Produzent

Produzent, englisch producer, im einfachsten Fall der Aufnahmeleiter bei Schallplatteneinspielungen, tatsächlich aber eine Schlüsselfigur in der Rockmusik. Er zeichnet für die betreffende Plattenproduktion verantwortlich, er bestimmt unter Umständen die mitwirkenden Musiker, wählt die Songs, die auf die Platte kommen aus, prägt den Gesamtklang der Musikstücke und legt die Reihenfolge der Songs auf der jweiligne Veröffentlichung fest.

Der damalige Produzent – der zudem Aufgaben wahrnahm, die heute Sache des A & R-Managers sind – von Parlophone Records, George Martin, erreichte zum Beispiel, dass Pete Best nicht der Schlagzeuger der Beatles
blieb, sondern bekanntlich Ringo Starr dazu wurde – aber selbst dieser wurde bei den ersten Aufnahmen mitunter durch einen Studio-Schlagzeuger ersetzt. Bis in die 1960er-Jahre hinein entsprach es der Regel, dass ein führender Angestellter der Plattenfirma (oder eventuell ihr Besitzer, wie bei Sun, Atlantic Records und zahllosen Independent Labels) die Produzentenarbeit besorgte. Den Songschreibern Jerry Leiber und Mike Stoller gelang es am frühesten, als unabhängige Produzenten (freelance producer) aufzutreten und ihre Arbeit der betreffenden Schallplattenfirma anzubieten. Ihnen folgte der junge Phil Spector, mit dem der Produzent erst eigentlich ins Rampenlicht der Öffentlichkeit rückte. Spectors wall of sound wurde zur Qualitätsmarke, gleichsam zur Hauptsache, während seine verschiedenen Gruppen (The Chrystals, Bob B. Soxx & The Blue Jeans, The Ronettes) untereinander wie austauschbar erschienen. Eine Spector vergleichbare Person in England war zur gleichen Zeit Joe Meek, der für Decca unter manchen Hits auch Telstar> mit den Tornados produzierte (1962). Weltweit anerkannt wurde die bedeutende Rolle des Produzenten besonders, als George Martin die klanglichen Experimente der Beatles mit allen Mitteln förderte und sie seinerseits mit diversen technischen Neuerungen wie Tonbandcollage, elektronischen Musikinstrumenten und Phasing, aber auch mit musikalischen Verfahren wie Stilzitat und Streichersatz bekannt machte, wobei Martin seine gründliche musikalische Ausbildung zugute kam. Martin machte sich später selbständig und wurde, auch als Chef der Londoner Air Studios, zum begehrten Produzenten (etwa für Seatrain, Jeff Beck, John McLaughlin und Paul McCartney). Weitere bekannte Produzenten der 1960er- und 1970er-Jahre waren unter anderen Lou Adler (The Mamas & The Papas), Bob Thiele, Terry Melcher und Gary Usher (Surf-Gruppen), Frank Zappa (The GTO’s, Wild Man Fisher, J. Shankar), Todd Rundgren (Birtha, Daddy Longlegs, Steve Hillage), Tony Visconti (The Who, Eagles, Eric Clapton, Toningenieur bei The Beatles), Paul A. Rothchild bei Elektra Records, Ahmet Ertegun und Jerry Wexler bei Atlantic und Joe Smith bei Warner. Zu den bekannten Produzenten in England gehören Robert Stigwood und Mickie Most, während in Deutschland etwa die Namen Peter Hauke, Rolf-Ulrich Kaiser, Julius Schittenhelm, später Dieter Dirks, Conny Plank, Reinhold Heil und Udo Arndt zu nennen wären; die letzteren sind auch international anerkannt. An der Stellung des Produzenten hat auch Punk nichts verändern können, fast scheint es, als sei gerade der Produzent der Vermittler zwischen Band und Plattenindustrie gewesen, wie etwa der Produzent der frühen Sex-Pistols-Platten, Chris Thomas – obwohl Thomas alles andere als ein Punk war, hatte er doch schon Bands wie Procol Harum, Pink Floyd, Roxy Music und Badfinger produziert. Und tatsschlich hat es unter den Produzenten keinen Generationenwechsel gegeben, wenn auch neue Namen auftauchten. Trevor Horn etwa hatte als Musiker bei der Band The Buggles begonnen, war dann Mitglied der Progressive-Rock-Gruppe Yes, bevor er nur noch als Produzent arbeitete. Horn, der als einer der ersten Produzenten die Möglichkeiten des digitalen Studios und vor allem des Samplings erkannte und nutzte – nicht immer zum Wohle der mit ihm zusammenarbeitenden Gruppen –
produzierte beispielsweise auch die Liverpooler Gruppe Frankie Goes To Hollywood (»Welcome To The Pleasuredome«, 1984). Überragender Produzent der 1980er-Jahre in den USA war Bill Laswell. Laswell, zunächst Bassist der Free-Funk-Band Material, produzierte bald zahlreiche Gruppen und überschritt auch stilistische Grenzen. Gerade die beiden letzten Namen, Trevor Horn und Bill Laswell, zeigen, welchen Einfluss ein Produzent auf die von ihm betreuten Musiker und damit die Musik nehmen kann. Deutlich wird aber auch, dass selbst so eigenständige Köpfe wie Horn und Laswell nicht unabhängig von Moden sind und anderen Namen Platz machen müssen, wenn die Mode, wie eine Platte zu klingen habe, wechselt.
Tatsächlich zeigte sich aber auch gegen Ende der 1990er-Jahre, dass zwar einerseits neue Namen auf den Covers neuer Platten zu lesen war, die eben auch neue Musik enthielten, andererseits es aber auch wieder Produzenten gab, die mit den Großen der Rockmusik – wie etwa Johnny Cash – so kongenial zusammenarbeiteten, dass bemerkenswerte Alben entstanden. Zu der ersten Gruppe gehören z.B. Nellee Hooper oder Mark Ronson, zu der zweiten ganz sicher Rick Rubin.



Literatur

Tobler, John/Grundy, Stewart: The Record Producers; London 1982
Muirhead, Bert: The Record Producers File; Dorset 1984
Kooper, Al (mit Ben Edmonds): Backstage Passes; New York 1977
Martin, George: All You Need Is Ears; London 1979
Frith, Simon/Goodwin, Andrew (Hg.): On Record; New York 1990