Rockmusik

Rockmusik, Kurzwort Rock, Sammelbezeichnung für die seit 1950 aus afroamerikanischer Folklore (Blues, Rhythm and Blues, Jazz) sowie amerikanischer Popular Music und Folklore (u. a. Hillbilly, Country and Western) entstandenen populären Musikstile.

Ihre gemeinsamen Merkmale sind naturhaftes Ausdrucksideal, körperhafte Gestik, Bluesdiktion in vokaler wie instrumentaler Melodik, eine standardisierte Grundbesetzung (Gesang, Gitarren, Schlagzeug) und eigenschöpferische Improvisation, außerdem elektroakustische Aufbereitung und Verstärkung sowie die Vermittlung durch Massenmedien. Der Begriff Rockmusik entstand etwa 1968, als die bis dahin synonyme Bezeichnung »Popmusik« infolge Verwischung stilistischer Grenzen vieldeutig wurde und seitdem auf jede Art von Unterhaltungsmusik angewendet werden konnte. Die Bezeichnung Rockmusik verweist besonders auf die schwarzen Ursprünge dieser Musik: die Rückbindung an den Blues mit Vorrangigkeit körperlich-sinnlicher Qualitäten (Drive, Funk) vor musikimmanenten Qualitäten (harmonische Vielfalt, experimentell-avantgardistische Orientierung, formale Komplexität).

Sie beginnt in den 1950er-Jahren mit der Ausbildung des Rock ’n‘ Roll, der sich in den USA als protesthafte Äußerungsform der Nachkriegsjugend aus dem als schwarze »race music« diffamierten Rhythm and Blues und dem Country and Western (Countrymusic) der Weißen gebildet hatte. Neue Impulse brachte um 1962 die britische Beatmusik, die einer sich international etablierenden jugendlichen Subkultur musikalische Selbstständigkeit gab. In der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre folgte die rasche Ausbildung neuer Stilarten (Folkrock, Soul, Jazzrock, Psychedelic Rock, Politrock, Ragarock, Classic Rock, Countryrock, Latin Rock). Gleichzeitig bildeten sich Gegenkulturen (Hippies, Gammler) aus, deren Hauptmerkmal die Protesthaltung gegenüber der etablierten Gesellschaft war. Der antibürgerliche (Musiker-)Held wurde zum Leitbild der rebellischen Jugendlichen. Der Protesthabitus der Rockmusik wurde jedoch bald kommerzialisiert und entschärft, die (aus Marktzwängen) notwendige Suche nach einem neuen »Sound« führte zur Abkehr vom ursprünglichen Stil der Rockmusik und vielfach zu schablonenhafter Massenware.

In der ersten Hälfte der 1970er-Jahre erreichte der Jazzrock einerseits, der Progressive Rock andererseits einen Höhepunkt. Daneben bestand eine Vielfalt von Stilen (u.a. Afrorock, Phillysound). Außerdem bildeten sich lokale und nationale Strömungen (»Rockrevivals«). In der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre erhielt die Rockszene mit dem Discosound und dem an die Ursprünge der Rockmusik anknüpfenden Punkrock wieder eine zunehmend internationale gleichartige Prägung, die durch die komplexe Weiterentwicklung zum New Wave ab 1978 allmählich wieder verloren ging. Frische Impulse kamen Anfang der 1980er-Jahre durch afroamerikanische Musikformen wie Funk, Reggae, Rap, House und Hip-Hop. Hinzu kam eine Wiederbelebung der aggressiven Urform der Rockmusik durch »Heavy Metal« (Varianten u.a. Speedmetal, Thrashmetal), die zur signifikanten Erscheinungsform des Rock der 1980er-Jahre wurde. Seit dem Ende der 1980er-Jahre ist die Rockmusik geprägt durch eine stilistische Vielfalt, die auch die Wiederbelebung älterer Stile (Revival) und eine Vermischung unterschiedlicher Richtungen einschließt. Daneben lassen sich einerseits eine Rückbesinnung auf den Song, z.B. in Form von gefühlvollen Rockballaden bei Hardrock-Gruppen, und andererseits, v.a. in Deutschland, eine Vorliebe für eine Techno genannte rein elektronische Tanzmusik erkennen. Mit Beginn des neuen Jahrhunderts wandten Rockmusiker sowohl in Großbritannien als auch in den USA sich wieder klassischen Mustern der Rockmusik zu, kenntlich am bevorzugten Einsatz der elektrischen Gitarre.

Literatur

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