Remix

Remix, auch Remixing, zusammengesetzt aus englisch re für »erneut, wiederum« und to mix für »mischen«, Bezeichnung für das erneute Abmischen einer vorhandenen Mehrspuraufnahme, um eine alternative Fassung zur ersten veröffentlichten Fassung eines Musikstückes zu erhalten; die Idee der alternativen Mischung ist zwar seit Einführung der Magnetbandtechnik präsent und in Maßen auch gebräuchlich gewesen, doch konnten sie erst mit der Verfügbarkeit von Mehrspur-Tonbandmaschinen ihr Potential entfalten.

In der Frühzeit der Tontechnik fanden Aufnahmen praktisch in Konzertatmosphäre statt: Wie im Konzert wurden Musikstücke komplett durchgespielt, die Musik direkt in die Master für die Schallplattenherstellung geschnitten. Im One-Take-Verfahren und im Direktschnitt überlebte diese Technik.

Als sich nach dem Zweiten Weltkrieg die in Deutschland entwickelten Tonbandmaschinen durchzusetzen begannen, wurde bald die Möglichkeit genutzt, über eine schon bestehende Aufnahme eine zweite auf das Band zu bringen; dieses Verfahren, bei dem der Löschkopf des Bandgerätes einfach ausgeschaltet wird, wurde Overdubbing genannt. Das Verfahren hatte den Nachteil, dass die Qualität der ersten Aufnahme durch das Aufspielen einer zweiten Aufnahme erheblich litt.

Mit Hilfe von Mehrspur-Maschinen wurde dieser Nachteil umgangen, da für weitere spätere Aufnahmen lediglich Spuren frei gehalten oder frei gemacht werden mussten. Es ergab sich zwar die Notwendigkeit, nach fertiggestellten Aufnahmen die vorhandene Mehrspuraufnahme auf zwei Kanäle abzumischen – um eben eine Stereo-Schallplatte herstellen zu können –, doch bot dieser Zwang auch die Möglichkeit der Produktion, also der Gestaltung von Musik nach dem Vorgang der Aufnahme. So wurde mit der Figur des Produzenten eine weitere Instanz im Schaffensprozess eingeführt. Der Produzent betrachtet die jeweils vorliegende Mehrspuraufnahme als Rohmaterial, aus dem er erst das musikalische Ereignis entstehen lässt. So greift er in das Vorhandene ein, stellt die Instrumente in einen imaginären Raum, fügt Hall, Echo und weitere Effekte ein, gewichtet die Rolle der einzelnen Instrumente und veranlasst unter Umständen weitere Aufnahmen. Das Ergebnis dieser Arbeit ist das erste Mastertape, das aber etwa schon seit den 1960er-Jahren nicht mehr die absolute Fassung der Musik ist, sondern eine erste autorisierte von unendlich vielen Alternativen.

So wurden schon in den 1960er-Jahren für die unterschiedliche Tonträger – Single und LP – auch unterschiedliche Abmischungen hergestellt. Mitunter ging es – wie etwa bei Chicagos Hit »25 or 6 to 4« (1970) – vor allem darum, eine kürzere Version eines Songs zu erhalten, mitunter aber auch um eine alternative Fassung – die Single-Fassung des Songs »Let It Be« (1970) weicht von der auf der LP veröffentlichten Fassung ab. Im Falle der Kürzung von »25 or 6 to 4« von Chicago handelt es sich indes nicht um ein Remixing – wenn auch dieselbe Technik verwendet wird –, sondern um einen Vorgang, der in der Musikproduktion Editing genannt wird. Editing war in der Rock- und Popmusik immer gegenwärtig, verstärkt allerdings seit Mitte der 1960er-Jahre, als die auf LPs vertretenen Songs häufig die der Single möglichen Spieldauer überschritt. Kürzungen waren also unumgänglich um einerseits für den Rundfunk, andererseits für den noch existenten Single-Markt Produkte anbieten zu können.

Die Möglichkeit, künstlerisch motiviert in vorhandenes Material einzugreifen, wurde in den 1970er-Jahren besonders von Reggae-Produzenten genutzt, die fertigen Songs alternativ Dub Versions beigaben, aber auch von Produzenten von Disco-Musik, die für den Gebrauch in Diskotheken mit der Maxi- oder Disco-Single auch einen passenden Tonträger zur Verfügung hatten. Disco-Fassungen sind stets Remixes. Meist waren diese Fassungen länger und auch hinsichtlich der Verteilung von Gesang und instrumentalen Teilen anders gewichtet.

Aufbauend auf diesen Disco-Remixes entwickelte sich das Remixing in den 1980er-Jahren zu einer eigenen Kunst, als Computer, Software-Sequencer und schließlich DAWs zur Verfügung standen. Digital Workstations erlauben es, Klangereignisse in jeder Hinsicht zu bearbeiten, wobei es von unschätzbarem Vorteil ist, die Klangereignisse auf den einzelne Spuren als Grafiken sehen zu können. Remixer müssen also keine Instrumentalisten sein, müssen von der Musik selbst nicht einmal unbedingt viel verstehen, sondern eher darin kreativ sein, im vorhandenen Material Alternativen zu entdecken. So entfernen sich viele Produzenten, die Remixes von vorhandener Musik anfertigen sollen, mitunter sehr weit von der ersten Abmischung.

Remixing bedeutet aber auch, dass es eigentlich keine verbindliche Fassung eines Musikstückes mehr gibt. Das Album »NSRGNTS RMXS« (2009) ist ebenso gültig wie das zugrunde liegende Album »Insurgentes« 2009 des britischen Rockmusikers und Produzenten Steven Wilson – der allerdings schon bei den Aufnahmen zu dem Album die Absicht hatte, einige Songs von anderen »remixen« zu lassen. Natürlich muss ein Komponist als Urheber von Musik damit einverstanden sein, wenn seine Musik als Grundlage eines Remix dient.

Im Zeitalter der DAWs verwenden im Bereich der Musik Urheber dieselbe Technik – Software, Computer – wie der Remixer. Im Falle von durch den Urheber gewollten Remixes kann dieser die entsprechenden Dateien natürlich dem Remixer zur Verfügung stehen. Grundlage der nicht-exakten Kopie, die ein Remix immer darstellt, ist damit das Original, jedenfalls in der letzten Fassung vor der Anfertigung es ersten Masterbandes – das in der Tat kein Band mehr ist.

Remixes haben eine gewisse Nähe zur Cover Version, doch ist der wesentliche Unterschied darin zu sehen, dass Remixer keine Ambitionen haben, an die Stelle des Urhebers bzw. des ersten Interpreten zu treten; die Grenze zwischen Cover Version und Remix ist allerdings unscharf. Allemal ist Remixing zu einer eigenen Kunstform innerhalb der Musik geworden. Die Bedeutung von Remixes kann auch daran abgelesen werden, dass Remixes mitunter bekannter und populärer als deren Vorlagen werden.

Remixes haben eine gewisse Ähnlichkeit mit Mashups, doch besteht der wesentliche Unterschied darin, dass die in Mashups enthaltene Musik von mehreren verschiedenen Interpreten bzw. Urhebern stammen kann und auch nicht verändert wird. Ebenso ist für Mashups nicht avancierte Technik notwendig, wie sie für heutige Remixes in der Regel verwendet wird.