Swing Jazz

Swing Jazz, zusammengesetzt aus englisch Swing für »Schwingen, Schwingung« und englisch Jazz als Bezeichnung für eine bestimmte Ausprägung afro-amerikanischer Musik, auch nur Swing, Jazz-Stil der Jahre zwischen etwa 1930 und 1945, der von großen Instrumentalensembles, so genannten Big Bands, geprägt ist; im Deutschen wird allgemein zwischen dem Jazz-Stil Swing, dann groß geschrieben, und swing, klein geschrieben, als Bezeichnung für ein metrisch-rhythmisches Phänomen unterschieden.

Nach den frühen Jazz-Stilen, die in New Orleans und Chicago entstanden waren, bildete sich der Swing Jazz etwa seit 1930 in den großen Städten der USA heraus. Nicht zuletzt unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre suchten Jazzmusiker in großen Ensembles das ökonomische Überleben. Der Typus der Big Band, wie er stilprägend für den Swing Jazz wurde, basiert im Grunde auf einer Verstärkung der Bläsergruppe in den früheren kleineren Ensembles: Statt jeweils einer Trompete, einer Klarinette und einer Posaune waren es jeweils mindestens drei Instrumente. Die Klarinette wurde durch die Saxophone weitgehend, aber nicht vollständig verdrängt, so dass zu einer üblichen Big Band etwa zwei Altsaxophonisten, zwei Tenorsaxophonisten und ein Baritonsaxophonist gehören konnte. Die große Besetzung ermöglichte auch den Einsatz einzelner Instrumente wie Querflöte, Klarinette und Bassposaune zur Anreicherung der Klangfarben. Schließlich wurden die Instrumentalisten auf die Rhythm Section einerseits – Klavier, Kontrabass, Schlagzeug, Gitarre, eventuell Vibraphon oder auch Xylophone – und Melody Section – Blech- und Holzblasinstrumente – andererseits verteilt.

Die Größe der Band wie auch ihre Möglichkeiten in der Klanggestaltung machten die Figur des Arrangeurs notwendig, zumal auch die Kollektivimprovisation der früheren Jazz-Stile zugunsten der solistischen Improvisation aufgegeben wurde. In dieser Hinsicht ähneln die Big Bands der Swing-Ära den Orchestern beispielsweise eines Paul Whiteman, in denen so genannte »Hot«-Solisten als Instrumentalstars jazzähnliche Soli spielten – eingebettet in ansonsten durchaus gängige Salonorchester-Musik. Der Arrangeur, der häufig fest mit einem bestimmten Orchester zusammenarbeitete, bestimmte wesentlich die Klangfarbe der Band.

Das Repertoire der Big Bands bestand im Wesentlichen aus Songs aus dem frühen Tonfilm und aus Musicals, aber auch aus der seinerzeit gängigen Popmusik, also Schlagern; der Blues spielte ein untergeordnete Rolle. So engagierten die meisten Big-Band-Leiter auch Sängerinnen und Sänger, die für einige Songs vor die Band traten. Eine wesentliche Bedeutung kommt dem Rundfunk als Verbreitungsmedium zu, denn einige Big Bands – so beispielsweise die von Benny Goodman – trat regelmäßig in wöchentlich »Radio Shows« auf. Swing Jazz war zudem weniger eine Konzertmusik als Tanzmusik und erreichte damit auch ein Publikum, das dem Jazz selbst möglicherweise eher fernstand. Das Engagement der USA auf den Schauplätzen des 2. Weltkriegs in Asien und Europa sorgte durch die Betreuung der Truppen zudem für eine nahezu weltweite Verbreitung des Swing Jazz der Big Bands.

Innerhalb der Big Band entstanden aber schon früh kleinere Formationen bis hin zum Piano-Trio. Diese Gruppen traten häufig während so genannten »After Show«-Veranstaltungen auf. Bei diesen Konzerten erhielt die Improvisation einen weit größeren Stellenwert als es im reglementierten Gefüge einer Big Band überhaupt möglich war.

Als nach dem 2. Weltkrieg es zunehmend schwieriger wurde, Bands dieser Größe ökonomisch abzusichern, waren es eben diese kleinen Gruppen, die den Bebop vorbereiteten: Die Musiker, die nachts in New York in Mintons Playhouse auftraten, gehörten zu Big Bands oder hatten ihnen zumindest zeitweise angehört.

Der Swing Jazz war Ende der 1940er-Jahre Teil einer vergangenen Epoche, doch überlebten die Stilmittel dieser Musik. Einerseits gab es weiterhin einzelne Big Bands – bis hin zu so genannten Ghost Bands – und die Besetzung einer Big Band ist zum Topos auch in Rock- und Popmusik geworden. Andererseits hatte die Swing Ära die Möglichkeit der Ausprägung einer Jugendkultur – zu der neben der Musik Tanz, Film und Kleidung wie auch eine eigene Sprache gehörten – nicht nur angedeutet. Auch die Bedeutung des Arrangeurs für Musik, die ein großes Publikum erreichen soll, ist seitdem ungebrochen und wurde in der Rock- und Popmusik zumindest teilweise dem Produzenten übertragen. Schließlich war der Swing Jazz die erste Musik, für deren Erfolg nicht nur das Konzert und die Schallplattenaufnahme standen, sondern auch der Rundfunk.

Der Swing wurde aber auch von Musikern übernommen, die nicht zu Big Bands gehörten. So entstand etwa der so genanten »Zigeuner-Swing« und der Western Swing. In beiden Ausprägungen der Musik finden sich die Stilmittel des Swing Jazz als da sind: Vier-Viertel-Takt, die relativ einfache Harmonik populärer Vokalkompositionen, Bevorzugung diverser Liedformen.

In der Rockmusik werden mitunter Bands wie Chicago, Chase und Blood, Sweat & Tears als Big Bands bezeichnet. Aus dem Blickwinkel der Rockmusik mit ihren Quartetts und Quintetts sind dies Bands, zu denen zwischen sieben und zwölf Musiker gehören, in der Tat Big Bands, also große Bands, doch erreichen sie in der Regel nicht die Stärke der Bands des Swing Jazz. Eine veritable Big Band war dagegen CCS mit Alexis Korner.

Literatur

Schuller, Gunther: Early Jazz – Its Roots and Musical Development; New York/Oxford 1968
McCarthy, Albert: Big Band Jazz; New York 1974
Niels-Henrik Heinsohn: Das Big Band-Konzept von Mel Lewis: Time, Swing, Sound, didaktische Potentiale; Saarbrücken 2010