Pub Rock

Pub Rock, nach englisch Pub für Kneipe, stilistisch nicht fest unmrissene Spielart britischer Rockmusik zwischen 1972 und 1975.

Der in den Musikzeitschriften Melody Maker und Record Mirror nachträglich geprägte Begriff bezeichnet die Musik von Gruppen, die in den Jahren zwischen 1972 und 1975 in Londoner Clubs, Lokalen und Pubs – besonders im Süden der Hauptstadt – auftraten. Pub Rock ist eine soziale Erscheinung, ein Zirkel (»circuit«), und die zu ihm gehörenden Musiker spielten bald in der einen, bald in einer anderen Formation. Dementsprechend fällt es nicht leicht, das Personal einer Band jeweils genau festzustellen. Zeitweiliges Ausscheiden, Aushelfen bei einer befreundeten Gruppe, unaufhörliche Umbesetzungen und Neugruppierungen kennzeichneten die Pub-Rock-Szene der genannten Zeit.

Im Wesentlichen ist daran festzuhalten, dass Pub Rock einen soziologischen, jedoch keinen musikalischen Ausdruck bildet, denn die Gruppen musizierten in den unterschiedlichsten Stilbereichen. Man missversteht also den Begriff Pub Rock, wenn man sich darunter eine bestimmte Musikrichtung vorstellt. Auch eine weitere verbreitete Meinung ist irrig, wonach Pub Rock die früheste Phase des Punk bildet; gleichwohl befanden sich unter den Pub-Rock-Formationen einige – wie etwa Dr. Feelgood -, die erst mit der Punk-Welle zum Zuge kamen – das handwerkliche Können der Musiker unterschied sich allerdings evident von dem der Punk-Gruppen der ersten Stunde. Andere wie Brinsley Schwarz sollten im Power Pop à la Nick Lowe eine wichtige Rolle übernehmen. Die am Pub Rock beteiligten Musiker waren meistens Endzwanziger, solche, die es beim großen Publikum und bei den Plattenfirmen nicht »rechtzeitig geschafft« hatten. Aus ehrlicher Abneigung widersetzten sie sich dem Starkult sowie dem von Pink Floyd, Genesis, Yes und anderen angeführten Progressive Rock und spielten stattdessen eine unkomplizierte, für eine kleinere Gemeinde bestimmte Musik, bei der man tanzen oder sich unterhalten konnte. Fesselten sie bei Live-Auftritten, so vermochten sie bei Studioaufnahmen nur selten eine gelöste Atmosphäre zu erzeugen. Manche der Platteneinspielungen überzeugen wenig, und dementsprechend flaute das anfängliche Interesse der Plattenfirmen bald ab. Die Promotion war – kaum überraschend – lahm oder gleich Null.

Bezeichnend für die Abwehrhaltung dieser Musiker gegenüber tatsächlicher oder auch nur vorgegebener »höherer Bildung« ist der humoristisch gemeinte Hinweis, der auf dem zweiten Album von Chilli Willi and the Red Hot Peppers von 1974 dem Plattenkäufer gilt: »Solltest du auf dieser Scheibe das Wort ‚Kultur‘ hören, so schick‘ sie als ein fehlerhaftes Erzeugnis zurück« (»Should you hear the word culture in this waxing, return as faulty product«).

Die wichtigsten Lokale der Pub-Szene hießen The Nashville Room, Kensington, Tally Ho in Kentish Town, Lord Nelson, Newland in Peckham und ab 1973 besonders Hope & Anchor in Islington, das über ein Aufnahmestudio verfügte und ein jedes Jahr wiederkehrendes Real Music Festival veranstaltete. Um aus der Routine der Pub-Auftritte herauszugelangen, versuchten später einige Gruppen auch in größeren Konzerten und sogenannten Package-Tourneen aufzutreten, in Tourneen also, bei denen an einem Abend mehrere Gruppen präsentiert wurden. Einen Höhepunkt solcher Tourneen bildete ein Naughty-Rhythms-Konzert im Rainbow Theater.

