Texte

Texte, englisch: lyrics, sprachliche Botschaften, die integraler Bestandteil der weitaus meisten Kompositionen von Blues, Country, Folk, Pop usw. sind; ausschließlich instrumentale Kompositionen, Instrumentals genannt, sind in diesen Bereichen der Musik äußerst selten und es gibt nur wenige Musiker und Bands, die komplett auf Texte verzichten.

Nimmt man die Herkunft von Rock und Pop aus der Country Music und der Folk Music der weißen Amerikaner einerseits, dem Blues der schwarzen Amerikaner andererseits als gegeben, so sind die Texte von Rock- und Popsongs wie diese in erster Linie Beschreibungen der eigenen Situation aus subjektiver Sicht; Themen sind dann vorrangig die eigene Einsamkeit, die vage Möglichkeit zwischenmenschlicher Beziehungen wie deren Scheitern. Thematisch ist Rockmusik die Musik der Einsamkeit, die ihre Ursache in der Konfrontation des Menschen – dabei ist es gleichgültig ob von weißer oder schwarzer Hautfarbe – mit unabänderlich erscheinenden sozialen Zuständen hat: Der weiße Trapper, Cowboy oder Industriearbeiter war der überwältigenden Natur bzw. der kapitalistisch organisierten Volkswirtschaft ausgesetzt, der schwarze Sklave der Willkür seines Besitzers. Trost versprachen die Religion und die Hoffnung auf ein besseres – weniger entbehrungsreiches – Leben.

So sind die Wurzeln der Texte der Rock- und Popmusik in Kirchenliedern, in Liedern der Gewerkschaften, in den Folk Songs der Auswanderer aus Europa, in Work Songs und Field Hollers, in Spirituals und den Songs der englischen Music Hall wie der amerikanischen Minstrel Shows, in schottischen Balladen und englischen Gassenhauern zu finden. Später kamen neue Themen zu den alten, Songs über die Eisenbahn, später über das Auto und die Straße, dann über das Fliegen. Film und Fernsehen nahmen Einfluss auf die Texte, in jüngerer Zeit das Telefon – über das es eine erstaunliche Anzahl von Songs gibt – und nicht zuletzt die E-Mail, wie etwa bei Porcupine Tree: »Feel So Low« (»Lightbulb Sun«, 2000) ist die Klage eines Mannes, der vergeblich auf die E-Mail eines geliebten Menschen wartet – thematisch im Grunde also nichts anderes als es ein Blues des ausgehenden 19. Jahrhunderts zum Thema hatte. Sex spielt eine wichtige Rolle, wird in aller Regel aber in einer maskierten Sprache dargestellt: Wenn Lowell George von Little Feat »Rocket In My Pocket« (»Time Loves A Hero«, 1977) sang, meinte er damit nicht ein Fluggerät. Noch bis in weit in die 1950er-Jahre wurden die Texte schwarzer Urheber »entschärft«, wenn sei ein weißer Interpret für ein weißes Publikum sang. In der Faktur der Texte ist jede Technik einsetzbar, Reime wie Prosa. Eine bedeutende Rolle spielt der Slang wie – zumal im Hiphop – die Sprache und das Vokabular, oft genug für den Außenstehenden undurchdringlich. Hiphop ist ohnehin weit mehr eine literarische als ein musikalische Form: Battles, Wettkämpfe zwischen Rappern, werden sprachlich ausgefochten, und anders als im Rock oder im Pop spielt hier die Musik eine zweitrangige Rolle. Die Existenz von Slam Poetry ist ohne Rap und Hiphop nicht denkbar.

Dennoch werden Texte der Songs von Rock und Pop in aller Regel als Gebrauchslyrik, als notwendige Übel gesehen. In Deutschland beispielsweise sind die englischen Texte nur in sehr seltenen Fällen Gegenstand kritischen Interesses und die meisten Rock- und Pophörer scheren sich nicht um die Inhalte. Natürlich werden Musiker wie John Lennon und vor allem Bob Dylan als literarische Talente erkannt und manchmal auch gewürdigt – bis hin zu der immer wieder aufkommenden Forderung, Dylan den Nobel-Preis für Literatur zu verleihen –, die Texte anderer Musiker hingegen – etwa von Ray Davies (The Kinks) oder Pete Townshend (The Who) werden schon weit weniger wahrgenommen. Natürlich wurden und werden Texte zu jeder Art von Musik häufig als zu vernachlässigende Größe angesehen – und dies betrifft Songs von beispielsweise Britney Spears ebenso wie die Kompositionen einer beliebigen Oper von Georg Philipp Telemann –, im Falle von Rock- und Popmusik hielt man es erst etwa in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre für angebracht – nicht: notwendig – die Texte der Songs auf der Plattenhülle oder der Inner Sleeve abzudrucken, »Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band« (1967) soll das erste Album gewesen sein, bei dem die Texte als so beachtenswert betrachtet wurden, dass sie auf der inneren Hülle der LP abgedruckt wurden; bezeichnend vielleicht auch, dass in der Sekundärliteratur beinahe jeder Aspekt des Albums – Musik wie Gestaltung der Hülle – Berücksichtigung fand, nicht aber die Texte, die als integraler Bestandteil der Cover-Gestaltung oft noch nicht einmal wahrgenommen wurden.

