Polyrhythmik

Polyrhythmik, englisch: cross-rhythm, gleichzeitiges Auftreten verschiedener Rhythmen

Polyrhythmik ist integraler Bestandteil eines großen Teils der Musik, gleich welcher Art und Herkunft. Bezogen auf die Rockmusik ist Polyrhythmik schon in einfachsten Schlagzeug-Figuren, wie sie etwa Ringo Starr häufig benutzte – beispielsweise die Einleitung zu dem Song »Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band« (1967): Es handelt sich dabei um drei nebeneinander laufende Rhythmen, ausgeführt auf Bass Drum, Snare Drum und Hi-Hat. Starr trommelt auf der Bass Drum eine Viertel/Achtel-Figur, auf der Snare Drum eine Viertel Figur, auf der High Hat eine Figur in Achteln; metrisch liegt ein Vier-Viertel-Takt zugrunde.

So ist Rock- und Popmusik jeglicher Spielart polyrhythmisch, noch der banalste Pop-Song in der Hit-Parade kann ausgeklügelte Polyrhythmik aufweisen. Polyrhythmik unterschiedlichen Grades ist natürlich auch in Jazz und Kunstmusik allgegenwärtig.

Der Begriff selbst ist besonders in der Rock- und Jazz-Journalistik verbreitet und beliebt. Über die Gründe kann man nur spekulieren: Grundsätzlich ist die Aussage, dass eine Improvisation, eine Komposition oder ein Song Polyrhythmik aufweist weder in Jazz noch in Rock jemals falsch; gleichzeitig suggeriert der Urheber dieser Feststellung, dass er über besonders gründliche Kenntnisse hinsichtlich der Faktur von Musik verfügt, was aber sich kaum mit dem Hinweis auf Polyrhythmik beweisen ließe. Auch der bloße Gebrauch zahlreicher Perkussionsinstrumente weist nicht auf besonders avancierte Polyrhythmik hin, lässt sich diese doch schon mit einem einzigen Rhythmusinstrument herstellen – etwa mit einer Snare Drum: Rim Shot gegen Schlag auf das Fell. Dem gegenüber steht beispielsweise der Latin Rock, in dem zwei unterschiedliche Auffassungen von Rhythmus aufeinander prallen: Dem üblichen Rock-Rhythmus des Drum Sets – organisiert in beispielsweise viertaktigen Perioden – werden zwei jeweils zweitaktige Claves überlagert, wobei sich Reibungen aus der unterschiedlichen Teilung des Rhythmus ergeben.

Interessant kann Polyrhythmik auch beim gemeinsamen Auftreten mit Polymetrik sein, denn dann kann durch geeignete Rhythmen die Metrik hervorgehoben oder aber verschleiert werden. Bei zwei verschiedenen Taktarten – etwa Vier-Viertel und Drei-Viertel –, ergeben sich bei gleichem Tempo selbst bei vollkommen gewöhnlicher Ausführung der Rhythmen interessante Verschiebungen der Betonungen, wie folgendes einfaches Beispiel zeigt:

4-Viertel: 1 2 3 4 1 2 3 4 1 2 3 4 1 2 3 4
3-Viertel: 1 2 3 1 2 3 1 2 3 1 2 3 1 2 3 1 2 3