Schallplatte

Stichworte Single | Label | Acetate | Battle of Speeds| Album | Coloured Vinyl | Picture-Disc | Double Groove | Flexi Disk | EP | LP | Discografie | Cover-Gestaltung | Raubpressung | Cut-out | Anpressung | Bootleg



Schallplatte, englisch: record, auch disc oder disk, flache, kreisrunde Scheibe aus Kunststoffen wie Polyvinylchlorid (PVC), Polystyrol, Vinilyd oder – früher – aus Schellack, von unterschiedlichem Durchmesser (30, 25 und 17 cm bzw. 12, 10 und 7 inch). Die eng spiralförmig verlaufenden Rillen auf der Oberfläche enthalten Schallaufzeichnungen.

Eine Schallplatte entsteht, in groben Zügen wiedergegeben, wie folgt: Ein seitlich geführter Schneidstichel graviert bei gleichmäßiger Umdrehungszahl Schallrillen in das Material einer Lackplatte ein (die Tonfrequenzspannungen des Masterbandes werden dabei von einem Verstärker so weit verstärkt, dass sie den Schneidstichel zu entsprechenden Bewegungen veranlassen). Die hierbei entstehenden Wellungen der Rille entsprechen der Amplitude sowie der Frequenz der jeweils zugeführten Tonspannung – allerdings in einer verzerrten Form. Um nämlich Platz auf dem Kunststoffträger zu sparen, werden die Bässe des Signals stark abgesenkt. Dies geschieht nicht nach Gutdünken, sondern nach einer von der RIAA (Recording Industry Association of America) vorgegebenen Norm. Bei der Wiedergabe muss diese Verzerrung durch geeignete Filter wieder rückgängig gemacht werden. Im Laufe der Geschichte der Schallplatte kamen verschiedene Methoden des Schneidens zur Anwendung: Das von Edison in Zusammenarbeit mit der Firma Pathé entwickelte Tiefenschrift-Verfahren, die von Emil Berliner vorgestellt Seitenschrift, die von Alan Blumlein 1930 präsentierte Flankenschrift, mit der es möglich war, Stereoplatten zu schneiden, die auch von Mono-Tonabnehmern abgetastet werden konnte und das von Eduard Rhein erdachte Füllschriftverfahren, bei dem der Platz auf der Platte entsprechend der Amplitude des Signals variiert.
Eine Rille vereinigt dabei zwei Aufzeichnungen in einer komplexen Gesamtbewegung, in dem die innere Rillenwand bei Stereoaufzeichnungen den linken Kanal, die äußere Wand hingegen den rechten Kanal nachzeichnet. Von der so hergestellten Platte wird eine so genannte »Vaterplatte« (Negativ) angefertigt, indem die Oberfläche der Urplatte zunächst mit einer elektrisch leitenden Schicht, sodann – auf galvanischem Wege – mit einem Kupferbezug versehen wird. Beim Direct Metal Mastering (DMM), eingeführt von der Firma Teldec, wird der Schnitt in die Lackfolie umgangen und gleich in eine Kupferplatte geschnitten; dieses Verfahren wurde schließlich von den meisten Schallplattenherstellern angewendet. Aufgrund der Verringerung der Arbeitsschritte hat das DMM-Verfahren vor allem in Bezug auf die Erhaltung der hohen Frequenzen Vorteile.
Von der Metallplatte wird erneut eine Positivplatte abgezogen – die so genannte »Mutterplatte« um die Urplatte zu schonen. Erst eine nochmals hergestellte Negativplatte – die »Sohnplatte« – wird zur Pressung der in den Handel kommenden Platten verwendet. In
folge der Zeugung von Enkel- und Urenkelplatten sowie infolge der weitgehenden Wertverminderung der Platten mit erhabener Rillenschrift nach ein paar tausend Abdrücken, treten erhebliche Qualitätsunterschiede der Pressung unter ein und derselben Fabrikationsnummer auf. Besonders früher war es berechtigt, wenn Sammler von US-amerikanischen Platten dortige Pressungen gegenüber bundesdeutschen oder holländischen bevorzugten. Auch die Plattenstärke hat einen Einfluss auf die Wiedergabequalität. Die unterste mögliche Grenze hatte man in diesem Fall Mitte der 1970er-Jahre infolge der Ölkrise erreicht; Platten aus dieser Zeit sind wegen des damals tatsächlich herrschenden oder befürchteten Rohstoffmangels sehr dünn und daher leicht. Hochwertige Schallplatten wiegen bis zu 180 Gramm. Man unterscheidet zwischen Mono- und Stereoplatten; »verträglich« (combatible) nannte man in der Frühzeit der Stereotechnik jene Stereoplatten, die auch mono abspielbar sind. Noch bis Ende der 1960er-Jahre wurden von manchen Rockplatten sowohl Mono- als auch Stereofassungen hergestellt, beispielsweise von den meisten Singles der Beatles.
