Rhythmus

Rhythmus, altgriechisch rhythmos für »das Fließen«, in Tanz, Musik und Dichtung die Gestaltung der Zeit innerhalb eines fest vorgegebenen Rahmens (Metrum), im Falle von Musik pragmatisch betrachtet also die Ereignisse, die sich zwei Taktstrichen abspielen; dazu zählen nicht nur hörbare Ereignisse, sondern auch die Pausen.

Rhythmus und Metrum sind nicht da Gleiche, wenn die beiden Begriffe auch mitunter als gleich bedeutend gebraucht werden: Das Metrum gibt Anzahl und Lage der Schwerpunkte in einem Takt vor. So hat etwa der Drei-Viertel-Takt eine Schwerpunkt – auf der Zählzeit 1 -, der Vier-Viertel-Takt zwei Schwerpunkte – auf den Zählzeiten 1 und 3. Die anderen Zählzeiten in den beiden Taktarten – 2 und 3 beziehungsweise 2 und 4 – stellen keine Schwerpunkte dar. Die häufig anzutreffende Aussage, dass die Zählzeiten mit Schwerpunkten betont werden, stimmt für einen großen Teil der traditionellen Kunstmusik und trifft auch auf einen großen Teil von Rock, Pop und Jazz zu, nicht aber im Sinne eines unumstößlichen Gesetzes. Vielmehr kann in einem Stück für ein Ensemble die eine Stimme an diese Regel gebunden sein, eine andere nicht. Diese Möglichkeiten zu nutzen, wird mit der Gestaltung des Rhythmus erreicht. So kann der Rhythmus der einen Stimme das Metrum des jeweiligen Taktes verdeutlichen, eine andere Stimme dieses aber verschleiern. Der Rhythmus stellt dabei die rein quantitative Ordnung von Tondauern innerhalb eines Taktes dar.
So kann beispielsweise in einem Rockstück jedem Instrument – das sind etwa Bass Drum Snare Drum, Hihat, Crash Becken, Bass, Gitarre und Gesang – ein andrer Rhythmus zugeordnet sein. »In The Midnight Hour« von Wilson Pickett gibt ein authentisches Beispiel, wie mit rhythmischen Mitteln einige Stimmen – etwa Bass und Gesang – sich an die Schwerpunkte des Metrums binden, andere – vor allem die Snare Drum – aber gerade nicht, sondern durch Betonung der Zählzeiten 2 und 4 dieses geradezu in Frage stellen.
Wie die einzelnen rhythmischen Werte in Relation zum Ganzen des Taktes stehen, gibt die Taktart an: Im Vier-Viertel-Takt ist es das Viertel, im Zwölf-Achtel-Takt das Achtel. So sind bei der rhythmischen Gestaltung einer Stimme Werte durch Division wie durch Teilung möglich.
In der Rockmusik – die ihre Wurzeln unter anderem im Tanz hat – sind aus diesen grundsätzlichen Voraussetzungen einige Konventionen entstanden – ein typischer Rock-Rhythmus lässt sich eben wie oben beschrieben gestalten. Gleiches gab es in früherer Zeit schon: Gewisse historische Tanztypen wie Siciliano, Polka, Csárdás u. a. können den Rhythmus ganzer Stücke prägen und verließen mitunter auch den Bereich des Tanzes: Die Partiten und Suiten etwa von Johann Sebastian Bach übernahmen die rhythmischen Modelle, die bekannten Pattern, ohne dass jemand auf die Idee gekommen wäre nach einer Sarabande aus der B-Dur-Partita für Klavier wirklich zu tanzen.
Rhythmus hat im Übrigen auch nichts mit dem Tempo eines Stückes zu tun. Natürlich gibt es Grenzen der Ausführbarkeit, beispielsweise in einem Takt nicht beliebig kurze Werte prestissimo gespielt werden, doch bleiben die rhythmische Verhältnisse der einzelnen Notenwerte bei jedem Tempo gleich. Der Rhythmus selbst sagt nichts über das Tempo aus. Auch ist die Gestaltung eines Rhythmus nicht an ein Instrument gebunden; insofern ist die Bezeichnung »Rhythmusinstrument« für Schlaginstrumente falsch, denn jedes Instrument ist an den Rhythmus seiner Stimme gebunden. Auch ist es falsch, das Drum Set als ein Instrument zu sehen: Es handelt sich um eine Zusammenstellung einer mehr oder weniger großen Anzahl von Schlaginstrumenten, von denen jedes mit einer eigenen rhythmischen Stimme bedacht sein kann; Polyrhythmik stellt sich dabei quasi von selbst ein.
Es liegt auf der Hand, dass Metrum und Rhythmus Einfluss auf die gesamte Gestaltung eines Musikstücks haben. Aus der Sicht eines Schlagzeugers wird ein beliebiges Rockstück durch aus auf den Zählzeiten 2 und 4, also mit Einzelschlägen auf der Snare Drum betont. Aus der Sicht des Bassisten, des Rhythmusgitarristen und des Sängers muss das keineswegs so sein; bedeutende harmonische Wendungen finden nicht auf den Zählzeiten 2 und 4 statt, sondern auf den Zählzeiten 1 und 3. Und die Sänger noch so gewöhnlicher Pop-Songs legen Betonungen stets auf die Zählzeit 1.
Natürlich gibt es auch Möglichkeiten, mittels eines entsprechend konstruierten Rhythmus das Metrum zu verschleiern. Zu diesen Möglichkeiten zählen die Synkope und in Blues, Jazz und Rock der Off-Beat. Während die Synkope aber noch Rücksicht auf die Teilung des Rhythmus’ in ganzzahligen Werten Rücksicht nimmt, ist das beim Off-Beat nicht der Fall; letzterer kann daher in der traditionellen Notenschrift nur schwer erfasst werden.



Literatur

Riemann, Hugo: System der musikalischen Rhythmik und Metrik; Leipzig 1903
Viera, Joe: Grundlagen der Jazzrhythmik; Wien 1970