Punk Rock

Punk Rock, zusammengesetzt aus englisch punk für »Dreckskerl, Rabauke« und rock, Begriff, der für zwei zeitlich getrennte Perioden in der amerikanischen bzw. der britischen Rockmusik steht, die auch nur wenig gemein miteinander haben; der britische Punk als die bedeutendere Strömung von etwa Mitte der 1970er-Jahre bis zum Ende des Jahrzehnts von erheblichem Einfluss auf die Rockmusik überhaupt gewesen und stieß eine nahezu vollständige Umwälzung in der Rockmusik an.

Dabei ist »Punk« ein schillernder Begriff, der sowohl »Schund«, »wertloses Zeug«, wie »Vorstadtjunge« bedeuten kann. Dementsprechend lässt sich auch »Punk Rock« nicht eindeutig definieren. Noch 1977, in der zweiten Auflage von The New Musical Express Book of Rock, konnte Punk mit jenen »psychedelischen« Gruppen gleichgesetzt werden, die auf dem Sammelalbum »Nuggets: Original Artyfacts from the First Psychedelic Era« von 1972 vertreten; das von Jac Holzman, Gründer von Elektra Records, und Lenny Kaye, später Gitarrist in der Band von Patti Smith und danach erfolgreicher Produzent, zusammengestellt Doppelalbum enthält Aufnahmen aus den Jahren 1965 bis 1968. Tatsächlich handelt es sich bei den 27 Tracks der beiden LPs in erster Linie um Beispiele eines mehr oder weniger gelungenen Psychedelic Rocks; das Album enthielt aber auch Blues und Bluesrock. Den Begriff Punk brachte Kaye in seinen Liner Notes ins Spiel, nicht ahnend, dem Album dadurch die Rolle eines Vorreiters zu geben.
Dabei war der Begriff »Punk« als Bezeichnung für Musik 1972 nicht neu. Die ursprüngliche, ästhetisch abwertende Bedeutung des Begriffs ist auf der Plattenhülle von »The Golden Filth« der Fugs (1970) gemeint, wo bei der Besetzung scherzhaft angegeben wird »Ed Sanders: Punk«. »Sixties‘ Punk« ist demnach musikalische Konfektionsware von zeitlich-lokaler Eigenprägung; zu seinen Merkmalen gehören einfachste Harmoniefolgen, sich vielfach an die Musik der Beatles und der Rolling Stones anlehnende musikalische Wendungen, gepflegter chorischer Gesang und ein ausgiebiger Gebrauch von elektronischen Mitteln, das Beste ist häufig ein Gimmick, der allerdings vom Produzenten veranlasst wurde. Die Urheber von Punk Rock in diesem frühesten Sinn waren vornehmlich Jugendliche aus den gesicherten Verhältnissen der Mittelklasse, in der Regel Oberschüler, die über genügend musikalische Bildung und Inspiration verfügten, ein oder zwei LPs gerade noch hervorzubringen. Sie umgaben sich gern mit humoristisch gemeinten, phantastisch klingenden Bandnamen. Das genannte britische Rocklexikon versichert, dass The Troggs die erste englische Punkgruppe waren.

Die geschilderte Auffassung von »Punk« ist spätestens seit 1976 überholt. Im Zusammenhang mit der neuen Punk-Welle, äußerlich mit der Veröffentlichung der Single »Anarchy in the U.K.« 1976 von der britischen Band The Sex Pistols, »New Rose« (1976) von The Damned und »We Vibrate« (1976) von The Vibrators angestoßen, versteht man unter Punk den musikalischen Ausdruck von wirtschaftlichem Niedergang, Arbeitslosigkeit und Entfremdung in Großbritannien; die hart hämmernde, von jeder lyrischen Stimmung freie und unpersönlich wirkende Musik läuft in einem hektischen, durchgepeitschten Zeitmaß ab, Blues-Einflüsse zeigen sich kaum, die Stücke gehen bestimmt, ohne Fading, zu Ende. Die Texte drücken die Aggression, den Zynismus und die Hoffnungslosigkeit der britischen Jugendlichen um die Jahre 1974 bis 1978 aus.

