New Wave

New Wave, zusammengesetzt aus englisch new für »neu« und wave für »Welle«, dominierende Strömung in der amerikanischen und britischen Rockmusik der späten 1970er-Jahre; eine etwas später einsetzende ähnliche Strömung in der deutschen Rockmusik wurde Neue Deutsche Welle genannt.

Die tatsächliche Herkunft des Begriffes ist nicht eindeutig zu kläre. Der Bezug zu dem Begriff » Nouvelle Vague« als Bezeichnung für eine in den 1950er-Jahren bedeutsame Epoche des französischen Films liegt zwar nahe, kann jedoch nicht nachgewiesen werden. Der Begriff entstand in Absetzung von der bis mindestens Mitte der 1970er-Jahre dominierenden Rockmusik und fasste diverse Unterströmungen zusammen, die teils tatsächlich neu waren, teils aber schon lange im Schatten des Mainstreams gestanden hatten. Im Grund galt dies schon für den in den Vororten der britischen Großstädte entstandenen Punk. So war Punk in den USA etwa anderes als in Großbritannien: Der Begriff Punk war in den USA äußerst negativ besetzt und bezog sich auf eine Rockmusik der 1960er-Jahre wie sie etwa die Bands The Stooges und MC5 repräsentiert hatten. Der Begriff Punk schien vielen Musikjournalisten des alten Kontinents auf die britische Rockmusik zu passen, wenn auch nicht in exakter Übereinstimmung: Der europäische Punk der 1970er-Jahre wird als Vorläufer, als notwendige Voraussetzung der New Wave gesehen, nicht wie in den USA als von vornherein integraler Teil der New Wave. Natürlich haftet dem Begriff – wie beinahe jedem Begriff in der Rock- und Popmusik – eine gewisse Willkür an.
Der britische Punk stellte sich bewusst gegen die seinerzeit etablierte Rockmusik, etwa der von Pink Floyd, Genesis, Yes und Emerson, Lake & Palmer. Auch die Disco Music wurde als Grund für notwendige Opposition gesehen. Mitte der 1970er-Jahre hatte diese Strömung in der britischen Rockmusik eine derartige Kraft entwickelt, dass die Musikindustrie sich genötigt fühlte, Punk überhaupt wahrzunehmen, begann sich doch unter den Musikern die Idee der Unabhängigkeit in Form der Gründung unabhängiger Labels, Schallplattenvertriebe und Verlage durchzusetzen. Die Reaktion der etablierten Firmen war ebenso panisch wie umfassend: Mehr oder weniger wahllos wurden Punk-Bands unter Vertrag genommen, oft eher in der Absicht sich von vornherein einen Teil des Marktes zu sichern, ohne zu wissen, ob dieser Markt groß genug sein würde, die Erträge zu bringen, die die seinerzeit noch dominierenden Star-Bands noch garantierte., Es stellte sich heraus, dass Punk allein dies tatsächlich nicht gewährleisten konnte. Bald nahm man Einzelmusiker und Bands unter Vertag, die mit Punk wenig oder nicht zu tun hatten, aber eben auch nicht auf dem »alten« Markt hatten reüssieren können. So kam der geringe Bedeutungsgehalt des Begriffs New Wave gerade recht, denn manche Musik, die unter diesem Etikett verkauft wurde, war weder neu noch verbarg sich dahinter die Kraft einer regelrechten »Welle«. Musik wie Ska, Pub Rock, experimentelle Musik und bestimmte Spielarten elektronischer Musik erhielten ohne weiteres das Etikett New Wave und bald wurde selbst die Musik etwa von The Police, Fischer-Z oder Dire Straits von nicht wenigen Rockhörern als Teil der New Wave betrachtet.
Der britische Punk wie auch die Musik der New Wave hatten natürlich auch ihren Einfluss auf die amerikanische Rockmusik. Hier wurde vom großen Publikum einerseits die Musik der Stadium-Rockbands vom Schlage Kansas oder Blue Oyster Cult, andererseits aber auch der Rock eines Bruce Springteens favorisiert, daneben hatte sich aber in den großen Städten, allen voran New York, eine lebendige Nebenströmung gebildet – der es aber ebenso an Einheitlichkeit fehlte wie der Rockmusik in Großbritannien. Die Methode, die die Musikindustrie im Verein mit der Musikpublizistik anwandte, war dieselbe wie in Großbritannien und Europa: Unter dem Begriff New Wave wurden diverse schon jahrelang vorhandene Strömungen oder auch Musik der Nischen wie Power Pop oder der Industrial Rock einiger Bands aus Akron (Ohio) ebenso zur amerikanischen New Wave gezählt, wie beispielsweise die experimentelle Musik von The Residents oder die