Tanzmusik

Tanzmusik, Musik, die sich aufgrund ihrer Faktur dazu eignet, dass zu ihr getanzt werden kann; neben der für den künstlerischen Tanz (Ballett, Modern Dance usw.) existiert die für den formellen Gesellschaftstanz gedachte Musik sowie die Musik für den formell weniger oder gar nicht festgelegten Tanz, wie er etwa in Rock-Konzerten und in Diskotheken getanzt wird. Prinzipiell kann zwar zu jeder Musik getanzt werden, doch werden im Gesellschaftstanz wie im formell freien Tanz bestimmte Tempi und gleich bleibende Taktarten bevorzugt.

Die europäisch-amerikanische Kunstmusik erhielt wesentliche, ja vielleicht die wichtigsten Anregungen vom Tanz. Die altgriechische Gesamtkunst, die muzike hieß, enthielt außer Dichtung und Musik auch den Tanz, und im Wort Choreographie wird der Hinweis auf ein musikalisches Element – den Chor, weitergeführt. Es ist verbürgt, dass in den Kirchen des Mittelalters auch getanzt wurde, und selbst die Priester haben anlässlich von Prozessionen tanzähnliche Bewegungen ausgeführt. Auch war die Orgel ursprünglich ein byzantinisches Hofinstrument, das u. a. zum Tanzen aufwartete. Das metrische Modell von 4, 8 und 16 Takten, das der europäischen Musik seit etwa 1600 innewohnt und heute jedem Angehörigen dieses Kulturkreises wie naturbedingt erscheint: diese »quadratische« Bauweise geht auf den Einfluss bestimmter Gesellschafts- und Paartänze dieser Zeit zurück. Ein großer Teil europäischer Kunstmusik wurzelt auch unmittelbar im Tanz, wie das die unzähligen Typen des gemessenen und gesprungenen Tanzes, des Paartanzes und des anschließenden Reigens beweisen, die sich in der musikalischen Produktion für Laute und Tasteninstrumente niederschlagen. Außer den später herauskristallisierten Suiten für Klavier und Orchester, deren stereotype Satzfolge Allemande, Courante, Sarabande und Gigue hießen, tauchten zwischen 1500 und 1800 allerlei andere Tanzarten von lokaler und vorübergehender Bedeutung auf: Siciliano, Folies d’Espagne, Bergamasca, Forlana usw. Im 18. Jahrhundert herrschte der zierliche Hoftanz Menuett vor und wurde auch in die zeitgenössische Symphonik als dritter Satz – bei J. Haydn, W.A. Mozart und dem jungen L. v. Beethoven – übernommen. Seine Vorherrschaft wurde im 19. Jahrhundert vom Wiener Walzer abgelöst, dessen bedeutendste Komponisten Joseph Lanner, Johann Strauß Vater und Sohn die ursprüngliche Gebrauchsgattung zu verfeinerten Kunstprodukten erhoben. Neben dem Walzer waren die Polka im 2/4-Takt oder die Rheinländer im gelassenen 2/4-Takt beliebt. Man tanzte gern und viel, und nicht selten überstrahlte die Tanzsaison auch wichtige politische Ereignisse, so etwa die Verhandlungen des Wiener Kongresses nach dem Sieg über Napoleon).

Während die früher wichtigsten Tänze – Menuett und Walzer – im 3/4-Takt stehen, werden im 20. Jahrhundert, mit Ausnahme des English Waltz, geradtaktige Tanztypen bevorzugt. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass frühere Tanzformen sich viele Jahrzehnte lang behauptet haben; dagegen halten sich die modernen Paartänze – abgesehen von einem Kanon etablierter Standard- und lateinamerikanischer Tänze – nur für wenige Jahre und eventuell sogar nur für eine Saison (Twist, Hully Gully, Slop usw.). Von Bedeutung für die neuere Tanzgeschichte waren folgende Tanztypen: der argentinische Tango, die kubanische Rumba, der nordamerikanische Onestep, Foxtrot und Cakewalk, in den zwanziger Jahren der Charleston, der Shimmy, nach dem Zweiten Weltkrieg der Boogie-Woogie sowie die brasilianische Samba. Wie im Twist exemplarisch belegbar, löste sich der Paartanz immer mehr in einen Tanz zu zweit, jedoch jeder für sich auf: der motorische Drang wird in Einzelimprovisationen von Bewegung und Gestus ausgelebt. Im Laufe der 1980er-Jahre löste sich auch diese virtuelle Paar-Bildung auf, jeder tanzt für sich.

