Music Hall

Music Hall, von englisch music für »Musik« und hall für »Halle«, in England seit etwa 1830 populäre Einrichtung, meistens in Theatern ähnlichen Gebäuden untergebracht; das Programm der Vorführungen in der Music Hall bestand nicht nur aus Musik, sondern auch aus Darbietungen von Kleinkünstlern, Bauchrednern, Tänzern und Komikern. Ähnliche, aber nicht in allen Details gleiche Einrichtungen waren etwa in Deutschland das Varieté und in den USA das Vaudeville-Theater.

Die Idee des Programms in Music Halls bestand im Zusammenführen von eigentlich Disparatem, der kurzweiligen Unterhaltung und auch der Überraschung, wenn nicht dem Schock. Deshalb war ein Thema, unter dem die Darbietungen hätten zusammengefasst sein können, unnötig: Das Publikum, das sich meist aus dem Kleinbürgertum und der Arbeiterschaft rekrutierte, erwartet weder Belehrung noch Erbauung, sondern Unterhaltung und war daher eher an auch grotesken, mitunter obszönen Darbietungen interessiert, die es von Jahrmärkten und Zirkus-Vorstellungen her kannte. Tatsächlich kann als ein Vorläufer der Music-Hall-Vorstellungen das Treiben in den Pleasure Gardens gelten. Die erste Halle für den Zweck, die erste eigentliche Music Hall wurde 1832 in Bolton eröffnet.
Von besonderer Bedeutung war die in den Music Halls vorgetragene Musik, meist vorgetragen von obligaten Orchestern, erst recht, als in London etwa ab Mitte des 19. Jahrhunderts Gebäude speziell für den Zweck der Beherbergung einer Music Hall gebaut wurden. Die Musik bestand einerseits aus traditionellen Folk Songs, andererseits und mit zunehmender Professionalisierung aber auch aus für den Einsatzzweck geschriebenen Songs, die dann auch die alten Lieder verdrängte. Von essentieller Bedeutung war, dass die Songs ein gewisses Maß an Humor aufzuweisen hatte. Es wurden Songs aus den USA übernommen – beispielsweise »Oh, dem Golden Slippers« (1879, von James Bland), der noch im 20. Jahrhundert in dem Film »Little Lord Fauntleroy« (1980; Regie: Jack Gold; deutsch: »Der kleine Lord«) eine ganze Szene bestimmte; das dem Film zugrunde liegende Buch von Frances Hodgson Burnett erschien im Jahre1886.
»Oh, dem Golden Slippers« deutet formal schon an, dass die Songs oft Tanzlieder waren und Elemente von Polka und Walzer einbezog. Später wurde dann in gleicher Weise die afroamerikanische Musik einbezogen, Spirituals wurden mit neuen Texten versehen, Ragtime und Jazz. Die Songs der Music Hall konnte größte Popularität erreichen und gingen teilweise in den Liederschatz der Engländer über.
Die Lieder wurden von Sängerinnen und Sängern vorgetragen, die meist – auch in der Kostümierung – in eine Rolle schlüpften, die dem Inhalt der Songs entsprach; dies konnte auch Travestie bedeuten. Ohnehin waren die Darsteller nicht zimperlich, eine gewisse verbale Grobheit konnte durchaus Teil der Darbietungen der Music Hall sein.
Die lange Tradition der Music Hall, die sich später auch in »Radio Shows« und Fernsehsendungen fand, hatte auch erhebliche Wirkung auf die britische Rockmusik und ist bis in die jüngere Zeit ihre Wirkung. Die Vielfalt der Musik, die sich etwa in den Songs der Beates finden, basiert zu einem wesentlichen Teil auf der Unbekümmertheit, mit der die Music hall stets zu Werke ging: Charaktere wie Eleanor Rigby, Rocky Racoon, Maxwell Silverhammer und weitere mehr hätten ebenso Protagonisten von Music-Hall-Songs sein können. Songs wie »When I’m Sixty-Four« und »Honey Pie« gleichen bis ins Detail der Musik in den Halls. Tatsächlich war McCartneys Vater Jim Leiter einer Music-Hall-Band, der Jim Mac’s Jazz Band. Auch die ironische, oft parodistische Musik etwa von 10cc oder Queen zeigt einige Parallelen zur Music Hall, erste recht die mitunter brachialen Songs von Ian Dury, den es wohl nicht ganz zufällig immer wieder auf die Bühne des Theaters zog. Gleiches gilt für die Bonzo Dog Doo-Dah Band, die aus einer Gruppe von Musikern und Comedians bestand, von denen einige auch zu Monty Python gehörten. Mit einiger Wachsamkeit lassen sich Splitter von der Kultur der Music Halls auch bei anderen Rockbands finden, angefangen bei den kleinen Kanonen, die die Band Emerson, Lake & Palmer im Rahme ihrer Konzerte abfeuerte, bis zu den surrealen Darbietungen eines Arthur Browns.
Wenn es auch zur Hochblüte der Music Halls – also etwa in den Jahren 1890 bis 1920 – vermutlich hunderte Music Halls allein in London gab, so erlebte diese Variante großstädtischer Kultur im Laufe des 20. Jahrhunderts ihren Niedergang: Rundfunk und Fernsehen übernahmen die Unterhaltung das Publikums, so dass seit den 1950er-Jahren viele, wenn auch nicht alle Spielstätten geschlossen wurden.



Literatur

Scott, Harold: The Early Doors: Origins of the Music Hall, London 1946
Garrett, John M.: Sixty Years of British Musichall; London 1976
Schneider, Ulrich: Die Londoner Music Hall und ihre Songs 1850-1920; Tübingen 1984
Green, Benny (Hrsg.): The Last Empires: A Music Hall Companion;London 1986
Earl, John: British Theatres and Music Halls; Oxford 2005



Weblinks

http://www.music-hall-society.com/ (Website der britischen Music Hall Society)