Poll

Poll, englisch für »Abstimmung« im Sinne einer Wahl, im Musikbereich vornehmlich von Zeitschriften jährlich veranstalte Leserbefragungen etwa nach »Bestem Musiker«, »Bestes Album« und weiteren Kategorien mehr.

Nahezu jede Musikzeitschrift veranstaltet entweder zum Jahresende oder aber zum Jahresbeginn eine Leserbefragung, wobei das jeweils vergangene Jahr der zu beurteilende Zeitraum ist. Je nach ausrichtender Zeitschrift werden dabei Kategorien in mehr oder weniger großer Zahl vorgegeben: Allgemeine Musikzeitschriften fassen die Kategorien eher ebenfalls allgemein, während Spezial-Zeitschriften weit mehr ins Detail gehen. Kategorien tragen dann etwa Fragestellungen wie »Bester Sänger«, »Beste Sängerin«, »Bestes Album«; spezieller wird es mit Fragen nach »Beste Folk-Sängerin«, »Bester Country-Gitarrist«, »Bestes Reggae-Album«, »Bestes Heavy-Metal-Album« – der Fantasie der Redaktionen sind dabei keine Grenzen gesetzt. Besonders ausdifferenziert sind die Polls von Musiker-Zeitschriften, bei denen auch höchst spezielle Fragen nach Produkten gestellt werden können, etwa nach dem »Besten Schlagzeugstock«, »Besten Fell« usw. Es ist anzunehmen, dass die entsprechenden Firmen diese Polls zumindest auswerten. Dabei unterwerfen sich die Teilnehmer in der Regel der gerade dominierenden Musik: Während in den 1970er-Jahren Keyboard-Spieler wie Keith Emerson und Rick Wakeman die Polls der einschlägigen Magazine über Jahre mühelos für sich entschieden, waren ihre Namen in späteren Jahrzehnten bestenfalls in den unteren Rängen zu finden. Spätestens seit den 1990er-Jahren wurden die Polls durch unregelmäßig ausgerufene Ranking-Befragungen ergänzt. Gefragt wird dabei meist sehr global, etwa »Bestes Rock-Album aller Zeiten«. Die Zahl derartiger Rankings hat im Laufe der Jahre besonders in britischen Musikzeitschriften inflationäre Ausmaße angenommen.

Viele Polls enthalten aber auch wenigstens eine Frage nach dem »schlechtesten«, etwa Album, Sänger oder Band. Natürlich geben die Zeitschriften keine Maßstäbe vor, der jeweilige Leser entscheidet nach Gutdünken, Sympathie, Geschmack oder selbst Aussehen. Wenn auch Polls der Auslobung von Preisen ähneln, so sind in aller Regel mit der Veröffentlichung der Ergebnisse eines Polls keine öffentlichen Veranstaltungen mit Preisverleihung irgendwelcher Miniatur-Monumente verbunden, obwohl es derartige Polls gibt. Umgekehrt kommen natürlich auch Preise wie Grammy, Brit Award und Echo – Schallplatten-Preise also – nach Befragung ausgewählter Gruppen wie Schallplattenhändlern oder Journalisten etwa zustande.

Hier dürfte auch die Existenz der Polls ihre Wurzeln haben. Mit dem Auftreten der Medienindustrie wie Film- und Schallplattenindustrie wurde auch für deren Produkte ein Auszeichnungssystem wie es schon seit Jahrzehnten für die Industrie überhaupt üblich war, eingeführt. Der amerikanische Photoplay Award wurde 1920 erstmals verliehen, der Oscar der Academy of Motion Picture Arts and Sciences 1929. Nach diesem Vorbild richtete die Musikzeitschrift »Metronome« ab 1939 einen Poll aus, in dem die Leser nach den ihrer Meinung nach besten Jazz-Musikern gefragt wurden. Nach Veröffentlichung des Ergebnisses wurden die jeweils als »Beste« Gewählten zu einer All-Star-Band zusammengefasst und zur Aufnahme einer Schallplatte ins Studio geschickt. Tatsächlich hat der Musik-Poll seine Wurzeln in Jazz-Zeitschriften; später übernahmen Rock- und Pop-Magazine diese Einrichtung.

Music-Polls werden seit Ende der 1990er-Jahre längst nicht mehr allein von Musikzeitschriften veranstaltet, sondern von vielen Unternehmen und Einrichtungen. Zumal das Internet brachte eine »Kultur des Ranking« hervor, in der die Musik immer wieder ein beliebtes Objekt darstellt.