusammenfassen und Gewichten der zuvor aufgenommenen Instrumental- und Gesangsspuren zu dem Wiedergabe-Format des späteren Tonträgers (Stereo, 5.1, 7.1), ähnelt in gewisser Weise dem Schnitt beim Film, jedenfalls entsteht hier erst das endgültige Produkt, dem aber immer die Vorläufigkeit anhaftet, denn ein Mehrspurband bietet die Möglichkeit mehrer verschiedener Abmischungen.

Ein willkommener Nebeneffekt des Mehrspurverfahrens ist es, dass Fehler eines Sängers oder Instrumentalisten leicht korrigiert werden können, nämlich ohne dass die komplette Aufnahme wiederholt werden muss. Es wird nur die fehlerhafte Spur neu eingespielt, wobei es die DAW-Programme wie schon früher die Bandmaschinen erlauben, auch nur Bruchstücke der Spur neu aufnzuehmen. Bei digitaler Produktion können in dieser Phase auch geringe Mängel, etwa Intonationsschwächen, auf digitalem Weg beseitigt werden, beispielsweise mit Hilfe einer digital erfolgenden Tonhöhenkorrektur. Ein weiterer Vorteil des mittlerweile gängigen digitalen Mehrspurverfahrens ist es, dass Musiker sich nicht gemeinsam zur gleichen Zeit in einem Studio einfinden müssen, sondern Teilaufnahmen als Datei rund um den Globus verschickt werden können, so dass jeder Musiker getrennt an seinem Part arbeiten kann.

Der Nachteil des Mehrspurverfahrens, insbesondere der digitalen Variante der Technik, liegt darin, dass der Produzent eine nahezu unbeschränkte Macht über das aufgenommene Material erhält. Bei vielen zeitgenössischen Produktionen sind die Musiker kaum mehr als »Geber« akustischer Ereignisse. Letzten Endes führt dies auch zu einer gewissen Gleichförmigkeit der Produktionen innerhalb eines Genres.