Pop Music

Pop Music, deutsch: Popmusik, unscharfer Begriff zur Bezeichnung von Musik, die nicht eindeutig der traditionellen Volksmusik, der traditionellen Kunstmusik europäischer Prägung oder dem Jazz zuzurechnen ist; die Grenze zur Rockmusik wie auch zu anderer Musik ist nicht eindeutig zu ziehen, zumal Rockmusik mitunter auch als Teil der Pop Music angesehen wird.

Der Begriff selbst ist schon vieldeutig: Als Abkürzung von Popular Music – deutsch Popularmusik – impliziert er eine maßgebliche Rolle des Volkes – lateinisch: populus –, das hier aber nicht eindeutig definiert ist. Popularmusik entsteht nicht im Volk, sondern wird in der Regel von kleinen Gruppen – Musikern, Technikern, Produzenten, Kaufleuten, Marketing-Fachleuten – nach ziemlich festen Regeln gemacht. Diese beschränken sich nicht auf die Gegebenheiten einer eventuell noch vorhandenen authenthischen Volksmusik, sondern nutzen jeglichen Einfluss. Wird das Volk als Objekt gesehen, also vorausgesetzt, dass Popular Music oder Popularmusik eigentlich »populär« meint, also populäre Musik im Sinne von »beliebter Musik«, so ist dem entgegenzuhalten, dass Musiker jeder Provenienz Musik machen, von der sie hoffen, dass sie populär wird; die tägliche Erfahrung zeigt, dass dies nur einem sehr geringer Teil der kompletten Musik gelingt. Mit anderen Worten: Setzt man populär die Eigenschaft unpopulär entgegen, so trifft es zwar zu, dass es unpopuläre Musik gibt – dies kann aber jede Art von Musik betreffen: Ludwig van Beethovens Sonate für Klavier Nr. 14 op. 27 Nr. 2 cis Moll (»Mondschein«-Sonate) ist allemal populärer als eine beliebige Platte der britischen Band Henry Cow.

In der Bedeutung popular als »für das Volk gemacht« impliziert der Begriff eine mehr oder weniger genaue Kenntnis der Erwartungen des Volkes – in diesem Falle besser: des Publikums. Einigen Zynismus bei den Herstellern dieser Musik vorausgesetzt, bekommt der Begriff damit einen abwertenden Sinn, etwa so, dass Pop Music für musikalisch unbedarfte Hörer fabriziert wird, Hörer, deren musikalische Interessen sich ganz leicht erkennen und befriedigen lassen. So wird der Begriff Popmusik oder auch Popularmusik als Synonym für den Begriff Unterhaltungsmusik verwendet und setzt damit wie dieser beim Adressaten augenzwinkernd voraus, dass der schon wisse, welche Musik gemeint ist.

Hintergrund ist natürlich, dass ein »Oben« und »Unten« konstruiert wird, »Ernste Musik« gegen »unterhaltende Musik«, »populäre Musik« gegen »artifizielle Musik« ausgespielt werden sollen. Wenn nicht gleich Begriffe wie »autonome Musik« und »absolute Musik« von vornherein weite Bereiche der Musik ausgrenzen und letzten Endes schwer anwendbar sind. Artifiziell – im Wortsinn »künstlich gemacht« – ist jede Musik, es gibt keine »natürliche Musik«; immer steht die Absicht eines oder mehrerer Menschen, Musik machen zu wollen, am Anfang von Musik. Selbstredend ist eine Sinfonie kein Popsong. Nirgendwo wird aber auch behauptet, dass ein Popsong eine Sinfonie sein will. Chuck Berry wollte mit Sicherheit zu keinem Zeitpunkt seines Lebens eine von ihm geschriebene Sinfonie in die Hitparaden bringen; ebenso wenig hätte Johann Sebastian Bach »Close To The Edge« (Yes; 1973) schreiben können, selbst wenn ihm die musikalischen Mittel zur Verfügung gestanden hätten. So wird deutlich, dass das, was Musik sein soll, von der Zeit abhängig ist, in der die Musik entsteht. An Einfalt wie Ignoranz ist auch die Einteilung in E- und U-Musik nicht zu übertreffen, und um dies zu belegen, braucht es noch nicht einmal Beweise.

Tatsächlich hat auch der Begriff Pop Music nicht nur eine Bedeutung. Schon in den USA, wo der Begriff wohl in den 1920er-Jahren geprägt wurde, zielt er auf etwas anderes ab als im Großbritannien – und dann im Europa – der 1960er-Jahre. Waren in den USA ursprünglich die auf Schallplatten verbreiteten sentimentalen Lieder gemeint, so galt der Begriff im Großbritannien der ausgehenden 1950er-Jahre eben jeder Musik, die nicht eindeutig der traditionellen Kunstmusik oder dem Jazz zuzurechnen war, schloss also etwa den Rock ’n’ Roll ein. In den 1960er-Jahren war Pop Music die Musik, die The Beatles, The Rolling Stones, The Kinks, The Who und andere Bands mehr machten. Dennoch verschwand der Begriff Beat nicht sofort und gegen Ende der 1960er-Jahre war der Begriff Pop Music (Popmusik) beinahe selbst außer Mode gekommen, lag jedenfalls im heftigen Widerstreit mit dem Begriff Rock. Doch gab es einen an Pop Art orientierten Nebensinn des Begriffs, auf den noch einzugehen ist.