Stereophonie wurde die Regel, lediglich zu Zeiten des Punk-Rock gab es vereinzelt Mono-Platten in einer zuweilen erbärmlichen Klangqualität – zur Freude der einer entwickelten Technik wie differenzierten Klangwiedergabe überdrüssigen Fans. Schallplatten mit einem Durchmesser von 30,48 cm und einer Drehgeschwindigkeit von 33 1/3 U/min heißen Langspielplatten (LP) bzw. mit einer Drehgeschwindigkeit von 45 U/min 12-inch-Singles oder Maxi-Singles; Platten mit einem Durchmesser von 25,4 cm und einer Drehgeschwindigkeit von 45 U/min heißen 10-inch-Singles (die Laufgeschwindigkeit von 78 U/min ist nicht mehr gebräuchlich); Platten mit einem Durchmesser von 17,78 cm (7 inch) heißen Singles bzw. – wenn sie mehr als ein Stück pro Seite enthalten – Extended Players oder auch nur Extended Play (EP). Eine Besonderheit im Rockbereich stellt die LP «Wow« von Moby Grape (1968) dar, bei der vor einem Stück von 33 1/3 U/min auf 78 U/min umgeschaltet werden muss – ein Gimmick ohne einsehbaren Grund. Kein Gimmick dagegen waren die vom amerikanischen Rundfunk bis zur Einführung des Tonbandgerätes verwendeten Platten von 40 cm Durchmesser aus Metall, die ein einigermaßen aktuelles Hörfunkprogramm wie auch den Austausch von Audio-Beiträgen gewährleisteten; diese Platten sind Zeitdokument von hohem Wert und deshalb von Sammlern sehr gesucht..
Schallplatten bildeten das Herzstück der Rockmusik, in manchen Zeitabschnitten (Rock ‚n Roll 1950er-Jahre, Punk 1970er-Jahre) Singles, in anderen die LP (Progressive Rock 1970er-Jahre). Sie sind die primären Zeugnisse, nach denen man auch die künstlerischen Leistungen einer Rockgruppe
beurteilt. Nach der Markteinführung der Compact Disc sank der Verkaufsanteil der LPs stetig und schneller als erwartet; noch schneller sanken die Verkaufszahlen für Vinyl-Singles, doch erging es mit der flächendeckenden Verfügbarkeit des Internets mit der Möglichkeit des Downloads von Musikstücken der CD seit den 1990er-Jahren nicht anders.
Der 1877 von Thomas A. Edison erfundene Phonograph verwendete keine runden Schallplatten, sondern Zylinder aus Hartwachs. Zehn Jahre später baute Emil Berliner das erste Grammophon, für dessen Nutzung die flache, runde Schallplatte notwendig war. Der Vorteil der flachen Platte lag darin, dass sie mit entsprechenden Werkzeugen gepresst, also sehr schnell in großen Auflagen hergestellt werden konnte; das war mit der Walze Edisons nicht möglich. Berliners System setzte sich schließlich durch, wurde aber stetig weiter entwickelt: Edison stellte bereits 1926 die Langspielplatte vor, die zunächst aber auf wenig Resonanz stieß. Die LP wurde dann in technisch verbesserter Form 1931 von der amerikanischen Firma RCA Victor vorgestellt, konnten sich aber erst – abermals verbessert – nach dem Krieg ab 1948 durchsetzen. Auch die Abspielgeschwindigkeit wurde vereinheitlicht. In Deutschland leitete die Schallplattenfirma Deutsche Grammophon Gesellschaft 1951 die Markteinführung der LP ein. In Deutschland waren die ersten Stereoplatten 1956 verfügbar – die Technik war bereits 1931 patentiert worden.
An der Herstellung und Verteilung von Schallplatten sind viele Firmen beteiligt, oft sind diese aber unter einem Dach zusammengefasst; in gewisser Weise ähnelt das Schallplattengeschäft dem Buchhandel: Der Verlag ist in diesem Falle das so genannte Label – benannt nach dem Etikett in der Mitte von Schallplatten -, das Künstler unter Vertrag nimmt und bei der Auswahl nach dem jeweiligen programmatischen Schwerpunkt vorgeht. Stax Records beispielsweise veröffentlicht fast ausschließlich Platten mit Soul-Musik, Nuclear Blast Records nimmt nur Heavy-Metal-Rock in sein Programm. Das Label vereinbart mit den Vertragspartner die Dauer des Vertrag; oft gilt ein Vertrag für mehrere Veröffentlichungen, manchmal aber auch nur für eine einzig CD. Musiker oder Band produzieren die Platte entweder in einem dem Label gehörenden Studio oder buchen ein der freies Studios; produziert wird die Platte selten von den Musikern selbst, dagegen