Eine Vielzahl von Gruppen zählen zum Pub Rock: Eggs Over Easy hieß eine US-amerikanische Band, die bereits Ende 1971 in Tally Ho gastierte und ein Jahr später von der urprünglich irischen Formation Bees Make Honey abgelöst wurde. Music Every Night, die einzige LP der Bees von 1973, zeigt stilistische Vielfalt von Rock ’n‘ Roll bis hin zu Country-Stücken. In einem vielschichtigen Ausdrucksbereich bewegten sich auch Mighty Baby, der bis zum Jazzrock und zu Anklängen an Free Music reichte. Help Yourself machten einen mehrfachen Gestaltwandel durch, verzeichneten unter den Mitgliedern vorübergehend auch den Gitarristen und späteren Produzenten Dave Edmunds (der auch Punk-Bands produzierte) und standen durch die Person von Sean Tyla auch mit Ducks Deluxe in Verbindung, einer Formation, die zwei vornehmlich an Rock ’n‘ Roll-Rhythmen ausgerichtete Alben herausbrachten. Berücksichtigt man, dass Ducks Deluxe-Mitglieder später in Gruppen wie Tyla Gang, The Motors, Battle Axe und Bram Tchaikovsky tätig wurden, so können sie tatsächlich als wichtige Vorläufer des Punk und des Hardrock der ausgehenden 1970er-Jahre angesehen werden. Bezeichnend, dass die Cover-Rückseite der LP von Bees Make Honey eine Danksagung an Brinsley Schwarz enthält (»for their example and encouragement…«). Brinsley Schwarz, um 1965-1969 als Kippintgon Lodge bekannt, standen mit dem später namhaften Produzenten Nick Lowe an der Bassgitarre tatsächlich in der vordersten Linie des Pub Rock. Sie spielten hervorragenden Country Rock und brachten mehrere Alben heraus, die zu den hörenswertesten dieser Stilrichtung in England gehören. Die Mitglieder der Gruppe tauchten während der Punk-Welle teils in Graham Parkers Rumour auf, teils nahmen sie Soloalben auf (Nick Lowe, Ian Gomm). Chilli Willi and the Red Hot Peppers um den US-Amerikaner Phil Lithman und den einstigen Mighty Baby-Gitarristen Martin Stone fingen mit Blues, Bluegrass und Western Swing an und verwendeten später auch Saxofon und Pedal Steel Guitar. Von diesem stilistischem Wandel zeugen ihre beiden Alben von 1972 und 1974. Die Anfänge von Slade (ursprünglich Ambrose Slade) reichen noch in die 1960er-Jahre zurück, und sie können daher kaum als Pub-Musiker betrachtet werden – wie es vielfach geschah -, sondern eher als ein musikalischer Ausdruck der (damaligen) Skinheads. Wohl aber lassen sich Legend unter Leitung von Mickey Jupp zu den Pub-Kreisen zählen, ebenfalls die von der Canvey Island stammenden Dr. Feelgood mit ihrem harten Rhythm & Blues. Weitere Bands waren Ace, Bandana, Charlie and The Wideboys, F.B.I. (Soulrock), The Funkees, G.T. Moore and his Reggae Guitars, Kokomo (ausgezeichneter Funk und Soulrock, gelegentlich Disco), die US-amerikanischen Westcoast-Mustern folgenden Kursaal Flyers, The Michigan Flyers, die gestaltungssicheren Moon, Pink Fairies und deren Vorläufer mit dem Namen Twink. Zum Punk leiteten die Gruppe Eddie & The Hot Rods (Rhythm & Blues) über, vor allem aber Kilburn & the High Roads, deren Sänger, der ehemalige Kunstlehrer Ian Dury aus Canterbury, ab 1977 zu einer Hauptfigur der New Wave und zum Dichter von witzigen und ironischen Texten werden sollte. Der Vollständigkeit halber seien noch Salutation, The Strutters und The Winkies genannt.

Um 1975 ging die einst blühende Pub-Szene immer mehr zurück, nicht zuletzt deshalb, weil sich ihr ursprünglicher Sinn ins Gegenteil verkehrte: Sie diente hauptsächlich nur noch dazu, unbekannten Gruppen zum Start und zu Star zu verhelfen. Der Pub wurde zu dem Boden, auf dem eine Star-Karriere ihren Anfang nehmen konnte. Ein zweiter Grund lag darin, dass die Besitzer der Lokale erkannten, Disco-Betrieb sei für sie billiger als Live-Bands. So wurden nicht wenige Pubs – etwa Lord Nelson – in Discotheken umgewandelt.

Diskografie

Ace: Five-A-Side (1974)
Ace: Time For Another (1975)
Bees Make Honey: Music Every Night (1973)
Brinsley Schwarz: Brinsley Schwarz (1970)
Brinsley Schwarz: Despite It All (1970)
Brinsely Schwarz: Silver Pistol (1972)
Brinsely Schwarz: Nervous On The Road (1972)
Brinsely Schwarz: Please Don’t Ever Change (1973)
Brinsely Schwarz: New Favourites (1974)
Chilli and the Red Hot Peppers: Kings of Robot Rhythm (1972)
Chilli and the Red Hot Peppers: Bongos Over Balham (1974)
Dr. Feelgood: Down By The Jetty (1975)
Dr. Feelgood: Malpractice (1975)
Ducks Deluxe: Ducks Deluxe (1974)
Ducks Deluxe: Taxi To The Terminal Zone (1975)
Ducks Deluxe: Don’t Mind Rockin‘ Tonite (1978)
Eddie & the Hot Rods: Teenage Depression (1976)
Eddie & the Hot Rods: Life On The Line (1977)
Help Yourself: Help Yourself (1971)
Help Yourself: Strange Affair (1972)
Help Yourself: Beware The Shadow (1973)
Help Yourself: Return Of Ken Whaley (1973)
Kokomo: Kokomo (1975)
Kokomo: Rise And Shine (1976)
Kilburn & the High Roads: Handsome (1975)
Kilburn & the High Roads: Wotabunch! (1978)
Kursaal Flyers: Chocs Away (1975)
Kursaal Flyers: Great Artist (1975)
Kursaal Flyers: Golden Mile (1976)
Legend: Legend (o. J.)
Legend: Moonshine (1971)
Mickey Jupps’s Legend (1978)
Mighty Baby: Mighty Baby (1969)
Mighty Baby: Jug Of Love (1971)
Moon: Too Close For Comfort (1976)
Moon: Turning The Tides (1977)
Pink Fairies: Never-Neverland (1972)
Pink Fairies: What A Bunch Of Sweeties (1972)
Pink Fairies: Kings Of Oblivion (1973)
Graham Parker & The Rumour: Howlin Wind (1976)
Graham Parker & The Rumour: Live At Marble Arch (1976)
Twink: Think Pink (1970).

Literatur

Sounds 12/1975
Sounds 1/1976
Zigzag No. 92; 3/1979