So fanden sich in den Hitparaden der 1960er-Jahre Pop, Rock und Beat nebeneinander: Petula Clark und The Beatles, The Kinks und Herman’s Hermits, Sandie Shaw und The Rolling Stones, Jimi Hendrix und Tom Jones, The Scaffold und The Cream. Intern wurde natürlich differenziert: Die Konturen einer »neuen« Musik nach Beat und abseits von Pop waren erkennbar; es zeigte sich aber auch schon Trennendes: Hier die Musiker, die sich auf den amerikanischen Blues beriefen, dort die Musiker, die »progressive« Rockmusik – damit ist hier nicht in erster Linie gemeint: Progressive Rock – machen wollten, und dem nach oberen Plätzen in den Hitparaden schielenden Pop eine Absage erteilten. Diese Musiker sahen auch eine gewisse Verwandtschaft mit der neuen Rockmusik, die aus den USA kam und flugs den Begriff »Underground« angeheftet bekam: Als ob es neben der Ebene der quasi »offiziellen Popmusik« eine zweite, von Charts-Notierungen unabhängige und daher künstlerisch bedeutendere Ebene der Musik gäbe. Tatsächlich lassen sich die unter dem Begriff »Underground« – seinerzeit gab es einige Sammel-Platten, auf deren Cover der Begriff abgedruckt war – genannten Bands nicht allzu viele Gemeinsamkeiten. Wie sehr sich aber gegen Ende des Jahrzehnts die Musik aufspaltete, zeigten etwa Festivals wie Monterey, Woodstock und Isle of Wight. Das konnte selbst den einzelnen Musiker betreffen: Mark Volman und Howard Kaylan beispielsweise, Mitte der 1960er-Jahre bei der Pop-Band The Turtles, prägten um 1970 die Musik Frank Zappas in entscheidender Weise.

Bei The Turtles fand sich aber auch ein Stilmittel, das im Laufe der 1960er-Jahre für die Popmusik essentiell geworden war: die Ironie. Und als Mitte der 1960er-Jahre sich im Beat plötzlich Ironie, verbesserte Studiotechnik, instrumentales Können, Surrealismus und selbst Dada trafen, war die Nähe zur gleichzeitig beherrschenden Pop Art evident: Pop – und das ist der Nebensinn, der mit »populär« nichts zu tun hat – präsentierte das Überraschende, Auffällige, Disparate, manchmal Rätselhafte, Rücksichtslose, Provokative. Und genau das sollte auch auf die Musik zutreffen und äußerte sich dann in LP wie »Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band« – mit dem herkömmlichen Rock ’n’ Roll, wie die Amerikaner nicht müde werden, von jungen, mit Gitarren und Schlagzeug ausgerüsteten Männern gemachte Musik zu bezeichnen – hatte das nicht mehr viel tun, ebenso wenig mit dem Mersey Beat Anfang der 1960er-Jahre. Für kurze Zeit, wohl noch weniger als zwei Jahre lang, von 1966-1968 waren Bildende Kunst und Musik sich ähnlich und es war kein Zufall, dass die Pop Art sich in häufig vulgarisierter Form als Ausstattung von Platten-Covers zeigte.

So unterscheidet sich Pop vom Rock durch seine Unverbindlichkeit in der Wahl der musikalischen Mittel: Der einzige Sinn von Popmusik liegt darin, in die Top-Ten zu gelangen und möglichst viel Geld auf die Konten seiner Urheber fließen zu lassen. Dazu ist jedes musikalische Mittel recht, vor dem das Publikum nicht zurückschreckt. So findet sich natürlich auch Rock in der Popmusik, sie will aber keine Rockmusik sein. Beigaben exotischer Musik – meist in Form von Instrumenten – gehören ebenso zur Popmusik wie kompositorische Mittel der traditionellen Kunstmusik, der Abklatsch von Jazz wie der nachgeahmte Gassenhauer. Unter dem Strich ist Popmusik die universale Musik des kleinsten gemeinsamen Nenners – und deshalb ist kommerzieller Erfolg das einzige Kriterium der Popmusik.

Es bleibt natürlich die Schwierigkeit, Musik zu benennen, die eben das nicht sein will: bloße Hitparaden-Musik. Dafür ist der Name Rock lange verwendet worden, bis er selbst in Misskredit geriet. Ein Ersatz ist aber noch nicht gefunden und Musik wie sie z.B. Motorpsycho, Richard Barbieri, Kate Bush, Elephant 9, Anathema, Soap & Skin und viele andere machen, wird mit sinnlosen Etiketten versehen. So ist es kein Wunder, dass es in diesem Bereich der Musik eine Flut von Begriffen gibt, die das Wort Pop nutzen. Auffällig allerdings, dass Musiker ihre Musik in der Regel nicht benennen wollen, oft es sogar ablehnen, sie zu benennen. Pop ist vor allem der Begriff des Konsumenten.

Literatur

Gillett, Charlie: The Sound of The City; New York 1970; dt. Frankfurt/Main 1979
Kaiser, Rolf Ulrich: Rock-Zeit – Stars, Geschäft und Geschichte der neuen Pop-Musik; Düsseldorf/Wien 1972
Christgau, Robert: Any Old Way You Choose It – Rock and Other Pop Music, 1967-1973; Baltimore 1973
Palmer, Tony: All You Need is Love; New 1976; dt. München/Zürich 1977
Cable, Michael: The Pop Industry – Inside Out; London 1977
Jasper, Tony: British Record Charst 1955-1979; London 1979
Middleton, Richard/Horn,David: Folk or Popular? Dismntinctions, Influences, Continuities; Jahrbuch Popular Music 1; Cambridge 1981
Smith, Steve: Bits and Pieces – The Penguin Book of Rock and Pop Facts and Trivias; London 1988
Reynolds, Simon: Blissed Out – The Raptures of Rock; London 1990
Shuker, Roy: Popular Music – The Key Concepts; London/New York 1998/2002
Napier-Bell, Simon: Black Vinyl, White Powder; London 2002
Grasskamp: Das Cover von Sgt. Pepper – Eine Momentaufnahme der Popkultur; Berlin 2004