meist von einem bei dem Label fest angestellten oder einem freien Produzenten; die Entscheidungsgewalt über diese Frage hat meist das Label. Die fertige Produktion wird für den Verkauf aufbereitet. Dazu gehören Cover-Gestaltung und Konfektionierung; gerade in jüngerer Zeit wird ein Album – nunmehr handelt es sich um CDs -, in verschiedenen Ausstattungsvarianten hergestellt. Ein Vertrieb – auch dieser kann Teil der jeweiligen Firma sein, es gibt aber auch freie Vertriebe – übernimmt Lagerhaltung und Auslieferung an die Plattenläden. Die jeweilige Presseabteilung, die es allerdings nur bei größeren Labels gibt, übernimmt die Werbung sowie den Versand von Mustern an Rundfunksendern; die Industrie nutzt hier inzwischen die Möglichkeiten des Internets, versendet also oft keine physischen Tonträger mehr, sonder stellt ihn zum Download bereit. Auf realen Tonträgern besteht indes das Deutsche Musikarchiv, an das als Teil der Deutschen Bibliothek so genannte Pflichtexemplare eines jeden in der Bundesrepublik Deutschland veröffentlichten Schallplatte oder CD gegeben werden müssen.
Große Schallplattenfirmen wie beispielsweise Universal oder Sony versammeln unter ihrem Dach eine Vielzahl von Labels mit zum Teil speziellen Programmen. Labels werden mitunter schnell gegründet, ausgebaut, wieder still gelegt oder verkauft; künstlerische Erwägungen spielen in den seltensten Fällen eine Rolle, sondern allemal geht es um den Handel mit und das Kanalisieren von Rechten.
Der Konsument in der Bundesrepublik Deutschland sieht sich einem der größten und reichhaltigsten Angebote an Tonträgern weltweit gegenüber. Zum Hören der Schallplatten benötigt er aber nicht nur den Tonträger selbst, sondern auch Abspielgeräte. Im Laufe der Zeit folgten die technische Entwicklung von Abspielgeräten – vom Edison Phongraphen bis zum HiFi-Plattenspieler mit USB-Schnittstelle – der Entwicklung der Schallplatte. Zuletzt waren Geräte üblich, die ein magnetisches Tonabnahmesystem besaßen, auf zwei Geschwindigkeiten (33 U/min, 45 U/min) eingestellt werden konnten und deren technische Ausführung keine Raum mehr für Verbesserungen ließ. Für DJs wurde der Plattenspieler zum Handwerkszeug. Gab es früher eine regelrechte Industrie, die Plattenspieler herstellte, so sind es mittlerweile nur noch einige wenige Hersteller, die Plattenspieler im Angebot haben. Für die Verstärkung der vom Tonabnehmer des Plattenspielers gelieferten Tonspannung ist ein Verstärker notwendig, ebenso werden natürlich Lautsprecher oder Kopfhörer benötigt. Das Signal, das magnetische Tonabnehmersysteme liefern, muss in einem besonderen Entzerr-Vorverstärker entzerrt werden. War dieser Verstärker früher obligater Bestandteil von Stereoverstärkern, so muss er heute in aller Regel separat erworben werden. Früher übliche so genannte Kristall-Tonabnehmer benötigen keinen besonderen Entzerr-Vorverstärker.
Schallplatten sind nach wie vor erhältlich, von vielen aktuellen Alben werden auch LPs gepresst. In manchen Musikstilen – House, Techno, Hiphop, Drum ’n’ Bass – werden sie von vielen DJs nach wie vor bevorzugt. Die Frage, ob Schallplatten »besser« klingen als digitale Tonträger, lässt sich nicht beantworten; mechanisch anfälliger ist die Schallplatte allemal und auch Frequenzbereich wie Dynamik sind gegenüber der CD kleiner. Das untrennbar mit dem Abspielen von Platten verbundene Knistern – herrührend von Staub und elektrischer Ladung – wurde in Zeiten digitaler Tonträger sogar zum künstlerischen Stilmittel.
Die Schallplatte ist als Gegenstand längst selbst zum Forschungsobjekt geworden. Die entsprechende Zweigwissenschaft ist die Diskologie, die auf mehreren Feldern ihre Betätigungsmögklichkeiten findet: Geschichte des Mediums, Wirkung und Technik gehören dazu. Unerlässlich für die Wissenschaft ist die Zusammenarbeit mit Plattensammlern, die weniger Interesse an der Musik haben, als an dem Medium selbst und deshalb akribisch Platten sammeln, Matrizennummern entziffern, exotische Formate horten und Label-Historien anfertigen. Die Geschichte der Schallplatte ist in jeder Hinsicht reich an Kuriositäten.

