Strophe

Strophe, von altgriechisch strophé für »das Drehen, Wendung«, englisch: stanza, stave und verse, dichterische Form, die aus mehreren auch als Versen bezeichneten Zeilen besteht; die Verse laufen zumeist in Reimen aus. Die Struktur der Reime weist eine große Vielfalt auf, etwa ABAB, AABB, ABCDB und weiteren mehr. Das Versschema des »Abendlieds« von Matthais Claudius (* 1740, † 1815), nach seiner ersten Zeile auch oft »Der Mond ist aufgegangen« genannt, beispielsweise AABCCB:

»Der Mond ist aufgegangen (A)
Die goldnen Sternlein prangen (A)
Am Himmel hell und klar; (B)
Der Wald steht schwarz und schweiget, (C)
Und aus den Wiesen steiget (C)
Der weiße Nebel wunderbar« (B)

In der angelsächsisch geprägten Rockmusik kommt das Schema ABCB besonders häufig vor; eine Strophe mit diesem Versschema wird nach einer Ballade aus dem 15. Jahrhundert auch als Chevy-Chase-Strophe bezeichnet. Mehrere Strophen ergeben ein Gedicht; das »Abendlied« von Claudius hat sieben Strophen.
Außer einfachen Strophen werden in der Rockmusik Strophen mit Refrain – auch dieser Begriff wie der der Strophe aus der Literatur-Beschreibung stammend – und diese Lösung bildet sogar die Regel. Während der Strophenteil, das Couplet, neue Inhalte bringt, wiederholt sich der Refrain im Text, häufig nur noch in der Musik, wort- bzw. notengetreu. Die Strophe hat meist die gleiche, seltener eine variierte musikalische Gestalt. Dagegen treffen unter sich gleiche Reime nicht immer mit gleichen musikalischen Motiven zusammen. Vielmehr entsteht in der Musik eine Formengliederung, die sich mit der der Musik nur teilweise deckt. Übereinstimmung oder Diskrepanz zwischen Musik und Text bilden dabei eine künstlerisch beabsichtigte Spannung.
Der Begriff Strophe ist nur in Grenzen deckungsgleich mit dem englischen Begriff »Verse«, noch weniger ist es der Begriff »Refrain« mit dem englischen Begriff »Chorus«, zumal es zusätzlich auch im Englischen den Begriff »Refrain« gibt. Im Auge behalten werden muss auch, dass diese Begriffe allesamt aus der Beschreibung und Formanalyse von Literatur stammen und aus dieser auf die Musik angewendet werden.
Im Laufe der 1960er-Jahre wurden besonders in der britischen Rockmusik diverse Liedschemata verwendet, neben denen der amerikanischen Pop Music auch die aus amerikanischer und englischer Folk Music, und miteinander vermischt. Die Entwicklung der Rockmusik gegen Ende der 1960er-Jahre wie auch die Herausbildung des Progressive Rocks zeigt sich vor allem in der freieren Handhabung der Formteile der Lieddichtung.


Literatur

Kaiser, Ulrich/Gerlitz, Carsten: Arrangieren und Instrumentieren -Barock bis Pop; Kassel 2005
Jeßing, Benedikt/Köhnen,Ralph: Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft; Stuttgart 2007
von Appen, Ralf/Frei-Hauenschild, Markus: AABA, Refrain, Chorus, Bridge, PreChorus – Songformen und ihre historische Entwicklung, in: Helms, Dietrich/Phleps, Thomas (Hg.): Black Box Pop – Analysen populärer Musik; Bielefeld 2012
Kramarz, Volkmar: Die PopFormeln – Die Harmoniemodelle der Hitproduzenten; Bonn 2006
Covach, John: Leiber and Stoller, the Coasters, and the „Dramatic AABA“Form, in: Spicer, mark/Covach, John (Hg.): Sounding Otu Pop – Analytical Essays in Popular Music; Ann Arbor (Michigan) 2010


Weblinks

http://www.musiktheorie-aktuell.de/tutorials/popformeln.aspx (Website mit einem Tutorial zur Formbildung in der Rock- und Popmusik)
http://www.icce.rug.nl/~soundscapes/DATABASES/AWP/awp-notes_on.shtml (Website mit Analysen sämtlicher Songs der Beatles)