Rhythm & Blues

Rhythm and Blues, abgekürzt R & B, in jüngerer Zeit auch RnB, war und ist keine eindeutige musikalische Gattung, sondern eine Sammelbezeichnung für die Musik der in den USA lebenden Afroamerikaner; klassischer Blues oder Jazz werden nicht zum Rhythm and Blues gezählt. Der Begriff erfuhr im Laufe der Jahrzehnte diverse Umwertungen, bezeichnet allemal aber Schwarze Musik oder an diese angelehnte Musik.

Ursprünglich ersetzte der ebenso euphemistische wie nichts-sagende Begriff die Bezeichnung Race Music, mit der die Musik schwarzer US-Amerikaner für schwarze US-Amerikaner belegt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Korea-Krieg konnten die schwarzen Bürger der USA – die in diesen Kriegen ihre Loyalität zu den USA bewiesen hatten – nicht mehr ohne weiteres ausgegrenzt werden. Der Begriff selbst ist älter und tauchte Anfang der 1940er-Jahre erstmals im Rahmen einer Auseinandersetzung der amerikanischen Verwertungsgesellschaft ASCAP mit einigen amerikanischen Rundfunkgesellschaften auf. Jahre später – 1949 – griff ihn der Billboard-Redakteur Jerry Wexler wieder auf und der damalige Redaktionsleiter der Zeitschrift – Paul Ackermann – benannte dann die bis dahin unter dem Begriff Race Music firmierende Hitparade des Branchenblatts in Rhythm and Blues um. Versammelt wurde unter diesem Begriff die Musik schwarzer Amerikaner, die für schwarze Amerikaner gedacht war; hatte diese Musik Erfolg beim weißten Publikum, so wurde sie eben in den entsprechenden Charts notiert.

Vordergründig handelt es sich bei Rhythm and Blues um einen rhythmisch gestrafften zwölftaktigen Blues, der in den 1940er-Jahren manche Stilmerkmale von Swing, Harlem Jump und Combo-Jazz in sich aufnahm und unter den schwarzen US-Amerikanern vor allem als Tanzmusik beliebt war; es gehörten aber auch Balladen zu den um 19650 veröffentlichten R & B-Platten. Manch eine Jazzmusiker-Karriere nahm ihren Anfang in einer Rhythm-and-Blues-Gruppe; der Tenorsaxofonist John Coltrane etwa spielte bei Earl Bostic. Die Verbindung des schwarzen Rhythm & Blues mit Elementen »weißer« Schlagermusik erfolgte in der Anfangszeit des R & B in der Kombination einer »schwarzen« Stimme mit einer Streichergruppe (Nat King Coles »Nature Boy«, basierend auf einem jiddischen Volkslied). In geglätteter Intonation, gereinigt von zweideutigen Wendungen, auch bereichert um den strophischen Aufbau der weißen Schnulze wie der C & W Music, somit insgesamt auch für Weiße annehmbar gemacht, war R & B eine der Wurzeln des Rock’n‘ Roll. Die alte Bezeichnung blieb indes noch lange Zeit erhalten; Chuck Berry z. B. hat seine Stücke als Rhythm & Blues aufgefasst (»Roll over, Beethoven, and dig these Rhythm and Blues… «). In England entstanden Anfang der 1960er-Jahre viele Gruppen, deren Interesse dem schwarzen Rhythm & Blues galt; in den Bandnamen kamen in der Regel aber nur das Wort Blues vor.

Es ist keine Frage, dass der Rhythm & Blues, der als Gattung neben dem Rock’n’Roll weiterhin bestand und auch heute noch eine Rolle im Gesamtbild der Rockmusik spielt. Doch liegt es schon in der Entstehung des Begriffs begründet, dass zur Musik, auf die der Begriff R & B angewendet wird, auch andere Bezeichnungen passen. Musiker, vor allem Gitarristen wie Johnny Winter, Stevie Ray Vaughn, Robert Cray und Johnny Guitar Watson wie überhaupt alle Bluesrock-Gruppen, können dem Rhythm & Blues zugerechnet werden; aber auch manches Stück von Eric Clapton oder den Rolling Stones ist unter dem Gesichtspunkt des rauen, städtischen Blues ein Rhythm & Blues-Stück. Andererseits geht auch die Musik vieler schwarzer US Amerikaner auf den Rhythm & Blues zurück, dessen Bedeutung eben darin liegt, dass mit ihm ein weißes wie ein schwarzes Publikum gewonnen werden konnte.

So ist der Doo-Wop der 1950er-Jahre wie der Soul der 1960er-Jahre ebenso unter Rhythm and Blues zu fassen wie die meisten Disco-Titel der 1970er-Jahre, ebenso die Musik etwa von Michael Jackson oder Prince in den 1980er-Jahren, und letzten Endes gehört auch der Hiphop in diese Kategorie, wenn der Hörer im Auge behält, dass mit der Bezeichnung nie die tatsächliche musikalische Faktur gemeint ist. Rhythm and Blues wird beispielsweise auch von der Band Texas, von Dana Fuchs oder Amy Winehouse und vielen anderen präsentiert, formal noch weit eher als in diversen Äußerlichkeiten. Auch die Umwertung in RnB ist tatsächlich nur scheinbar: Die Musik von beispielsweise Beyonce oder Jennifer Hudson, wird mit Fug und Recht als RnB, also als Rhythm and Blues bezeichnet, zielt sie doch nicht nur auf ein schwarzes Publikum, sondern erst recht auf das weiße. Der Begriff Contemporary Blues, der hier und da zu lesen ist, ist vollkommen überflüssig: Rhythm and Blues war immer die zeitgemäße schwarze Musik abseits vom Jazz, abseits vom klassischen Blues.

Andererseits ist es nicht sinnstiftend, etwa die Musik von The Who und einiger anderer weißer britischer Bands als R & B zu bezeichnen. Nahezu sämtliche Ingredienzien schwarzer amerikanischer Musik fehlen hier, abgesehen davon dass die Musik dieser britischen Band unter anderen Bedingungen entstand und andere Ziele verfolgte als etwa die Musik von Chuck Berry oder Wilson Pickett.

Diskografie

History of Rhythm & Blues I: The roots 1947 – 52 (o.J.)
History of Rhythm & Blues II:The Golden Years 1953 – 55 (o.J.)
History of Rhythm & Blues III:Rock & Roll 1956 – 57 (o.J.)
History of Rhythm & Blues IV:The Big Beat: 1958 – 60 (o.J)

Literatur

Shaw, Arnold: The Rockin‘ ’50s; New York 1974; dt. Rock’n‘ Roll. Die Stars, die Musik und die Mythen der 50er Jahre; Rein bek 1978
McCutcheon, Lynn Ellis: Rhythm And Blues; Beatty, Arlington/Virginia 1971
Alsmann, Götz: Die Anfänge: Rhythm & Blues, in: Chasin‘ A Dream; Köln 1989