Terminologie

Terminologie, von lateinisch terminus für »Ziel«, im Sinne von »Grenzzeichen« über mittellateinisch terminus für »Zahlungsfrist« und altgriechisch logos für »Wortrede«, Fachsprache, dabei vor allem auf das Fachvokabular abzielend; die Fachsprache der Rock- und Popmusik entsteht nicht im wissenschaftlichen Diskurs, sondern im Zusammenwirken von Musikern, Public-Relations-Abteilungen von Plattenfirmen, Musikjournalisten und den Hörern der Musik. Mitunter steht nicht die Absicht der Definition oder gar die Erklärung im Vordergrund, einen Fachterminus zu bilden, im Vordergrund, sondern die Abgrenzung zu anderen Hörergruppen.

Es gibt gerade unter Rockmusikern und Fans die Ansicht, Fragen der Begriffsbildung – sofern sie die Rockmusik betreffen – seien eine rein akademische Angelegenheit, die den Rockfan und erst recht den Musiker nichts angeht: man bedürfe demnach nicht der Worte, um sich über Rockmusik zu verständigen. Indessen zielt nur ein Teil, besser gesagt nur ein Aspekt der Rockmusik auf sinnlichen Genuss ab, über den man in der Tat nicht sprechen kann; hierin unterscheidet sich Rockmusik nicht von jeder anderen Musik. Der andere Teil ist dem Nachdenken in Begriffen durchaus zugänglich, insofern etwa Zugehörigkeit zu einer Gattung, Formungsmerkmale, geschichtliche Herkunft und dergleichen erkannt und diskutiert werden können. Wenn zudem das Einverständnis über ein Stück nicht mehr gegeben ist, wenn also Unterschiede und sogar Gegensätze in der Wertung sichtbar werden, erscheint die Sprache mit ihren Begriffen erst recht notwendig, will der Rockhörer sich nicht auf unmotivierte Machtansprüche von »schlecht« und »gut« beschränken.
Gibt man die Nützlichkeit musikalischer Begriffe auch im Rockbereich einmal zu, so entsteht die Schwierigkeit, sich auf solche Begriffe zu einigen, die der Rockmusik angemessen sind. überspitzt könnte man sagen, dass es eine ebenso vielfältige musikalische Terminologie gibt, wie musikalische »Sprachen« oder Traditionszusammenhänge bestehen. Angesichts der Vielfalt musikalischer Systeme und Dialekte wäre es gewiss gewaltsam, die Begriffe eines Systems auf ein anderes, davon unabhängiges, zu übertragen. Bei dem Ringen um eine rockmusikalische Terminologie kann es nicht darum gehen, den Sachverhalten der Rockmusik etwa die jahrhundertealten Begriffe der traditionellen Kunstmusik zu stülpen. Die Begriffe der Rockmusik müssen vielmehr so gewählt und – wenn notwendig – konstruiert werden, dass mit ihrer Hilfe eine angemessene, der Erkenntnis förderliche Beschreibung des musikalischen Sachverhaltes gewährleistet wird.
Hierbei sind vor allem die Einflüsse zu berücksichtigen, die die Rockmusik anderen Idiomen verdankt. In groben Zügen lassen sich fünf Zusammenhänge kausaler Art in der Rockmusik beobachten.
1. Gewisse Techniken stammen unmittelbar aus dem Jazz, und sie lassen sich daher am besten mit Begriffen beschreiben, die der Jazzsprache entlehnt sind. So ist eine sich immer wiederholende Figur in der untersten Stimme Riff und nicht etwa »basso ostinato« zu nennen, auch wenn letzterer Begriff aus der Bildungsmusik auf eine weit längere Vergangenheit zurückblickt und den gleichen Sachverhalt beschreibt. Die betreffende Praxis des Rockmusikers wurzelt nämlich im Jazz, nicht in der älteren Bildungsmusik. Wegen solcher direkten Verbindungen mit dem Jazz erscheinen auch Begriffe wie Break, Drive, Blue Notes, Liner Notes und Off Beat gerechtfertigt. Natürlich muss man sich darüber verständigen, was diese Begriffe im Einzelnen bedeuten; gerade in Bezug auf den Begriff Off Beat herrscht keineswegs Einigkeit.
2. Andere Sachverhalte der Rockmusik sind unter dem Einfluss der traditionellen, europäisch geprägten Kunstmusik entstanden, auf sie treffen Ausdrücke wie »Round« (d.h. Kanon), Suite, Opera. glissando und weitere mehr zu.