Zu Recht ist 1977 das Jahr des Punk Rock genannt worden. Eine zentrale Rolle spielt in dieser ersten Phase des Punk der Manager der Sex Pistols, Malcolm McLaren, der mit aggressiven Methoden die Band bekannt machte und dabei auch die Medien instrumentalisierte – nicht durch die ansonsten übliche Anbiederung, sondern durch Abschreckung, die prompt dazu führte, dass die Musik der Band vom Rundfunk abgelehnt wurde. In Johnny Rotten, eigentlich John Lydon (* 1956), Sänger der Sex Pistols, hatte er den idealen, extrovertierten Transporteur seiner Ideen gefunden: Lydon war schon Mitte der 1970er-Jahre mit einem T-Shirt der Band Pink Floyd aufgefallen: Über den darauf gedruckten Bandnamen hatte er »I hate« geschrieben. Dies bedeutete nicht weniger, als dass die Musik der Sex Pistols wie anderer Bands sich als Gegenentwurf zur etablierten Rockmusik sah und vor allem in Pink Floyd den natürlichen Gegner.

Die US-amerikanische Variante dieser Welle trat nicht mit dem Charakter von radikaler Neuheit auf, sondern berief sich vielmehr auf frühere Gruppen von Hardrock wie The Flamin’ Groovies, MC5, The Stooges, Frijid Pink und Frost und mutet auch in musikalischer Hinsicht herkömmlicher an wie etwa die ersten Platten der Patti Smith Band, The Modern Lovers und anderer zeigen. Vielfach traten Musiker, die verhinderte Rock’n’Roller waren, als Punk Rocker auf, so etwa Robert Gordon. Nach Ausweis des Doppelalbums »CBGB’s Club, New York«, ließen sich die US-amerikanischen Gruppen kaum auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Der spätere Versuch, beispielsweise The Ramones, Patti Smith Group, Television und weitere mehr als die eigentlichen Urheber des Punk zu etablieren, lässt die Tatsache außer Acht, dass die Voraussetzungen für den amerikanischen Punk und für den britischen jeweils andere waren. Auch zeigt der direkte Vergleich von LPs wie etwa »Horses« (1975) oder »Radio Ethopia« (1976) der Patti Smith Group mit »Never Mind The Bullocks« von den Sex Pistols den eklatanten Unterschied hinsichtlich der Musik. Eine Ausnahme stellt sicherlich die Musik der Ramones dar, die auf den ersten Blick größte Ähnlichkeit mit der von The Sex Pistols oder The Clash aufweist, tatsächlich aber ihre Anregung aus älterer Rockmusik, etwa aus der ersten Hälfte der 1960er-Jahre bezieht.

