Spiritual

Spiritual, englisch für etwa »geistlicher Gesang«, der oder auch das, in der schwarzen Bevölkerung der USA im 19. Jahrhundert entstandene Gesangsgattung, die im Gegensatz zum Gospel ihre Wurzeln außerhalb des Gottesdienstes hat; der Ausdruck Negrospiritual ist veraltet.

Der Spiritual orientierte sich in seiner Konstruktion an protestantischen Kirchenliedern, war jedoch in seiner Primärform von Händeklatschen, Fußstampfen, ekstatischen Zurufen und Tanzbewegungen begleitet. Seine Themen entnahm er zumeist dem Alten Testament, während der spätere Gospelgesang Geschehnisse und Maximen aus dem Neuen Testament aufgriff und ausschmückte. Im Sinne der unter den schwarzen US-Amerikanern verbreiteten Verstecksprache waren die unterdrückten Sklaven in den USA gemeint, wenn vom besiegten und unterjochten Volk Israel die Rede war.

Spirituals dürften die erste Form spezifischer Musik der schwarzen Bürger der USA gewesen sein, mit denen das Publikum in Europa konfrontiert wurde: Nach Beendigung des amerikanischen Bürgerkriegs 1865 war in Nashville die Fisk University gegründet worden, die erste Universität für Schwarze. Um das Vorhaben finanzieren zu können, wurde ein Chor zusammengestellt, der zunächst die USA bereits, 1878 aber unter dem Ensemble-Namen The Fisk Jubilee Singers in Europa auf Tournee ging. Der aus einem knappen dutzend Sängerinnen und Sängern bestehende Chor trat mit großem Erfolg auch im deutschen Kaiserreich auf. Das Repertoire des Ensembles umfasste etwa 125 Spirituals, darunter bis heute bekannte Lieder wie »Swing Low, Sweet Chariot«, »Roll Jordan Roll«, »Go Down Moses« und »Deep River«. Motive der Texte finden sich hier und da auch im Blues, etwa das des Flusses: Jordan ist ein Bild für den Míssissippi.

In den Solokonzerten von Sängerinnen und Sängern, in Auftritten kultivierter Gesangsensembles haben Kunst und Kommerz schließlich über das gesiegt, was einst ein spontaner Ausdruck einer tief empfundenen Religiosität war. Spirituals sind als eine der Wurzeln späterer schwarzer Musik der USA anzusehen, erkennbar etwa noch im Soul und selbst noch in der verklausulierten Sprache des Rap, doch scheint die Tradition allmählich zu verblassen. Chöre, wie etwa die Edwin Hawkins Singers, pflegen den religiös konnotierten Gesang und haben sowohl Spirituals wie Gospel-Songs in ihrem Repertoire.

Literatur

That’s Jazz – der Sound des 20. Jahrhunderts; Darmstadt 1988 (Ausstellungskatalog)
Jahn, Janheinz (Hrsg.): Negro Spirituals; Frankfurt/Main 1962