Diskografie

Moby Grape: Wow (1968)

Literatur

Belz, Carl: The Story of Rock; New York/Evanston/San Francisco/London 1972
Schulz-Köhn, Dietrich: Die Schallplatte auf dem Weltmarkt; Berlin 1940
Gelatt, Roland: The Fabolous Phonograph 1877-1977; London, 2. Auflagee1977
Chapple, Steve/Garofalo, Reebee: Rock’n’Roll Is Here To Pay – The History And Politics Of The Music Industry; Chicago 1977; dt.; Wem gehört die Rockmusik?; Reinbek bei Hamburg 1980
Haas, Walter: Das Jahrhundert der Schallplatte; Bielefeld 1977
Denisoff, Serge: Solid Gold. The Popular Record Industry; Edison, N.J. 1975
Frith, Simon/Goodwin, Andrew: On Record; New York 1990
Fink, Michael: Inside The Music Bussiness; New York/London 1989)
Krieg, Bernhard: Tonaufzeichnung analog. Mit Platte und Magnetband bis an die physikalischen Grenzen; Aachen 1989
Wonneberg, Frank: Vinyl-Lexikon – Wahrheit und Legende der Schallplatte. Fachbegriffe, Sammlerlatein und Praxistipps; Berlin 2000. 2., überarbeitete Auflage 2007