3. Bekannt in der Rockmusik sind ferner Einflüsse, die nicht auf den afroamerikanischen und europäischen Musikbereich zurückgehen und die man verkürzt daher »exotische Einflüsse« nennen könnte. Sie zeigen sich im Rock eher direkt, so in der Verwendung von Instrumenten (z. B. Sitar) sowie in der Musizierart, weniger in der Terminologie. Aber Ausdrücke wie Raga, Reggae, »Voodoo« und meditative Musik knüpfen auch hier an den Wortgebrauch der Ursprungsländer an.
4. Viele Musiziertechniken sind im Laufe der Geschichte der Rockmusik als deren eigene Beiträge aufgetreten. Sie beziehen sich vielfach nicht auf die Musik, sondern
auf technische Verfahren, Organisation und Musikbetrieb, zu nennen wären etwa die Termini Gimmick, Album, Polls, Groupie, Roadie. Die Schwierigkeiten einer Terminologie der Rock- und Popmusik werden nicht schon dadurch aufgedeckt, dass jeweils der sachlich-ursächliche Zusammenhang aufgedeckt und der entsprechende Herkunftsbegriff gewählt wird. Die meisten – ursprünglich anderen Musikbereichen entlehnten – Techniken sind im Rock umgeformt worden; die übernommenen Spielweisen haben hier eine eigene Tradition gestiftet, so dass diese, nicht mehr das ursprüngliche Modell wie Jazz, Kunstmusik, exotische Musik dem jungen Rockmusiker als Maßstab und Vorbild dienen. Es erscheint somit willkürlich, solche Techniken immer noch mit dem ursprünglichen Namen zu belegen. Das Schlagzeugsolo des Rock-Drummers beispielsweise hat gegenüber dem Jazzvorbild an Länge und rhythmischer Verwicklung zugenommen; die ebenfalls aus dem Jazz stammenden Blechbläser gehen im Jazzrock eine Verbindung mit elektrischer Gitarre und elektrischer Bassgitarre ein und ergeben daher ein neues Klangbild; die Rock-Oper als Gattung wirft unerwartete Schwierigkeiten der Formung wie der Inhaltsvermittlung auf, so dass sie kaum mehr im Zusammenhang mit der traditionellen Oper betrachtet werden kann.
Bei all diesem sollte nicht aus dem Blickfeld geraten, dass an der Begriffsbildung auch Stellen mitwirken, deren Anliegen nicht die Förderung einer musikimmanenten Diskussion ist, sondern das nach Marktgesetzen Verkaufen eines Produktes, das zwar möglicherweise neu, nicht aber anders ist als andere Produkte. Die Marketing- und Presseabteilungen der Plattenfirmen schaffen daher neue Begriffe, um die Aufmerksamkeit des Publikums auf eben dieses Produkt zu lenken. Musikjournalisten, die einerseits häufig genug kritiklos auch die unsinnigsten Begriffe, die man ihnen seitens der Industrie offeriert, übernehmen, andererseits beinahe jederzeit in der Lage sind, selbst neue Begriffe zu kreieren, sind ebenfalls in hohem Maße an der Begriffsbildung der Rockmusik beteiligt; musikalische Kenntnisse spielen dabei zumeist keine Rolle. So sieht sich der Rockhörer innerhalb kürzester Zeit mit eine wahren Flut von Begriffen konfrontiert, die häufig musikalische Sachverhalte benennen wollen, deren größtes Unterscheidungsmerkmal noch der Begriff selbst ist.
5. Und schließlich sind da die Konsumenten, die – sobald sie sich mit einer Musik stärker identifizieren – durch Begriffsbildung Grenzen ziehen: Es soll eben nicht jedermann etwa unter beispielsweise Witchhouse, Dubstep, Melodic Metal, Neo-progressive Rock sich etwas vorstellen können. Sobald ein derartiger Begriff den engen Zirkel der Fans verlässt, weil er eben ein größeres Publikum anzieht – und dies nach Willen der Musiker und der Plattenfirmen ja auch soll – wenden sich die eingeschworenen Fans einer neuen Bezeichnung, zu, unter der faktisch – also in der Machart – dieselbe oder zumindest sehr ähnliche Musik firmiert. So ist die Flut der Begriffe gerade im Bereich der Dance Music wie im Heavy Metal exorbitant und setzt fast immer augenzwinkernd voraus, dass das Gegenüber schon wisse, was unter diesem oder jenem Terminus zu verstehen sei. Spätestens dann ist der Punkt erreicht, dass aus der Fachsprache eine Geheimsprache entsteht, die nicht nur der Abgrenzung, sondern der Ausgrenzung dient.