Mock-Stereo

Mock-Stereo, von englisch to mock für »(jemanden/etwas) nachmachen, um sich darüber lustig zumachen«, Generieren von Stereo-Schallplatten aus Mono-Aufnahmen; die Technik wurde besonders gegen Ende der 1950er-Jahre und etwa bis zur Mitte der 1960er-Jahre angewendet.

Der Übergang von einer Tonträgertechnik zu der nächsten, in der Regel qualitativ besseren, ist für die Musikindustrie immer mit Risiken verbunden und in der Geschichte der Tonaufnahmen nie ohne Probleme verlaufen. Als die Industrie im Laufe der 1950er-Jahre den Plan fasste, nur noch Stereo-Schallplatten herzustellen, gab es in der jahrelangen Übergangszeit nicht genügend Aufnahmen in dieser Technik. So verfiel man auf die Idee, gute und vor allem gut verkäufliche Monoaufnahmen etablierter Künstler mit studiotechnischen Mitteln in Stereoaufnahmen umzuwandeln. Es handelt sich dabei nicht um echte Stereoaufnahmen, also um das echte Abbild eines Raumes. Vielmehr wurde das Frequenzband der Aufnahmen aufgeteilt und gefiltert: Man hob beispielsweise die Lautstärke der Bässe stärker an und platzierte diese Variante der ursprünglichen Aufnahmen im rechten Kanal der beiden Stereokanäle – da, wo im Orchester die Kontrabässe stehen. Bei einer weiteren Kopie der grundlegenden Aufnahme wurden durch entsprechende Filterung die Violinen auf den linken Kanal gelegt. Ein eventuell an der Aufnahme beteiligter Sänger wurde in die Mitte gestellt – das ist im Übrigen der obligate Platz des Lead-Sängers. So ergab sich für den Hörer der Pseudo-Stereoaufnahme das akustische Bild eines Sängers, der vor einem herkömmlichen Orchester steht, ganz so, wie es auf der Bühne üblich ist.

Mithilfe dieses Verfahrens – bei dem im Übrigen auch noch etwa Hallgeräte eingesetzt werden konnten, um einen Raum vorzutäuschen – war es nun möglich aus Mono-Aufnahmen Stereo-Schallplatten herzustellen. Um 1960 gab es Aufnahmen oft sowohl in einer Mono- als auch einer Stereofassung. Da in dieser Zeit die Beatles ihre Karriere begannen, betraf die Entscheidung, Mono- oder Stereoaufnahmen zu verkaufen, auch diese Band und so gibt es vor allem aus der Frühzeit der Beatles-Karriere Songs und Singles in beiden Fassungen. Vereinzelt gibt es nur Monoaufnahmen, weil entweder gar keine Stereoaufnahmen einzelner Songs vorliegen oder gar die Stereobänder unauffindbar verschwunden sind. Dies betrifft etwa den Song »She Loves You« (1963), den es nur in einer Mono- und einer Mock-Stereo-Version gibt; die ursprünglich existente Stereo-Aufnahme ist verschwunden.

Das Problem, möglicherweise nicht die für die Zukunft einsetzbaren Aufnahmenverfahren zu benutzen, begleitete die Schallplattenindustrie auch weiter, erst mit der Quadrophonie – die sich unter anderem aus dem Grund, dass es nicht genügend echte quadrophonische Aufnahmen gab, nicht durchsetzte. Bei der Video-Produktion etwa von Konzerten setzte man daher von Anfang an auf eine mehrkanalige Aufnahme, um für die Zukunft gerüstet zu sein. Mit Einführung der DVD haben sich Aufnahmen in den Standards 5.1 und 7.1 durchgesetzt. Manche Rockmusiker produzieren daher von Anfang an mehrere Fassungen ihrer Musik: Der britische Gitarrist Steven Wilson beispielsweise legt von seinen CDs und denen seiner Band häufig eine Stereofassung und eine in 5.1-Technik vor; letztere ist natürlich nur mit einem DVD-Player und entsprechender Verstärkeranlage abspielbar.

Der Übergang von Vinyl-LP zur CD verlief ebenfalls nicht reibungslos: Abgesehen von erheblichen Lieferschwierigkeiten in den ersten Monaten der Einführung der CD wurden häufig auch nur die den LPs zugrunde liegenden Masterbänder auf den neuen Tonträger überspielt. Erst später wurden Remaster angefertigt und überarbeitet. Auf diese Weise konnte die Industrie natürlich auch viele Aufnahmen zweimal innerhalb kürzester Zeit verkaufen.

Diskografie

The Beatles: She Loves You (1963; Mono- und Mock-Stereo-Fassung)
Porcupine Tree: Stupid Dream (2006; Stereo- und 5.1-Fassung)
Steven Wilson: Insurgentes (2009; Stereo- und 5.1-Fassung)