Polyphon

Polyphon, von altgriechisch polys für »viel« und phonein für »klingen«, deutsch: mehrstimmig, vielstimmig, Kennzeichen eines Musikstückes, dessen gleichzeitig erklingende Stimmen melodisch ausgeprägt und untereinander ebenbürtig sind.

Von einer gänzlichen Unabhängigkeit der Stimmen voneinander zu sprechen ist im Blick auf eine tonal konzipierte Musik – also damit auch auf die Rockmusik –, insofern ungenau, als ihre Führung die Regeln der Konsonanz- und der Dissonanzbehandlung genügen muss. Der Begriff von Konsonanz und Dissonanz setzt jedoch ein aufeinander bezogenes Verhältnis der Stimmen voraus. Die Beziehung der Einzelstimmen zueinander heißt auch Kontrapunkt; das Handwerk polyphoner Stimmführung wird in der Kontrapunktlehre gelehrt. Den Gegensatz zu »polyphon« bildet »homophon«, und letzterer Ausdruck besagt, dass die Stimmen nicht jede für sich ausgeprägt sind, sondern lediglich im Dienste der Akkordfortschreitung stehen. Mit Ausnahme der Melodie ergibt sich die »Stimme« aus der Verbindung der aufeinander folgenden Töne einer Stimmlage (Sopran, Alt, Tenor usw.).

Nennenswerte Zitate – sofern es sich nicht um Zitate aus der traditionellen Kunstmusik, also etwa aus Kompositionen von Johann Sebastian Bach handelt – sind in der Rockmusik extrem selten. Paradoxerweise traten einige Beispiele im Umfeld des Punk Rocks auf, der gemeinhin nicht als Hort größerer Kunstfertigkeit gilt: In dem Song »Goodbye Toulouse« der britischen Band The Stranglers (Rattus Norvegicus, 1977) tritt in einem kurzen Abschnitt Kontrapunkt auf – gleichzeitig ein Hinweis darauf, dass The Stranglers eben keine Punk Band waren. Das Fehlen polyphoner Denkweise in der Rockmusik geht dabei nicht auf Unvermögen zurück, sondern kennt man doch auch in der Kunstmusik Komponisten von Rang, ja ganze Geschichtsepochen, deren Stilcharakteristikum unter anderem in einer überwiegend akkordisch-homophonen Setzweise besteht. Dieses akkordische oder monodische Gefüge der Rockmusik kann sogar gerechtfertigt werden: In semiotischer wie in psychologischer Hinsicht kann man die These vertreten, dass ein durchgehender, einige Aufmerksamkeit beanspruchender Sprachtext selber schon eine »selbständige« Stimme im Kontext des Liedes bildet, dessen Verständlichkeit von noch mehr gleichzeitig laufenden Stimmen geradezu beeinträchtigt sein würde. Ein polyphon allzu dicht gesetztes Lied, in dem der Text von einigem Belang ist, erschiene dann wie eine missglückte Komposition.

Trotzdem wäre die Erwartung allzu direkt, die kontrapunktischen Verfahren würden sich in der Rockmusik in dem Maße häufen, wie Fälle von Textlosigkeit darin zunähmen. Längst gibt es zwar viele Rockstücke ohne Text und tatsächlich tritt in diesen Kompositionen Polyphonie häufiger auf, aufs Ganze gesehen ist die Rockmusik aber eine akkordisch-homophone Musik, beruht ihre Massenwirksamkeit doch gerade auf dieser Setzweise. Dennoch besteht bei einigen Bands die Neigung, Stimmen gegeneinander zu setzen, ohne dabei die Zufallsergebnisse älterer Improvisationspraxis in Kauf zu nehmen; Kontrapunkt verwirklicht sich dann freilich anders als nach der Empfehlung der Lehrbücher. In Pausen der führenden Stimme tritt häufig das Fragment einer anderen Stimme (meist der Bassstimme) auf, die eine der soeben erklungenen Phrase geltende Gegenmelodie vorträgt. Man könnte hier von einer »nachgetragenen Gegenstimme« sprechen, auch von einer »ergänzenden Stimmführung«, wohl wissend, dass beide Ausdrücke ein Paradoxon wiedergeben: Das sukzessiv Gehörte soll gleichzeitig Gedachtes oder doch zumindest Denkbares wahrgenommen werden.

Als ein weiterer Fall lassen sich scheinpolyphone Techniken benennen, die vorliegen, wenn sich Stimmen gleichzeitig bewegen, ohne wirklich polyphon geführt zu werden. Am häufigsten tritt die Bassgitarre bewegt-figurierend auf, indem sie akkordisch gemeinte Zieltöne über mehrere Durchgangstöne oder auch über Quart- und Quintsprünge erreicht. Unter der scheinpolyphonen Oberfläche vollzieht sich einfache akkordische Fortschreitung. Ein Beispiel bietet »Winter Wine« auf dem Album »In The Land of Grey And Pink« (1971) der britischen Gruppe Caravan. Auch das Bassspiel von Paul McCartney ist immer wieder von derartiger, auf die Singstimme bezogener Scheinpolyphonie bestimmt.

Eine andere Form von Scheinpolyphonie ergibt sich aus der Verzahnung verschiedener Riffs. Dabei werden aus einem gemeinsamen Tonvorrat verschiedene Riffs gebildet und zu einem ganzen kombiniert, das sich allerdings nach zwei oder spätestens vier Takten wiederholt. Formal sind diese Stimmen gleichberechtigt, mitunter lehnt sich selbst die Gesangsstimme an ein Riff an. Beispiele dieser Art finden sich etwa bei Orchestral Manoeuvres In The Dark (»Talking Loud And Clear«, 1984) und The Cure (»Six Different Ways«, 1985). Wirkliche Polyphonie begegnet dem Hörer häufig bei Gentle Giant.

Diskografie

The Stranglers: Rattus Norvegicus (1977)
Caravan: In The Land Of Grey And Pink (1971)
The Beatles: Abbey Road (1969)
Orchestral Manoeuvres In The Dark: Junk Culture (1984)
The Cure: The Head On The Door (1984)
Gentle Giant: Interview (1976)

Literatur

Jeppesen, Knud: Kontrapunkt; Leipzig 1971
De la Motte, Diether: Kontrapunkt – Ein Lese- und Arbeitsbuch; Kassel 1981
Halbscheffel, Bernward: Rock barock – Rockmusik und klassisch-romantische Bildungstradition; Berlin 2001