Bereits um 1980 zeigte sich, dass Punk Rock zwar nicht selbst die erwartete Umwälzung der Rockmusik war, wohl aber die New Wave vorbereitete. Manch eine Gruppe, die zunächst als Punk-Rock-Gruppe angesehen worden war, zeigte sich nach 1980 weit entfernt von ruheloser Aggressivität und bloßer Drei-Akkorde-Musik. Exemplarisch könnten die beiden wichtigsten Punk-Bands, The Sex Pistols und The Clash für die gesamte Bewegung des Punk stehen: The Sex Pistols lösten sich nach einigen Singles und einer LP auf; der Sänger Johnny Rotten gründete Public Image Ltd, eine Band, die mit Punk nichts mehr im Sinn hatte. The Clash wandten sich überlegt gestalteter Musik zu, von der das Dreifach-Album »Sandinista!« (1980) beredtes Zeugnis ablegt. Punk hatte zu dieser Zeit – etwa 1980 – die Rockmusik schon völlig verändert. Die neuen Bands erteilten dem Progressive Rock der 1970er-Jahre eine deutliche Absage, saturierte Gruppen wie Yes, Gentle Giant, Kansas, Emerson, Lake & Palmer und viele andere gerieten in eine Krise, von der sich manche nicht mehr und andere erst gegen Ende der 1980er-Jahre erholten, dann allerdings häufig an die alten Erfolge anknüpfend. Punk brachte eine Renaissance für die Single – die Anfang der 1980er-Jahre ein erhebliches Umsatzplus verzeichnen konnte –, stellte den einfach konstruierten Song in den Mittelpunkt der Rockmusik und verhalf der Gitarre wieder zu einer Vormachtstellung. Auch die Plattenindustrie veränderte sich um 1980: Die jungen Bands hatten häufig Verträge bei kleinen unabhängigen Labels; neue Musik veröffentlichten die Labels Stiff und Chiswick, so dass die großen etablierten Gesellschaften bald nachzogen und ihrerseits neue Gruppen unter Vertrag nahmen. Die schnelle Reaktion der Plattenfirmen führte bald dazu, dass die kleinen Firmen in finanzielle Schwierigkeiten gerieten und von den großen aufgekauft wurden. Immerhin hatte sich unter diesen Umständen eine Vielzahl von Bands und Musikern etablieren können, die allerdings zumeist keine Punk-Rocker waren. Vielmehr war die Rockmusik nun, am Anfang der New Wave, in eine Vielzahl von Einzelstilen aufgesplittert, die mitunter völlig gegensätzliche Ziele verfolgten: wollten die einen an die Rockmusik vor den Beatles anknüpfen, so sahen andere die Rockmusik als eine Plattform an, auf der sie Musik machen konnten, mit der sie an die Avantgarde der Kunstmusik anknüpften.

Daneben ist im Punkrock aber auch Ursache für andere Veränderungen der Rockmusik zu sehen: Die Stellung der Frau in der Rockmusik wurde völlig umgewertet und der »Rockstar« verlor zumindest für einige Jahre an Bedeutung.

Wenn der Punkrock in der Form, in der er sich in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre präsentiert hatte, nicht lange überlebte, so gab es dennoch auch weiterhin Bands, deren Musik die Prämissen des Punkrock aufgriff. Zwar verschwand der Begriff und wurde durch Hardcore Punk oder auch nur Hardcore ersetzt, doch kann man die Musik etwa von Iggy Pop oder Henry Rollins als Punk ansehen, wie auch manche Band des Grunge in den 1990er-Jahren zumindest in ihren Anfängen Punk-Bands waren. Dieser Punk allerdings näherte sich wieder dem Hardrock an und hatte dann erheblichen Einfluss auf den Heavy Metal. Andere Bands, die ihre Musik als Punk verstanden wissen wollten, sind etwa Greenday und The Offspring, beide in ihrer durchaus ambitionierten Musik aber vom ursprünglichen Punkrock einigermaßen entfernt und unter Punks keineswegs unumstritten. In Deutschland, wo Punk-Bands wie etwa Hans-A-Plast (Hannover) oder PVC (Berlin) zu den bekannteren frühen Punk-Bands zählten, wurde der Begriff in Musik und Auftreten von Die Toten Hosen (Düsseldorf) und Die Ärzte (Berlin) am Leben gehalten.

In der Übersetzung des Wortes Punk mit »Rabauke, Dreckskerl« schwingt das Unangepasste mit, »Bürgerschreck« könnte eine weitere Übersetzung sein. Tatsächlich verschreckte das Auftreten der ersten Punks nicht nur Bürger, sondern auch die Hippies: Lange Haare waren verpönt, es dominierten kurze Haartrachten, die Haare wurden gefärbt, mit Zuckwasser und Haarspray zu bizarren Gebilden aufgetürmt, bunt gefärbt, der so genannte »Irokese« – ein schmaler Streifen Haar unterschiedlicher Höhe und Färbung längs über dem Schädel – eine beliebte Frisur, die es längst zu gesellschaftlicher Anerkennung brachte. Aus der Kleidung verschwand die Blue Jeans, schwarze, enge Hosen, oft mit mehreren Rissen versehen, mit Parolen und Logos bemalte schwarze Lederjacken, Ketten, Nieten, Armbänder mit Metallstacheln, zerrissene T-Shirts und schwarze Militärstiefel bestimmten die Uniform des Punk. Manche gingen noch weiter und stießen sich Sicherheitsnadeln durch Ohrläppchen oder Nasenscheidewand, andere schminkten ihre Gesichter und verwendeten vor allem die Farbe Schwarz. Aber schon gegen Ende des Jahrzehnts hatte sich diverse Embleme des Punks im Mainstream etablieren können und Farbsträhnen in Grün oder Pink konnte man spätestens 1980 selbst bei Polizistinnen bestaunen.