Ebenso wie die Anfänge der Kunstmusik im Tanz wurzeln, steht das erste Jahrzehnt der Rockmusik – seit etwa 1954 – im Zeichen des Paartanzes und der Bewegungsimprovisation zu zweit. Rockmusik war ursprünglich Tanzmusik, wie das der Gebrauchszweck des Rock’n’Roll der 1950er-Jahre bezeugt: An eine vom Tanz losgelöste »Kunst« dachte man nicht. Doch in dem Maße, in dem Taktwechsel, irreguläre Rhythmen und – wie im so genannten meditativen Rock – rhythmischer Schwebezustand Aufnahme in die Rockmusik fanden, entfernte sich Rock seit den ausgehenden 1960er-Jahren immer mehr von einer allzu direkt verstandenen dienenden Funktion. Er wurde immer mehr zu einer selbständigen Kunstgattung, zu der man gelegentlich noch tanzen konnte und das etwa in Konzerten auch tat – wie man auch zu Schuberts Ländlern tanzen kann –, die jedoch kraft ihrer künstlerisch eigenständigen Ausformung ein aufmerksames Zuhören als das angemessenere Verhalten verlangt.

Das Bedürfnis nach Tanz erfüllte daher in den 1970er-Jahren eine eigenständige, nur lose mit Rockmusik verbundene Musik, kurz Disco genannt, nach dem Ort, wo sie zu hören war, wo getanzt wurde: in der Diskothek. Disco-Musik dieser Zeit, kenntlich vor allem an einer den Beat auf jedem Viertel schlagenden, quasi überdimensionalen Bass Drum und technisch ausgefeilter Produktion, hatte ihrerseits wiederum Auswirkungen auf die Rockmusik. Wie Rockmusik ist auch Disco-Musik nicht nur Musik, sondern es gehört eine bestimmte Lebensweise dazu, die das Wochenende und den damit verbundenen Besuch in der Disco in den Mittelpunkt des Lebens stellt. Punk Rock und zu Beginn auch New Wave um 1976-80 mit ihrer Zurücknahme eines künstlerischen Anspruches brachten die Konzertbesucher wieder zum Tanzen  wenn man Pogo als Tanz gelten lassen will. Schon nach 1980 aber erforderte die neue Rockmusik wieder den Zuhörer, so dass auch der Tanz wieder in den Hintergrund geriet; funktionelle Musik für die Diskotheken, mit dem Überbegriff Dancefloor bezeichnet, übernahm die Funktion der Tanzmusik. Die Grenzen zur Rockmusik waren zunächst fließend, gegenseitige Beeinflussung die Regel und häufig handelte es sich um schwarze Musik.

Eine spezielle Tanzform war zu Beginn der 1980er-Jahre der Breakdance mit seinen Abarten; seit Mitte der 1980er-Jahre wurde die Tanzmusik vor allem von House und Hiphop und deren Derivaten bestimmt. Die Musiker dieses Genres sind zuweilen erklärte Gegner von Rockmusik, obwohl Rockmusik unverzichtbarer Bestandteil dieser Tanzmusik ist. Gegen Ende der 1980er-Jahre kam Rockmusik, ergänzt um allerlei Studio-Gimmicks, erneut in die Diskotheken; Rave, wie der Name der ganzen Bewegung zunächst genannt wurde, wurde im Gegensatz von House und Hiphop wieder von Musikern gemacht. Später wurde der Begriff Rave auch allgemein als Terminus für eine Tanzveranstaltung gebraucht.

Spätestens seit Anfang de 1990er-Jahre verselbständigte sich die für den Tanz gedachte Musik unter dem Begriff Techno erneut. Seitdem verästelte sich die Tanzmusik in diverse Strömungen, doch ist seitdem durchgängig zu beobachten, dass für die Erzeugung von Tanzmusik Instrumente mit elektronischer Klangerzeugung – Synthesizer, Sampler, Drum Computer – verwendet werden, Gesang eine untergeordnete Rolle spielt und der DJ zum Protagonisten des Geschehen wurde; selbst für die Tanzpausen bildete sich ein eigenes Genre, seinerseits ebenfalls in diverse Spielarten unterteilt. Längst hat das Phänomen Tanzmusik eine Dimension erreicht, die es nicht mehr gerechtfertigt erscheinen lässt, sie als einen minder bedeutenden Zweig der Popmusik anzusehen.

Tanzen beschränkt sich aber nicht nur auf das rhythmische Bewegen zu einer Musik. Immer spielt das Ambiente, sei es ein Ballsaal, eine Diskothek oder ein ad hoc gewählter Raum – seit den 1990er-Jahren können Tanzveranstaltungen auch in verlassenen Fabrikhallen oder Straßenbahn-Depots stattfinden – eine wichtige Rolle. So auch die Kleidung: Schon zu Zeiten der Disko-Tanzmusik achteten Diskotheken-Gänger peinlich genau auf das »richtige« Aussehen ihrer Kleidung, das »Outfit«. Die häufig dadaistisch inspirierte Kleidung von New-Wave-Musikern wurde von Hörern dieser Musik nachgeahmt, mit eigener Phantasie ergänzt und umgeformt und schließlich in der Diskothek vorgeführt. So konnte man beispielsweise gegen Ende der 1980er-Jahre zum Teil äußerst einfallsreich gekleidete Tänzer sehen, die somit zeigten, dass trotz vieler Umformungen Tanz immer noch eine Möglichkeit der Selbstdarstellung ist.

Literatur

Sachs, Curt: Eine Weltgeschichte des Tanzes; Berlin 1977, New York 1937, London 1938