Rockoper

Rockoper, englisch Rock Opera

1) Soviel wie Concept Album, also allgemein ein ausgedehnteres, auf Schallplatte zugängliches, rockmusikalisches Werk

2) Mit Rockmusik vertonte Handlung

Die ersten Versuche, Bühnenstücke mit durchgehender Handlung in der Ausdruckswelt der Rockmusik zu verfassen, wurzeln in der Musical-Tradition: Gesprochene Texte wechseln mit musikalischen Einlagen. Musicals wie »Viet-Rock« von Megan Terry (1966) und »Hair« von Ragni, Rado und McDermot (1968) werden vermutlich deshalb zur Rockmusik gezählt, weil in ihnen Stimmen des Hippiemilieus und der Subkultur eingefangen werden, wenn auch in einer geglätteten, verharmlosenden Aussage. »Jesus Christ Superstar«, ein weiteres Musical, das als Rockoper bezeichnet wurde, bildet ebenfalls ein üble Manipulation mit der neu-mystischen, scheinreligiösen Welle um 1970, der viele Jugendliche, unausgefüllt und desorientiert, ergeben waren. Der Komponist des Musicals, Andrew Lloyd Webber, war später mit weiteren Musicals äußerst erfolgreich.

Der Griff des Rockmusikers nach Gattungen und Formen der Bildungsmusik, der sich um die gleiche Zeit beobachten lässt, richtete sich auch auf die Oper. Zu den frühesten Rockopern gehören: »S. F. Sorrow« von The Pretty Things aus dem Jahre 1968 (Text von Phil May; in einer symbolgeladenen, sehr abstrakten Sprache wird die geistige Umnachtung eines Menschen geschildert, umwoben mit halbrealen Elementen wie dem Ersten Weltkrieg und der Luftschifftragödie in Lakehurst im Jahre 1937); »Tommy« von Pete Townshend aus dem Jahr 1969 (die Geschichte einer psychisch bedingten Blindheit, sich sehr stark an S. F. Sorrow anlehnend); »Arthur« von The Kinks aus dem Jahre 1969 (das trostlose Leben eines kleinen Mannes in England) und »Miss Butters« von The Family Tree (Vorläufergruppe von The Wackers) von 1969, vielleicht das bestorganisierte Exemplar der Gattung. Die früheste Rockoper ist wohl »The Story of Simon Simopath« der britischen Gruppe Nirvana aus dem Jahre 1967.

In den genannten wie in den späteren Versuchen tritt gleichwohl das Unfertige, ja Widersprüchliche der Gattung zutage. Ein Widerspruch ergibt sich aus der Darbietungsform. Die Rockoper erscheint gewöhnlich nicht auf der Bühne, sondern auf der optisch unanschaulichen Schallplatte. Ein eventuell beigegebenes Text- und Bildheft entschädigt kaum für das Fehlen von optischen Eindrücken, an die ein Opernpublikum gewöhnt ist. Ein weiterer Widerspruch besteht darin, dass die Rockoper einerseits das ist, was mit dem musikhistorischen Begriff eine »Nummernoper« genannt werden kann, d.h. eine Folge geschlossener Sololieder, Ensemble- und Chorsätze sowie rein instrumentaler Stücke wie Ouvertüre und Zwischenspiel (sprachliche Neugebilde wie »Underture« und »Outroduction« bezeichnen die abschließenden Abschnitte, also die Gegenstücke zu » Ouverture« und »Introduction«). Im Gegensatz zur älteren Nummernoper, deren dramaturgisch vorantreibende Handlungsmomente sich im Rezitativ vollziehen, kennt die Rockoper andererseits keine entsprechende Form, die – im Werk eingestreut – ihre Aufgabe darin erfüllt, dass sie frühere Ereignisse erzählt, gegenwärtige Handlung motiviert und Konfrontationen ermöglicht. Ohne solche Abschnitte aber bleibt die Rockoper statisch, und der Plattenhörer muss die fehlende Handlung an Hand der Begleittexte (wie bei »S. F. Sorrow« und »Tommy«) zum fragmentarischen Stück hinzudenken. Mit eben diesem Problem hatten auch die Verfilmungen von »Tommy« und der späteren Rockoper Townshends, »Quadrophenia« (1973) zu kämpfen; die Drehbücher umgingen diese Schwierigkeit durch Ergänzungen und Umschreibungen.

So bleiben die Rockopern, Amon Düüls »Made in Germany« von 1975 einbegriffen, impressionistische Phantasie-Bühnenstücke in dem Sinn, dass sie subjektive Eindrücke festhalten, Ichbekundungen und isolierte Handlungsbruchstücke aneinanderreihen, ohne sie zu einem logisch Verfolgbaren zu artikulieren. Jene Form, die ihrer Funktion nach dem Rezitativ der älteren Oper entsprechen würde, muss in der Rockmusik erst noch gefunden werden. Weniger spürbar würde das Fehlen von Rezitativen in einer Form werden, die man Rock-Oratorium bezeichnen könnte; umgekehrt würde man den genannten Rockopern wohl mehr gerecht, wenn man sie gleichfalls als oratorische Werke ohne durchgehende Handlung auffasste. Dass dies nicht geschah und geschieht, ist wohl dem werbewirksameren Begriff »Rockoper« anzulasten. Streng genommen unterscheiden sich Rockopern kaum oder gar nicht von manchen Concept-Alben. Allenfalls die Thematik – immer handelt es sich um einen unter schwierigen Umständen durch das Leben gehenden Menschen – lässt den Begriff Rockoper noch gerechtfertigt erscheinen.

Ohnehin ist die Gattung weitgehend ausgestorben. Selbst wenn hier oder da noch Platten erscheinen, die zu früheren Zeiten ohne weiteres als Rockoper apostrophiert worden wären, wird der Begriff etwa seit Mitte der 1970er-Jahre zumeist gemieden; auch dies ein Kennzeichen dafür, dass Begriffe in der Rockmusik weitgehend losgelöst von dem existieren, was sie zu bezeichnen meinen. So ist beispielsweise Pete Townshends Platte »Iron Man« ihrem ganzen Wesen nach nichts anderes als eine Rockoper wie »Tommy«, bezeichnet wird die Platte aber als Musical.

Diskografie

Nirvana: The Story Of Simon Simopath (1967)
The Pretty Things: S. F. Sorrow (1968)
The Family Tree: Miss Butters (1969)
The Who: Tommy (1972)
The Who: Quadrophenia (1973)
The Kinks: Arthur (1969)
The Kinks: Soap Opera (1975)
Influence: – (1968)
Pete Townshend: The Iron Man (1989)

Literatur

Halbscheffel, Bernward: Living In The Past. Rock-Opern, -Symphonien, -Suiten und Parodien, in: Tibor Kneif (Hg.): Rock in den 70ern; Reinbek bei Hamburg 1980