literarisch geprägte Musik der Patti Smith Band. Spätestens 1980 waren aus europäischer Sicht britische und amerikanische New Wave zu einem schillernden Ganze verbunden. Die Rockmusik insgesamt war dadurch gründlich verändert worden. Die noch Mitte der 1970er-Jahre den Markt beherrschenden Bands – Yes, Pink Floyd, Genesis, Gentle Giant, Kansas, Styx und viele andere – gerieten in erhebliche kommerzielle Schwierigkeit geraten, manch eine löste sich für kürzere oder länger Zeit auf, andere für immer. Die Band der New Wave traten an ihre Stelle und schon bald splitterte sich die Musik auf: Heavy Metal verselbständigte sich, Country und Folk entfernten sich von der Rock- und Popmusik, die gesamte Dance Music emanzipierte sich endgültig als eigenständiger Bereich mit eigenen Prämissen, Progressive Rock führte sein Eigenleben abseits der Musikpublizistik, der Jazz vereinnahmte den Jazzrock, so dass die Wortverbindung bald obsolet wurde, neue Musik wie beispielsweise der Gothic Rock, der eine seiner Wurzeln in der New Wave hat, entwickelte sich. Spätestens Mitte der 1980er-Jahre war der Begriff New Wave nur noch historische Bedeutung.
Unter dem Begriff New Wave wird aber nicht nur an Äußerlichkeiten erkennbar sehr unterschiedliche Musik gefasst, sondern die Musik selbst ist äußerst heterogen. Gemeinsame Merkmale der Faktur lassen sich über den ganzen Bereiche nicht dingfest machen. Der traditionelle Blues spielte wie die Schwarze Musik insgesamt zwar nur eine sehr untergeordnete Rolle, doch führte dies dazu, dass im Laufe der 19780er-Jahre sich einerseits der Bluesrock – bis dahin eine Strömung von vielen – emanzipierte, sich der Funkrock herausbildete und schließlich der im Blues wurzelnde Heavy Metal sich vollständig separierte.
Dafür eröffnete die New Wave dem Experiment weiten Raum: Vielen Bands ist Haltung zu eigen, die sich bewusst oder unbewusst am europäischen Dada zu Beginn des Jahrhunderts zu orientieren schien. Formationen wie The Residents, Pere Ubu, Throbbing Gristle und Cabaret Voltaire bewegten sich in einem Zwischenraum von experimenteller Hochkultur und Pop und fingen das Vage und mitunter als ausweglos Empfundene der Zeit auf eigentümliche Weise ein. Andere Bands – etwa Devo und The B-52’s – wandten sich wie schon einige Jahre zuvor Roxy Music der eigenen Musik zu, plünderten und ironisierten die Geschichte der Rockmusik. Andere Formationen, etwa The Stranglers, Magazine, Siouxie and the Banshees, Squeeze, XTC und Japan, aber suchten eigene Wege und nahmen auf spätere Rockmusik nachhaltig Einfluss.
Teilweise überdauerte diese Wirkung den eigentlichen Bedeutungszeitraum des Begriffs New Wave. Die Single, etwa seit Mitte der 1960er-Jahre nur noch von geringer Bedeutung, wurde für einige Jahre wieder zur genuinen Ausdrucksform der Rockmusik; ausgedehnte Klangprozesse, wie sie einige Alben etwa von Yes, Emerson, Lake & Palmer oder Genesis repräsentierten, erst recht das Concept Album, wurden von der Musikpublizistik mit Häme überzogen und folglich auch bald vom Publikum abgelehnt. Die Gitarre als das Instrument der Rockmusik schlechthin, eroberte ihre ehedem herausgehobene Stellung zurück, während Synthesizer die Dominanz, mit der sie in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre die Rock- und Popmusik beherrscht hatten, allmählich verloren. In den Jahren zwischen 1975 und 1985 hatten die Musiker gelernt, sich zur Veröffentlichung und Vermarktung ihrer Musik eigene Wege zu schaffen; diese Entwicklung ließ sich nicht mehr rückgängig machen und wurde allenfalls von der Einführung der Compact Disc Anfang der 1980er-Jahre für kurze Zeit ein wenig aufgehalten.
Auch abseits der Musik hatten sich die Protagonisten der New Wave eine eigene Ästhetik propagiert. Zwar waren die Punks mit ihrer bewussten Abkehr vom Konsens, was als »schön« zu gelten hatte, Vorreiter, nicht aber unbedingt Vorbilder. Von der Covergestaltung bis zu modischen Äußerlichkeiten – alles, was an Hippies erinnerte, von langen Haaren bis zu Blue Jeans, war nunmehr verpönt – wurde die gesamte Ästhetik der Rock- und Popkultur ausgetauscht, ein Bruch, der bis in die jüngste Zeit Wirkung zeigt.