Die Ästhetik des Hässlichen und Abstoßenden präsentierte sich auch in den Veröffenlichungen: Plattencover und Drucksachen, etwa Fanzines, wurden bewusst mit einfachen Mitteln entworfen und gedruckt, selbst, wenn die einfachen Mittel vorgetäuscht werden mussten. Für Fanzines wurde der Umdrucker oder der Computer benutzt, es herrschte auch hier die Farbe Schwarz vor, Stempel und Schablonen sollten das Industrielle dieser Ästhetik unterstreichen. Die ästhetischen Ideale dieser Zeit lebten auch in der Typographie fort.

Ob Punk an sich politisch war, ist eine Frage des Standpunkts: Die Bewegung entstand aus einer Ablehnung der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse; insofern ist Punk natürlich politisch wie vor ihm schon die Bewegung der Hippies. Andererseits gibt es keine parteipolitischen Ausrichtung des Punk. Vielmehr – und darin dem früheren Hippie wie dem späteren Hiphopper ähnlich – besteht der Punk auf dem grundsätzlichen Wert des Menschen, auf seine Freiheit und auf gegenseitigem Respekt. Es konnte nicht ausbleiben, dass auch diese Maßstäbe einer geistigen Haltung eine griffige Bezeichnung erhielt: DIY Ethics – Do It Yourself Ethics

Diskografie

Nuggets: Original Artyfacts from the First Psychedelic Era 1965/1968 (1972)
Original Punk Rock. Live from the CBGB’s
Club, New York (1976)
Ramones: – (1976)
Live at The Rat (1976)
The Modern Lovers: – (1976)
The Moern Lovers: Rock’n’Roll with The Modern Lovers (1977)
Ramones: Sheena Is a Punk Rocker/I Don’t Care (1977; Single)
The Wackers: Tonite/Captain Nemo (o.J.; Single)
The Damned: – (1977)
Deaf School: Don’t Stop the World (1977)
Eddie and The Hot Rods: Teenage Depresssion (1976)
The Sex Pistols: Anarchy in the U.K./I Wanna Be Me (1976; Single)
The Sex Pistols: Pretty Vacant/No Fun (1977; Single)
A Bunch of Stiff Records (1977)
Fool’s Gold Chiswick Chartbusters Vol. 1 (1977)
The Roxy London WC2 Jan-Apr 77 (1977)

Literatur

Coon, Caroline: 1988. The New Wave – Punk Rock Explosion; London)
Julie Davis: Punk; London 1977
Chatterbox 11-12/79 und 1/80
Punk Rock oder: Der vermarktete Aufruhr; Frankfurt/Main 1978
Stark, Jürgen/Kurzawa, Michael: Der große Schwindel? Punk – New Wave – Neue Welle; Frankfurt/Main 1978
Ammann, Judith: Who’s been sleeping in my brain? – Interviews Post Punk; Frankfurt/Main 1987
Büsser, Martin: If The Kids Are United – Von Punk zu Hardcore und zurück; Mainz 2003
Lau, Thomas: Die heiligen Narren – Punk 1976-1986; Berlin 1992
Ott, Paul/Skai, Hollow (Hrsg.): Wir waren Helden für einen Tag – aus deutschen Punk-Fanzines 1977-1981; Reinbek 1983