Als die Beatles die Texte der Songs abdrucken ließen, war das ein Signal für diverse andere Musiker und Bands, es ihnen gleich zu tun. Dabei zeigte sich, dass es sämtliche Arten von Texten gab: Banale Funktionslyrik wie ernst zu nehmende Poesie. Die Texte mancher Bands wurden dann auch als Buch herausgegeben, allen voran wieder die der Beatles. Deren Texte sammelte der Künstler Alan Aldridge in zwei von ihm herausgegebenen Büchern, wobei die Texte Anlass für Bilder waren, die teils von Aldridge selbst, zum größeren Teil aber von anderen Bildenden Künstlern stammen. Auch die Texte von beispielsweise The Rolling Stones, Frank Zappa und Bob Dylan wurden als Buch herausgegeben, in Deutschland mit Übersetzungen ins Deutsche.

Überflüssig zu sagen, dass die meisten Texte der Rock- und Popmusik in englischer Sprache verfasst sind, US-amerikanische Texte daher auch mit den entsprechenden Unterschieden. Es gab und gibt natürlich auch Texte in diversen anderen Sprachen, doch haben diese auf dem Weltmarkt keine Bedeutung, was man daran ablesen mag, dass deutsche Rockmusiker – wenn sie denn wie etwa Nena oder Herbert Grönemeyer auf dem Weltmarkt Fuß fassen wollten – ihre deutschen Texte ins Englische übersetzen ließen. Dabei haben natürlich auch deutsche Rockmusiker ihren Beitrag zur deutschen Poesie geleistet, zu nennen wären auf jeden Fall Udo Lindenberg, Herbert Grönemeyer, Stephan Stoppok, Die Fantastischen Vier und Dendemann.

Einige wenige Musiker und Bands singen zwar zu ihrer Musik, doch werfen diese Schallplatten und CDs eine Reihe von Fragen auf, bis hin zu der, ob es sich überhaupt noch um Rock oder Pop handelt: Die französische Rockband Magma um den Schlagzeuger Christian Vander etwa verwendet für ihre Musik Texte in der Kunstsprache kobaïanisch, die auf dem fiktiven Planeten Kobaïa gesprochen wird. Elizabeth Fraser, bis 1998 Sängerin der britischen Formation Cocteau Twins, experimentierte ständig mit Sprache bis hin zu deren Auflösung in Vokalisen; selbst wenn sie Worte verwendet, etwa aus dem Englischen oder auch aus dem in Irland und Schottland beheimateten gälischen Sprechgesang Puirt a beul, geschieht dies eher aus dem Willen der Klanggestaltung als aus dem, eine Inhalt zu transportieren. In diesem Punkt ähnelt der Gesang von Fraser allerdings auch einigen Texten etwa der britischen Progressive-Rock-Band Yes, in denen Jon Anderson, Sänger der Band, Worte um des Zusammenklangs und der Integration in die Musik willen aneinanderreihte. Der textlose Gesang, wie er im Jazz als Scat gängig ist, ist indes in der Rockmusik allenfalls als Parodie, etwa bei The Monkees oder Small Faces, zu finden, und wenn in ernster Absicht, wie etwa von George Wadenius bei Blood, Sweat & Tears, ist es gleich wieder Jazz.

Das kritische Verhältnis von Musik und Text hat natürlich einen erheblichen Einfluss auf den Schaffensprozess. Zwar fühlen sich viele Rock- und Popmusiker für Komposition wie für ihre Lyrics zuständig – eine wesentliches Kenzeichen von Rockmusik –, doch gibt der eine der Komposition, der andere dem Wort den Vorrang. John Lennon beispielsweise ordnete seinen Texten stets die Faktur der Musik unter und nahm dabei auch formale Extravaganzen in Kauf wie etwa Taktwechsel für nur einen Takt in einer einzigen Strophe. Paul McCartney dagegen drehte und wendete die Worte seiner Texte, bis sie seinen meist klassisch konstruierten Songs dienten. Oft entstehen Songs im Kollektiv der Band, wobei sich aber auch dann die unterschiedlichen Begabungen der Musiker zeigen. Schließlich gibt es zahlreiche Duos von Songschreibern, die aus einem Komponisten und einem Texter bestehen. Und auch in der Rockmusik ist der Texter, der für die Texte einer Band zuständig ist, ohne Mitglied der Band zu sein, nicht unbekannt. Pete Sinfield – er schrieb Texte für King Crimson wie für Emerson, Lake & Palmer – ist vielleicht der Prototyp dieser Kategorie von Rockmusikern.

Textsammlungen

Bob Dylan: Texte und Zeichnungen; Frankfurt/Main 1975; Englisch/Deutsch; Deutsch von Carl Weissner
Bob Dylan: Songtexte 1962-1985; Frankfurt 1987; Englisch/Deutsch; Deutsch von Carl Weissner und Walter Hartmann
Aldridge, Alan (Hrsg.): The Beatles Illustrated Lyrics 1; London 1969
Aldridge, Alan (Hrsg.): The Beatles Illustrated Lyrics 2; London 1971
Mark E. Smith: The Fall – Lyrik & Texte: Berlin 1985; Englisch/Deutsch
The Rolling Stones: Songbook. 155 Songs mit Noten; Frankfurt/Main 1977; Englisch/Deutsch; Deutsch von Teja Schwaner, Jörg Fauser und Carl Weissner, 75 alternative Übersetzungen von Helmut Salzinger
Frank Zappa: Plastic People. Songbuch; Frankfurt/Main 1977; Englisch/Deutsch; Deutsch von Carl Weissner

Literatur

Urban, Peter: Rollende Worte. Die Poesie des Rock – Von der Straßenballade zum Pop-Song; Frankfurt/Main 1979
Benzinger, Olaf: Meisterwerke kurz und bündig – Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band der Beatles; München 2000
Grasskamp, Walter: Das Cover von Sgt. Pepper – Eine Momentaufnahmen der Popkultur; Berlin 2004