 

Diskografie

Alternative TV: Cast of Thousands (1979)
Cabaret Voltaire: Mix Up (1979)
Essential Logic: Beat Rhythm News (1979)
Generation X: Generation X (1978)
The Human League: Reproduction (1979)
Joe Jackson: Look Sharp! (1979)
Joy Division: Unknown Pleasures (1979)
Magazine: Real Life (1978)
The Pop Group: The Pop Group (1979)
The Public Image Ltd.: Public Image (1978)
Simple Minds. Life in a Day (1979)
Throbbing Gristle: D.o.A. (1978)
Tubeway Army: Replicas (1979)
Ultravox: Ha!-ha!-ha! (1977)
Siouxsie and the Banshees: The Scream (1978)
Squeeze: Squeeze (1978)
The Stranglers: No More Heroes (1977)
Wire: Pink Flag (1977)
XTC: White Music (1978)
X-Ray-Spex: Germfree Adolescents (1978)
The B 52’ s: The B 52’s 81979)
Chrome: Chrome (1979)
Debris: Debris (1976)
Devo: Are We Not Men? We are Devo! (1978)
Richard Hell & The Voidoids: Blank Generation (1977)
Pere Ubu: The Modern Dance (1978)
The Residents: Meet The Residents (1974)
The Red Crayola: Soldier Talk (1979)
Talking Heads: 77 (1977)
Television: Marquee Moon (1977)

 

Literatur

Ammann, Judith: Who’S been sleeping in my brain?; Frankfurt/Main 1987
Kneif, Tibor (Hrsg.): Rock in den 70ern – Jazzrock, Hardrock, Folkrock und New Wave; Reinbek 1980
George, B./DeFoe, Martha (Hrsg.): Volume – International Discography of the New Wave; New York 1980
Stark, Jürgen/Kurzawa, Michael: Der große Schwindel??? – Punk, New Wave, Neue Welle; Frankfurt/Main 1981
Palmer, Myles: New Wave Explosion; London/New York 1981
George, B./DeFoe, Martha (Hrsg.): Volume – International Discography of the New Wave; New York 1982