Modale Tonleitern

Modale Tonleitern (engl. modal scales), auch Modi, Kirchentonarten oder Kirchentöne genannt, stellen die systematisierende Erfassung der mittelalterlichen (gregorianischen) Kirchengesänge durch Tonskalenbildung dar.

Einflüsse der altgriechischen und byzantinischen Musiktheorie auf die Entstehung und Herausbildung dieses Systems sind wahrscheinlich. Die ursprünglich vier plagalen Tonleitern unterschied man aufgrund ihres jeweiligen Schlusstones sowie ihrer Stimmlage voneinander. Schlusstöne waren d, e, f und g. War der tiefste Ton der Melodie der Schlusston selbst, so lag eine authentische Tonleiter vor, im Gegensatz zu einer plagalen, deren Tonumfang um eine Quarte unter der authentischen Tonleiter lag, der Schlusston jedoch unverändert blieb. Durch Hinzufügung einer aeolischen (heute Moll), einer ionischen (heute Dur) und einer lediglich theoretisch geltenden lokrischen Tonleiter im 16. Jahrhundert ergaben sich insgesamt sieben authentische Tonleitern samt ihren plagalen Entsprechungen (der kursiv hervorgehobene Schlusston bildet jeweils den Schlusston:)

1. Dorisch d e f g a h c d
hypodorisch a h c d e f g a
2. Phrygisch e f g a h c d e
hypophrygisch h c d e f g a h
3. Lydisch f g a h c d e f
hypolydisch c d e f g a h c
4. Mixolydisch g a h c d e f g
hypomixolydisch d e f g a h c d
5. Aeolisch a h c d e f g a
hypoaeolisch e f g a h c d e
6. Lokrisch h c d e f g a h
hypolokrisch f g a h c d e f
7. Ionisch c d e f g a h c
hypoionisch g a h c d e f g

Die Bedeutung der modalen Tonleitern für die Rockmusik ergibt sich aus dem Umstand, dass auf ihnen nicht nur die gregorianischen Melodien, sondern auch viele alte Gesänge aus dem weltlichen Bereich beruhen, so besonders Gospels und Spirituals innerhalb der afro-amerikanischen Überlieferung sowie englische und irische Volkslieder. Es ist sogar wahrscheinlich, dass die modale Struktur der alten Volkslieder ihrerseits auf die Kirchentöne abgefärbt hat. Gruppen, die bewusst an nationale Volksliedtraditionen anknüpfen (Alan Stivell in Frankreich, Elster Silberflug und Ougenweide in der Budndesrepublik Deutschland, Folkrock-Gruppen in England und Irland usw.), gingen mit modalen Tonleitern sozusagen täglich um. Durch die Einflüsse des Volksliedes enthalten viele Rockstücke auch sonst modale Merkmale, vgl. etwa »I Saw Her Standing There«, »Sgt. Pepper« und »Let it be« der Beatles. Exotischen Einfluss zeigt Tahitian Melody> von The Savage Resurrection um 1968 mit der Skala h c d e f g a. Eine weitere Auswirkung der modalen Tonleitern zeigt sich seit etwa 1970 dadurch, dass die modale Spielweise von John Coltrane, einem der Pioniere des Free Jazz, im Jazzrock der Gegenwart zum Teil weiterlebt: Es wird nicht über Akkordfolgen oder Themen, sondern über modalen Tonleitern improvisiert. Die in Rock und Jazz gebräuchlichen modalen Skalen können allerdings nicht mit den Kirchentonleitern des Mittelalters gleichgesetzt werden.

Literatur

Jost, Ekkejard: Free Jazz. Stilkritische Untersuchung zum Jazz der 60er Jahre; Mainz 1975
Jungbluth, Axel: Jazz Harmonielehre. Funktionsharmonik und Modalität; Mainz 1981
Burbat, Wolf: Die Harmonik des Jazz; München/Kassel 1988
Kramarz, Volkmar: Harmonieanalyse der Rockmusik; Mainz 1983